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bis irgend ein verübtes Bubenstück ihn nötigte, bei Nacht und Nebel fortzugehn, da ihm dann gewöhnlich die Flüche betrogner Gläubiger, mit Undank gelohnter Wohltäter und verführter Mädchen nachfolgten. Dann trat er zwölf Meilen von da unter anderm Namen auf, hiess in St. Petersburg Monsieur Dubois, in Berlin Signor Carino, in Hamburg Herr Zarowsky und in Wien Herr Leutammer; erschien bald in gestickten Fracks, mit zwei Uhren, bald im zerrissnen Überrocke, als blinder Passagier auf dem Postwagen. Sein Herumtreiben unter Menschen aus allen Ständen hatte ihm eine gewisse Wendung, einen Anstrich von Feinheit und Welt gegeben, obgleich er im grund äusserst leer und unwissend war. In dem Augenblicke, da wir ihn hier haben auftreten lassen, war er ohne einen heller Geld zu fuss nach Peina gekommen, in der Zuversicht, die ihn, wie wir gesehen haben, auch nicht trog, dass er, bei der Menge von Fremden, die jetzt nach Braunschweig ströhmten, leicht einen gutwilligen Mann finden würde, der ihn dahin mitnähme, wo er ein Concert zu geben, oder sonst einen Fang zu tun hoffte. Unsre Landleute aus Biesterberg waren grade die Menschen, deren er bedurfte. Dass er beim Abfahren dem Förster, den er für seinen Vetter ausgab, die Sorgfalt überliess, seine Zeche zu bezahlen, war nur ein kleines Probestück seiner Kunst, im Vorbeigehn; von seinen ReiseGefährten aber hoffte er grössere Vorteile zu ziehen.

Sobald nun die Kutsche das holprichte Steinpflaster in Peina verlassen hatte, fing Herr Carino an, mit sanfter stimme und bescheidnem, ehrerbietigem Wesen, seine Gesellschafter zu unterhalten.

"Der junge Herr", sprach er, "sind wohl noch nie in Braunschweig gewesen. Das Gewühle von Menschen wird jetzt ungeheuer gross darin sein. Man muss sich da im Gedränge gewaltig in Acht nehmen, dass man nicht bestohlen oder sonst gemisshandelt werde. Ich will wohl raten, Uhr und Geldbeutel im Gastofe zurückzulassen. Wir wollen uns dann immer nahe zusammenhalten, und wenn mein hochgeehrtester Herr Amtmann mir Dero Herrn Sohn anvertraun wollen, will ich schon auf's Beste für den jungen Herrn sorgen."

Dies Anerbieten konnte nicht anders als äusserst dankbar angenommen werden; die übrige Frist bis zur Ankunft in Braunschweig verwendete Herr Carino, sich vollends in dem Zutraun des alten Herrn festzusetzen und ihm mit angenehmen Erzählungen die Zeit zu vertreiben.

Im goldnen Engel fanden unsre Reisenden einen solchen Zusammenfluss von Fremden aus allen Gegenden, dass sie nur mit genauer Not noch ein kleines Zimmer unter dem Dach eingeräumt bekommen konnten, wo sie ihre wenigen Päckereien absetzen liessen.

"Dass Dich der Tausend!" rief plötzlich der Herr Amtmann Waumann, als ihm auf der Treppe ein dikker Herr in einem braunen Rocke mit gelben Knöpfen und einer roten Weste mit Gold besetzt begegnete. "Alter Freund! wie treffen wir uns hier an?" – Es war der Licentiat Bocksleder aus Schöppenstedt, sein Universitäts-Freund, den auch die Neugier hierher getrieben. – Und dann hatten sie sich tausend Dinge zu erzählen. "Und weisst Du denn, Herr Bruder Amtmann! dass meine Frau auch mit hier ist und ihr Vater, der Kaufmann Pfeffer? Du musst mir gleich mit zu ihnen. Wir logiren nicht hier im haus, sondern im Prinzen Eugen; ich suchte nur hier jemand auf. Wir haben noch über zwei Stunden Zeit, ehe der Ball aufsteigt. Mit dem Anfüllen geht auch sehr viel Zeit weg. Und Platz finden wir immer. Lass uns das Spectakel ausser dem Tore jenseit des Grabens ansehn; in der Schanze ist das Gedränge zu gross, und warum sollte man noch Geld dafür ausgeben?"

Der Amtmann machte einige Einwendung in Rücksicht auf seinen Sohn, und, wenn er Den auch mitnehmen wollte, hauptsächlich wegen der andern beiden gefährten, die noch von Peina nachkommen würden; allein Herr Carino erbot sich, dem jungen Herrn nicht von der Seite zu gehen, mit ihm und, sobald der Pastor und der Förster da sein würden, auch mit Diesen nach der Contre-Escarpe zu folgen. "Dort, wertester Herr Amtmann!", sagte er, "werden wir Sie schon finden; und wenn auch nicht; so treffen wir doch, sobald alles vorbei ist, gegen Abend hier wieder zusammen. Lassen Sie Sich ja nicht von Ihrer angenehmen Gesellschaft abhalten!" Der Vorschlag wurde angenommen, und der Amtmann ging mit seinem Freunde.

"Sie sind, meiner Six! ein netter Mann, Herr Carino!" sprach Musjö Valentin, als er mit dem Virtuosen allein war. "Ich habe Ihnen recht lieb. Sie sprechen so artig, dass man gern zuhört. Ihr Gespräch ist gleichsam, wie das Wirtshaus-Bier; Man wird immer durstiger darnach, jemehr man davon geniesst." "Und Ihr Witz", erwiderte Herr Carino, "ist wie das März-Bier; Er ist auch noch in künftigem Sommer gut, ohne schaal zu werden." –

Hier wurde ihre Unterhaltung durch die Ankunft eines Boten aus Peina unterbrochen, den der Hausknecht hereinführte und der nach dem Herrn Amtmann Waumann fragte. Er brachte einen Brief an denselben, und da zu vermuten war, dass der Inhalt vielleicht wichtig und von der Art sein könnte, dass man eilig etwas darauf antworten oder tun müsste, Papa Waumann aber nicht herbeigeholt werden konnte, übrigens auch der Brief wohl keine Geheimnisse zu entalten schien, indem er nur mit einer Oblate versiegelt war; riet Herr Carino, denselben zu erbrechen