wenn auch jeder heimlich alles so ziemlich der gesunden Vernunft gemäss fand, was mein Herr Vetter über Menschenrechte und bürgerliche Einrichtungen gesagt hatte, so liess er doch das nicht gelten, was seinen besonderen Stand anging. Nun nahm ich mir gleich damals vor, ein paar Bogen wenigstens zu Verteidigung der politischen Grundsätze des Herrn Noldmanns zu schreiben. Ich wollte darin ungefähr folgende Sätze ausführen: "In der 'geschichte der Aufklärung von Abyssinien' sind Missbräuche in den Staatsverfassungen gerügt, deren, mehr oder weniger, in jedem land angetroffen werden. Das Bild der Ausartung der bürgerlichen Gesellschaften und ihres Widerspruchs mit den ersten Zwekken des Sozietätsvertrags ist zwar mit sehr starken Farben ausgemalt, aber nicht, als hätte der Verfasser dadurch zu erkennen geben wollen, dass alle diese Missbräuche in allen Staaten herrschend wären, sondern nur, um aufmerksam zu machen auf die fürchterlichen Folgen, die notwendig entstehn müssen, wenn man sich immer weiter von den ursprünglichen, heiligen Rechten der natur entfernt, zu zeigen, wie tief der raffinierte Despotismus mit allen seinen Ressorts, an der Hand des Luxus und der Sittenlosigkeit, die Völker herabwürdigen kann; wie dann aber selbst seine schimmernde Blüte den Samen zu einer neuen Sprosse trägt, welche hervorschiesst, bald ihn selbst unterdrückt und weit umher Wurzel fasst; wie die lange Zeit hindurch misshandelten Völker, wenn ihr Elend und der Druck aufs höchste gestiegen sind und sie, bei einer andern Ordnung oder Unordnung der Dinge, nichts verlieren, aber vielleicht alles gewinnen können, die Augen öffnen, an der eignen Fackel des Despotismus, nämlich an der Aufklärung, welche die feinere Kultur herbeigeführt hat, ihr Licht anzünden und damit endlich ihren armseligen Zustand beleuchten; wie hierauf vergebens alle Mittel angewendet werden, den Stärkern, dessen Namen Legio heisst, wenn er es einsehn gelernt hat, dass er der Stärkere ist, wieder unter das Joch des schwächern Einzelnen zurückzubringen, und welche gewaltsame Umkehrungen, welche blutige Kämpfe alsdann da erfolgen müssen, wo, wenn alle umstürzen helfen, jeder auf seine eigne Weise und zu seinem eignem Vorteile wieder aufbauen will. Heisst das Aufruhr predigen, wenn man ein solches Bild entwirft, damit man die Regierer der Völker warne, es dahin nicht durch eigne Schuld kommen zu lassen? wenn man ihnen begreiflich macht, dass es jetzt grade noch Zeit ist, die saiten herunterzustimmen, wenn sie nicht reissen sollen? Nie ist dem Herrn Noldmann eingefallen, den Reformator zu spielen und alle Staaten nach dem neuen Systeme seines abyssinischen Prinzen ummodeln zu wollen; aber ein Ideal wollte er aufstellen, von einer nach den grundsätzen der reinsten Vernunft und natürlichen Billigkeit errichteten Verbindung der Menschen zu einem Staatskörper. Es kommt hier nicht auf die Möglichkeit der Ausführung, der Erreichung eines solchen Ideals, sondern darauf kommt es an, dass man, durch Betrachtung desselben, sich überzeuge, wie weit man sich von demselben entfernt hat, damit man, bei Gründung einer neuen Konstitution, einen Massstab habe, wonach man bestimmen möge, welche Schritte man zurück tun muss, um dem Ideale nahezukommen. Über solche der ganzen Menschheit wichtige Gegenstände kann nie genug nachgedacht, gesagt und geschrieben werden. übrigens kann man ein sehr ruhiger Bürger sein und dennoch manches in seinem vaterland anders wünschen, als es ist, sich auch darüber gelegentlich deutlich herauslassen. Man kann gegen Missbräuche in dogmatischen und gottesdienstlichen Sachen eifern und dennoch nicht nur sehr warm für Religion sein, sondern auch, ohne Heuchelei, die kirchlichen Gebräuche mitmachen, weil sie nun einmal so eingeführt sind. Man kann wünschen, dass alle geheime Verbindungen aufgehoben würden, und dennoch die Freimäurerlogen, die nun einmal da sind, besuchen und darin Gutes wirken. Man kann behaupten, dass, wenn man einen neuen Staat zu errichten hätte, man in demselben keine Schauspiele dulden wollte, und dennoch in dem staat, darin man lebt, sich des Schauspiels annehmen. Man kann mit Entusiasmus die Glückseligkeit einer republikanischen Verfassung erheben und dennoch ein sehr gehorsamer Untertan seines Monarchen sein. Man kann die Torheiten und Tücken der Menschen rügen und dennoch die Menschen herzlich lieben und seine eignen Fehler nicht misskennen – kurz, der philosophische Schriftsteller muss über alles räsonieren dürfen; Räsonnements sind aber weder gesetz noch Glaubensartikel, noch Fehdebriefe."
Diese und ähnliche Sätze wollte ich zu Verteidigung meines Herrn Vetters dem geneigten Leser an das Herz legen, als mir die Ankündigung einer periodischen Schrift vor Augen kam, die nun bald in Wien hervortreten wird und in welcher man die neumodischen Philosophen entlarven, abfertigen und das Publikum vor diesen abscheulichen Volksaufrührern warnen will. Nun lässt es sich gar nicht denken, dass, bei der Aufklärung und Denkfreiheit, welche jetzt im ganzen deutschen Reiche herrschen, einige niedrige, sklavische Schmeichler es wagen sollten, um für sich Pensionen und andre Vorteile zu erringen, dem politischen, teologischen und philosophischen Despotismus und der Verfinsterung das Wort zu reden, die guten Fürsten, die auf halbem Wege sind, ihren Völkern statt der eisernen, spröden Ketten der willkürlichen Gewalt die sanften und dauerhaften Bande der gesetz, der Liebe und der achtung anzulegen, misstrauisch gegen die freimütigen, edlen Männer zu machen, die den Mut haben, ihnen, zu ihrem Heile, die Wahrheit zu sagen. Es lässt sich nicht denken, dass die Unternehmer jener periodischen Schrift boshafte Dummköpfe wären, welche sich verschworen hätten, jeden helldenkenden Mann, dessen Licht ihnen etwa zu sehr in die Augen schimmerte, bei dem volk verdächtig zu machen, ihn zum Schweigen zu nötigen oder gar ihm Verfolgung im bürgerlichen