der grossen Welt, in welcher sie so fremd waren, der Schein gewaltig betröge. Indessen war ein Gespann Pferde zurück gekommen; Man konnte also die Hälfte unsrer Freunde nach Braunschweig spediren. Es war nicht ratsam, länger zu warten, weil jeden Augenblick neue Fremde ankamen, welche die Pferde wegnahmen. "So will ich denn", sprach Herr Waumann, "mit Valentin vorausfahren. Sobald ein anders Gespann kommt, folgen Sie nach, und im goldnen Engel finden wir uns wieder."
"Ich sehe", sagte der Virtuose, "dass der Herr Amtmann einen Platz leer haben. Wollen Sie so gütig sein, mich mitzunehmen; so gewinne ich Zeit; meine Equipage kann nachkommen. Ich wollte gern heute noch, ehe der Lerm losgeht, den Prinzen *** sprechen, der mich erwartet." –
So etwas abzuschlagen, dazu hatte der Herr Amtmann keinen Mut; also nahm er den musicalischen Reisenden mit. "Mein Vetter, der Förster da oben bezahlt für mich", sagte der Virtuose dem Küfer leise in das Ohr, als er hinunter kam, und damit stieg er schnell ein, und sie fuhren ab.
"Wir wollen", sprach der Pastor, "dies Stück Kuchen mitnehmen; Es muss doch bezahlt werden. Aufwärter! hat er nicht ein Stück Papier?" Der Aufwärter ging hinaus, kam bald wieder und brachte einen halben Bogen, klein beschrieben. "Ach! was ist das?", rief Ehren Schottenius, "das ist ja meine Hand. Wo hat Er das Papier gefunden? Ach, Du meine Güte! das ist meine schönste Predigt. Wie ist Er an dies Blatt gekommen?"
O Ihr unsichtbaren Mächte! Schutzgeister, Engel und Teufel, Heilige und Verdammte, Genien, Dämonen! oder wie Ihr heissen möget, die Ihr Eure Nasen in das Gewebe unsrer Schicksale steckt; sprechet, was haben die armen Reisenden aus Biesterberg verbrochen, dass Ihr ihnen so übel mitspielet? War es Euch nicht genug, dass der dienstfertige Förster Dornbusch für seine gute Absicht, Agnes Bernauer aus den groben Händen des Hausknechts zu erlösen, mancherlei Streiche leiden musste, dass der unschuldige Valentin Waumann, als ein Ehebrecher angeklagt, mit TodesGefahr bedroht wurde, und dass sein würdiger Erzeuger sich gezwungen sah, aus seinem Seckel seinen einzigen Leibes-Erben von dem zwiefachen Schimpfe loszukaufen. Muss nun noch die Unsterblichkeit, die sich Ehren Schottenius in der Schulbuchhandlung in Braunschweig schwarz auf weiss wollte geben lassen, ein Spiel loser Buben werden? Denn dass Du es nur wissest, geneigter Leser! folgendermassen war es mit der unglücklichen Predigt zugegangen: Die schönen Beschreibungen und Kupferstiche, welche des berühmten Herrn Blanchards Wind-Reise vorstellten und wodurch die curiosen Liebhaber brodloser Künste herbeigelockt werden sollten, hatten die muntre Jugend in Peina bewogen, die Nachahmung der Luftbälle seit einiger Zeit zum Haupt-gegenstand ihrer unschuldigen Spiele zu machen. drei lustige Knaben, die ihr Wesen in dem hof des Herrn Postmeisters trieben, wiegten sich eine Zeitlang in der leer stehenden halben Kutsche des Pastors Ehren Schottenius. Ihre Neugier trieb sie endlich auch, in den Bock- und in den Sitzkasten hinein zu blicken. Da fanden sie dann in letzterm unglücklicherweise das Manuscript unsers armen Pastors; und weil sie keinen Begriff von der Wichtigkeit dieser Papiere hatten, erklärten sie das ganze Bündel für eine res nullius, nahmen einige Hefte davon, holten Scheere, Nadeln und Zwirn herbei, begannen, von den Wahrheiten des christentum wegzuschneiden, was nicht zu der Form eines Luftballs passte, wie der Doctor Bahrdt von den Kirchensystemen wegschneidet, was ihm nicht rund genug ist, und fiengen dann an, die Stücke zusammen zu nähen, um die Nachahmung einer aerostatischen Maschine zu stand zu bringen. Der Aufwärter, welcher Papier suchte, nahm den Knaben eines von den Blättern weg, brachte es dem Pastor, wie wir gehört haben, und in welche Klagelieder dann der ehrwürdige Herr bei dem Anblicke dieses Fragments ausbrach, das wollen wir aus Schonung gegen den geneigten Leser verschweigen. Unsre Erzählungen werden je zuweilen rührend sein; aber erschüttern wollen wir nicht. Auch können wir Ihnen zumTroste sagen, dass der geistliche Herr noch früh genug in den Hof kam, um den grössten teil des Manuscripts zu retten. Es war eigentlich nur Eine Predigt ganz, und von einer andern die Nutz-Anwendung verlohren gegangen. – Ein erträglicher Schaden! Geht doch so manche Predigt ganz, und von den mehrsten die Anwendung verlohren! Da das zweite Gespann Pferde noch immer nicht zurückgekommen war und Ehren Schottenius die beiden Seiten der Schluss-Vermahnung noch im kopf hatte; liess er sich geschwind einen Bogen reines Papier geben, schrieb sie wieder auf, und hatte doch nun sechs und funfzig Predigten vollständig. – Was in der sieben und funfzigsten gestanden hatte, war freilich im eigentlichsten Sinne, in den Wind geredet.
Wir lassen den geistlichen Herrn schreiben und begleiten unsern Amtmann auf seiner Reise nach Braunschweig.
Fünftes Capitel
Was dem Herrn Amtmanne und seinem Sohne nach
der Trennung von ihren gefährten begegnet.
Der reisende Virtuose, den wir mit unsern beiden Freunden haben nach Braunschweig abfahren lassen, war, wie leider! die mehrsten Menschen, die sich dieser Lebensart widmen, ein Erz-Taugenichts, der von den Schwächen andrer Leute lebte. Wenn er in einer Stadt die müssigen Music-Liebhaber durch sein Talent und die manntollen Weiber durch seine seelenlose Figur bezaubert hatte, nistete er sich auf eine Zeitlang ein und blieb dort,