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Adolph Freiherr von Knigge

Die Reise

nach Braunschweig

Ein comischer Roman

Vorrede

Der kleine Roman, den man hier dem Drucke übergiebt, ist, in Stunden der Erholung von ernstaften Geschäften, geschrieben, um das Gefühl der heftigen cörperlichen Leiden, wovon der Verfasser seit mehr als Jahres Frist unaufhörlich gepeinigt wird, durch unschuldigen Scherz zu mildern, geschrieben, um, bei Sorgen mancher Art, durch leichten Witz, sich in harmloser Stimmung zu erhalten. Er macht also auch keinen Anspruch auf die Musse solcher Leser, die tiefsinnige philosophische Betrachtungen und überraschend feine Blicke in die natur des menschlichen Herzens in solchen Romanen zu finden hoffen.

Der Verfasser hat bis jetzt in seine Schriften ähnlicher Art, die Behandlung wichtigrer Gegenstände einzuflechten und die Sitten der sogenannten höhern Menschenclassen zu schildern gesucht; hier versteigt er sich nicht so hoch und widmet daher diese Arbeit auch nur solchen Lesern, denen es darum zu tun ist, ihre Augen einmal von Höfen, Fürsten, Staatshändeln und gelehrten Kampfplätzen ab, auf ländliche Scenen und lachende Bilder gelenkt wissen zu wollen.

Das ist alles, was der Verfasser von diesem Büchlein zu sagen weiss, um den Gesichtspunct anzuzeigen, aus welchem er beurteilt zu werden wünscht.

Bremen, um Ostern 1792.

Erstes Capitel

Eine ländliche Gesellschaft rüstet sich zu einer

Reise, um merkwürdige Dinge zu sehen.

"Das mag possirlich aussehn, Herr Pastor!" sagte der Amtmann Waumann zu dem geistlichen Herrn, der, mit dem andern Zeitungsblatte in der Hand, ihm gegenüber sass. "Das mag possirlich aussehn, wenn so ein Mann in der Luft herumfährt und einen Ball unter dem Hintern hat." "Nicht unter dem salva venia Hintern, excusiren Sie!" erwiderte der Pastor Schottenius, "der Musjö Blanchard sitzt in einem Schiffchen, welches an dem, mit künstlicher Luft gefüllten grossen Ballon befestigt ist." "Was Teufel!" fiel ihm hier der Förster Dornbusch in die Rede, "wie macht es aber der Hexenkerl, dass er damit herumkutschirt? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehn." Nun liess sich Ehren Schottenius auf eine weitläufige Beschreibung der Luft-Kutschier-Maschinen ein, und bewies zuerst, dass es auf keine Weise sündlich sei, Versuche von der Art zu machen, wie wohl manche abergläubische Leute meinen mögten. Vielmehr diene die Erforschung der natur und deren Kräfte zur Verherrlichung des Schöpfers "wie ich dies" fügte er hinzu "in meinen, nun bald im Drucke erscheinenden Predigten, zum öftern bewiesen habe." Dies war der Refrain, welchen er, in der gewöhnlichen Unterhaltung, jedem Satze, den er vortrug, anzuknüpfen pflegte. Er hatte nämlich eine Sammlung von 57, schreibe sieben und funfzig Stück Predigten fertig liegen, die er herauszugeben längst beschlossen hatte, und es gab wenig Gegenstände unter dem mond und wenig Wahrheiten und Vermutungen, über welche er nicht in diesen Kanzel-Reden gelegenheit genommen hätte, seine unmassgebliche Meinung zu sagen. Ehren Schottenius war in der Tat ein aufgeklärter GeistlicherEs gibt böse Menschen, welche behaupten, das sei eine contradictio in adjecto, oder vielmehr, ein Prediger handle sehr inconsequent, wenn er die Aufklärung befördre; allein unser Herr Pastor wiederlegte durch sein Beispiel diese Ketzerei. Nur müssen wir uns über den richtigen Begriff des Worts Aufklärung verstehn. Er war kein Mann, der das Gegenteil von dem glaubte und lehrte, als worauf er geschworen hatte und wofür er sich besolden liess. Er nahm nicht das Lämpchen der Aufklärung in die Hand, um in dem Altertums-Cabinette speculativer Raritäten und dogmatischer Geheimnisse aufzuräumen; sondern er verwaltete die ihm über diesen Schatz anvertrauete Aufsicht, nach Anweisung seiner Obern und so, wie die mehrsten Bibliotekare in und ausser Klöstern die Aufsicht über die Sammlungen seltner Handschriften zu führen pflegen; denn er bewahrte sie vor nagenden Mäusen und vor verbleichenden Sonnenstrahlen, rührte jedoch nicht anders daran, als wenn er an hohen Festtagen einmal den Staub davon abkehren musste, damit man doch den besuchenden Fremden zeigen könnte, dass sie noch da wären. Seine Aufklärung aber bestand darin, dass er nicht alle andren menschlichen Kenntnisse auf den einzigen Stamm der Ortodoxie propfen wollte, sondern mit Vergnügen von neuen Entdeckungen in allen Gebieten der Wissenschaften und Künste reden hörte, ohne sich darum zu bekümmern, ob der Schlüssel dazu schon in den mosaischen Geschichtsbüchern zu finden wäre, oder nicht. Er empfahl in seinen Predigten, neben der reinsten christlichen Moral, eine edle Wissbegierde und Empfänglichkeit für alles nützliche Gute und rief oft mit Paulus aus: "prüfet alles, und das Gute behaltet!" Diese vernünftige Stimmung hatte er dadurch erlangt, dass er einige Jahre in dem haus eines Edelmannes in Halberstadt als Kinderlehrer zugebracht, und dort gelegenheit gehabt hatte, mit Männern von grossen Einsichten umzugehn. Freilich hatte er sich nachher auf dem land wieder, wie man zu sagen pflegt, ein wenig verlegen; aber immer noch unterschied er sich vorteilhaft unter seinen Amtsbrüdern weit umher. Allein die innere Überzeugung dieses Vorzugs gab ihm auch wohl zuweilen eine etwas zu hohe Meinung von sich selber, so dass er niemand lieber reden hörte, als den Pastor Schottenius; und man hätte versucht werden mögen, zu glauben, er habe nur den seinem stand sonst vorgeworfenen geistlichen Hochmut gegen eine Art gelehrtem Stolze vertauscht. Diese Meinung könnte uns nun bewegen, einige scharfsinnige Bemerkungen über die Quellen mancher menschlichen Tugenden zu machen. Wir würden dann zum Beispiel finden, dass, wenn mancher grosse Mann durch seine Popularität und Herablassung gegen kleine Leute sich