in Holland über diese Gegenstände urteilt, kann kaum hierher gehören; denn die Vereinigten Niederlande haben jetzt weniger als jemals eine republikanische Verfassung.
In der Schweiz sind die grossen aristokratischen Kantons, wie sich's begreifen lässt, gegen die Sache, und die kleinern, glücklichen freien, halten sich wenig mit politischen Räsonnements über fremde Verfassungen auf. In den italienischen Freistaaten herrscht ein Ton in der Staatsverwaltung, der zu den in Frankreich angenommenen grundsätzen gar nicht passen will.
Unter den deutschen kleinen Freistaaten ist vielleicht Hamburg der einzige, wo man sehr viel warme Bewundrer der neuen französischen Verfassung findet.
Im ganzen scheint der Nationalstolz der Republiken, bei dem Genusse ihrer errungnen Freiheit, andern Ländern eben auf die Weise den Besitz dieses Guts zu missgönnen, wie ein Kavalier von alter Familie dem Parvenü und dem geadelten Bürger nicht gewogen zu sein pflegt.
Diese Bemerkungen treffen aber auf keine Weise die Vereinigten Staaten von Nordamerika; denn dort herrscht allgemeine Wärme für die französische Revolution. Gegenseitige Dankbarkeit knüpfen beide Nationen aneinander – edle Gefühle, die in despotischen Staaten von Eigennutz und Politik erstickt, aber da heiliggehalten werden, wo wahre Tugend allein Anspruch auf achtung und Ehrerbietung geben kann! In Amerika haben die Franzosen den Wert der Freiheit kennengelernt, und dort hat sich einer ihrer ersten Männer, ja, gewiss einer der edelsten Männer in der Welt, Fayette, ausgebildet. Von der andern Seite verdanken die nordamerikanischen Staaten grösstenteils den Franzosen ihre errungene Unabhängigkeit.
Gegen die Menge derer nun, die wir als nicht unparteiische Gegner der französischen neuen Verfassung angeführt haben, kann der Haufen derer, die in Europa davor eingenommen sind, freilich nur sehr klein sein, und selbst unter diesen können wir die nicht für kompetente Richter gelten lassen, welche, ohne eigentliche Überlegung und ohne Kenntnis der Sache, aus blindem Feuerreifer für alles Neue und Ausserordentliche, die Partei jeder Umkehrung der Dinge nehmen. Solche Menschen schaden auch der besten Sache durch ihr Lob. Wie unbeträchtlich bleibt daher nicht die Anzahl der unparteiischen und gründlichen Beurteiler jener wichtigen Begebenheit, und wie wenig beweist die grössere oder kleinere Anzahl der Tadler oder Verteidiger vor oder gegen dieselbe?
Es bleibt noch eine dritte Klasse von Menschen übrig, nämlich die, welche ihre Meinung darüber gar nicht sagt. Sie besteht teils aus Furchtsamen, die es mit keiner Partei verderben wollen, teils aus solchen, die sich über nichts bestimmt zu erklären pflegen, sondern die schafsköpfige Gewohnheit haben, es immer erst abzulauern, wie eine Sache ausfallen wird, und dann hintennach zu versichern, das hätten sie gleich also vorausgesehn.
Ich glaube nun hinlänglich erwiesen zu haben, dass jetzt noch jedes bestimmte Urteil über das, was in Frankreich geschehn und was davon zu erwarten ist, übereilt sein würde. Man wende dagegen nicht ein, dass wir offenbare Tatsachen vor uns haben, nach denen wir unsre Meinung berichtigen können! Diese Tatsachen werden uns von Zeitungsschreibern, Journalisten und andern Schriftstellern oft äusserst unvollständig, verstümmelt und entstellt vorgetragen. Nicht jeder will, nicht jeder darf schreiben, wie und was er gern schreiben möchte. Vielen von diesen Nachrichten fehlt es durchaus an historischer Glaubwürdigkeit; durch die Art der Darstellung kann jedes Faktum eine ganz andre Gestalt gewinnen. In Frankreich kann jetzt fast nicht ein einziger Mensch für einen unbefangenen Zuschauer gehalten werden; der Reisende sieht die grösseren Wirkungen, aber selten die kleinen Triebfedern; und wenn er uns diese so schildert, wo er sie sich denkt oder wie ihm andre Leute die Sache vorgestellt haben, uns aber den Beweis schuldig bleibt – ein Fehler, den einige Schriftsteller bei Erzählung der merkwürdigen Vorfälle vom fünften und sechsten Oktober begangen haben! –, so darf man wohl auf alle Weise vor zuviel Leichtgläubigkeit und voreiliger Beurteilung warnen.
Alles, was ein unparteiischer Mann sich daher erlauben darf, diese grosse Begebenheit zu sagen, wird, meiner Meinung nach, sich ungefähr auf folgendes einschränken müssen: Die französische Revolution wurde unvermeidlich herbeigeführt durch eine Kettenreihe von begebenheiten und durch die Fortschritte der Kultur und Aufklärung.
So, wie die vorige Regierungsverfassung war, konnte sie, bei dermaliger Stimmung der Nation, nicht bleiben, Verkehrte Massregeln, welche die Hofpartei gleich anfangs nahm, erbitterten das Volk, vermehrten das Misstraun und bewirkten Gewalttätigkeit.
Die Lebhaftigkeit des Nationalcharakters liess voraussehn, dass nun schnelle und rasche Schritte folgen müssten, und es würde albern sein, bei allen diesen Umständen von Franzosen etwas anders zu erwarten.
Alle Gewalttätigkeiten aber, die vorgegangen sind, alle Ermordungen, alle Plünderungen, Mordbrennereien, Ausschweifungen und überhaupt alle gesetzlose Handlungen sind, in Vergleichung mit den Unordnungen und Greueln, womit von jeher ähnliche, ja, viel geringre Vorfälle bezeichnet gewesen, für nichts zu rechnen. Diese Revolution ist eine grosse, beispiellose und, sie falle aus, wie sie wolle, sie sei rechtmässig oder widerrechtlich unternommen worden, der ganzen Menschheit wichtige Begebenheit. Ein Krieg, den irgendein ehrgeiziger Despot zu Befriedigung seiner kleinen Leidenschaften führt, ein Krieg von der Art, wie der war, zu welchem Louvois seinen Herrn aufhetzte, damit er den Grad von Wichtigkeit wieder erlangen möchte, den er durch einen Fehler in der Baukunst verloren hatte – so ein Krieg kostet tausendmal mehr Blut und unschuldiges Blut, und zu welchem Zwecke? Ob Gibraltar den Engländern oder Spaniern gehört, das ist gewiss für die Welt, und vielleicht für das wahre Glück der beiden streitenden Nationen selbst, ein ziemlich unbedeutender Umstand; und dennoch hat der Kampf um diesen Felsen in einigen Stunden mehr Menschen, die gar nicht