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, dass unter ihnen Männer genannt werden, die bei ihren Mitbürgern in allgemeiner achtung stehen, von denen auch die boshafteste Verleumdung nicht wagen würde zu behaupten, sie hätten ihre hände an den Plan zu einem Bubenstücke legen wollen.

"Viele von ihnen", heisst es, "haben sich auf Unkosten des gemeinen Wesens bereichert, haben die Nationalgüter in ihren Nutzen verwendet." Möglich, aber nicht erwiesen! Wie betrügerisch und verschwenderisch man aber mit dem öffentlichen Schatze während der vorigen Verfassung umgegangen, das ist erwiesen, ist unter andern in dem berüchtigten roten buch nachzulesen. Soviel ist übrigens auch begreiflich, dass zwölfhundert Männer nie einen gemeinschaftlichen Komplott zum Betruge machen werden. Dass unter diesen Zwölfhunderten gewiss auch Schelme sind, darüber wundre ich mich gar nicht; aber darüber könnte man sich wundern, dass in einer so von Grund aus durch den Despotismus und dessen Gefolge korrumpierten Nation noch sechs ehrliche Leute gefunden werden. Wer ist schuld daran, wenn Diebereien und schiefe Streiche aller Art gleichsam als unzertrennlich von der öffentlichen Verwaltung angesehn werden? Hat die Revolution die Menschen so schleunig verderbt? – Die Frage beantwortet sich selbst.

Ganz verschwendet sind indessen die aus dem Verkaufe der geistlichen Güter gelöseten Summen nicht; denn man hat doch wenigstens diejenigen Personen damit entschädigt, welche ehemals Ämter im staat gekauft hatten, die ihnen nunmehr genommen wurden; und eine Menge unnützer Ausgaben, die man vielleicht gemacht hat, fallen teils in der Folge weg, teils sind die Gelder, womit dieselben bestritten worden, in Frankreich selber geblieben und also nicht verlorengegangen, sondern in Zirkulation gekommen, wenn sie auch besser hätten verwendet werden können.

"Die Abgaben werden nicht ordentlich entrichtet; man muss also immer von jenem Kapitale zuschiessen, um die nötigen Ausgaben zu bestreiten." Das ist freilich übel, und es ist zu wünschen, dass bald die Ruhe hergestellt werden und das Volk die gesetz respektieren lernen möge. Was schadet jedoch am Ende diese temporelle Unordnung? Wer kein Geld gibt, der behält es; folglich bleibt es im land; Privatleute häufen es in ihren Kasten auf, weil sie es nicht für Papier hingeben wollen; allein lasset die Ruhe auf irgendeine Weise hergestellt sein, so wird man es bald wieder zirkulieren sehen.

Den grössten Geldraub an Frankreich aber begehen die Emigranten, durch die Summen, welche sie herausziehen. Schon allein der Erzdieb Calonne, den man füglich hätte aufhenken können, ohne sich zu versündigen, hat ungeheure Schätze, die er sich zusammengestohlen hatte, fortgeschleppt. Hieran ist die Nationalversammlung nicht schuld; man müsste denn ihre zu milden, nachsichtigen Grundsätze ihr zum Verbrechen machen wollen, indem sie die Auswanderungen und Exportationen nicht mit Gewalt gehindert hat.

Möge man indessen auch alles bare Geld aus Frankreich wegnehmen, so wird das Reich doch darum noch nicht zugrunde gerichtet, solange man nicht den fruchtbaren Boden, die Industrie, den Handel, die Fabriken und Manufakturen mit fortreissen kann. Im grund ist das Geld doch nur das Repräsentative und nicht die Sache selbst. Lasset die armen, verführten Flüchtlinge zurückkehren (ihre schelmischen Aufrührer mögen bleiben, wo sie wollen!), lasset Frieden hergestellt sein, Treue und Glauben und Kredit wieder Wurzel fassen, die gesetz respektiert, Fleiss, guten Mut und Tätigkeit wieder erweckt werdenund Frankreich im ganzen wird durch alle diese Verwirrungen um nichts ärmer geworden sein.

Ob aber wohl Hoffnung da sei, die Ruhe bald wieder hergestellt zu sehen, das ist unmöglich vorauszusagen; nur das lässt sich ohne Vermessenheit behaupten, dass, wenn auch, durch eine Gegenrevolution oder auf andre Weise, alles wieder niedergerissen werden sollte, was die Nationalversammlung aufgebauet hat, die ganze Verfassung doch nie wieder auf den alten Fuss kommen kann. Die Begriffe von den Verhältnissen des volkes zu der Regierung haben zu tiefe Wurzel gefasst; so etwas wieder auszurotten, dazu würde ein grosser Zeitraum gehören, währenddessen Kultur und Aufklärung gänzlich zurückgingen und die Nation wieder in einen solchen Zustand von Kindheit versetzt würde, in welchem man sich, gegen sein eigenes Interesse, blindlings führen lässt. Der grössere und stärkere teil der Nation hat nun einmal die Fesseln abgeschüttelt, hat seine Kräfte kennengelernt und sich von der Möglichkeit der Ausführung überzeugt. Sie mit Gewalt aufs neue zu unterjochen, dazu würden sehr grosse Anstalten erforderlich sein. Das Reich ist nicht in so schlechtem Verteidigungsstande, die Nationalgarden sind nicht so schlecht diszipliniert, als uns die Freunde der aristokratischen Partei glauben machen wollen. Die inneren Zwistigkeiten und Gärungen würden sehr wahrscheinlich aufhören, sobald Frankreich von aussen her angegriffen und die Verteidigung des Vaterlandes der gemeinschaftliche Punkt würde, in welchem sich die lebhafte französische Regsamkeit konzentrierte. Und wer sollte sie angreifen? Das Aristokratenhäuflein macht zwar, nach alter französischer Manier, ungemein viel Lärm, rennt am Rheine durcheinander, wie ein Ameisennest, droht und schimpft gewaltig; allein es fehlt ihm noch an einigen Kleinigkeiten, um die Sache in Ausführung zu bringen. Generale, Offiziers, Köche, Friseurs, Wundärzte und Apoteker, auch Marchands parfumeurs und Marketender sind wirklich da; allein das macht doch nur den état-major einer französischen Armee aus. Zwar haben sie auch ein paar hübsche Gardekompanien, zu welchen kürzlich ein teutscher Reichsfürst seine losgelassnen Karrengefangnen als Rekruten geliefert hat; nur was man gewöhnlich ein Kriegsheer zu nennen pflegt, das fehlt, nebst allem Zubehör, als da ist: argent content, Kredit, Festungen, Magazine, ja sogar der Platz, auf welchem sie sich zuerst formieren könnten; denn des in