Begriffen und Meinungen der Menschen eine zu grosse Veränderung vorgegangen sei, als dass die alten Stützen länger halten könnten, welche die politische und moralische Welt seit einigen Jahrtausenden getragen hätten, und dass eine neue, auf die Würde und Bestimmung des Menschen gegründete Ordnung der Dinge nötig sei, um den fürchterlichen Folgen einer gänzlichen Auflösung der gegenwärtigen Weltverfassung zuvorzukommen. Diess brachte mich zuweilen auf den Gedanken, dass er vielleicht ein Christianer sein könnte; aber er affectirte bei allem dem so gar nichts Prophetisches, sprach von allem so schlicht, wie es die natur der Sache und der begreifliche Zusammenhang zwischen Ursache und wirkung mit sich brachte, dass ich immer wieder versucht war, ihn für einen blossen Philosophen zu halten, wiewohl er sich mit ziemlicher Wärme gegen unsere Sectenphilosophie erklärte.
Ist's möglich, unterbrach ich meinen Freund, dass du mir von eben dem mann sprichst, der mir zu Smyrna zwischen den Felsen des Vorgebirgs als eine Art von Genius erschien; der in meinem inneren las, sich mit einer Art von magischer Gewalt meiner ganzen Seele bemächtigte, und, als er wieder verschwand, mich in Ungewissheit liess, ob ich ihn für einen neuen Zoroaster, oder für einen Gott halten sollte?
Du siehest, fuhr Dionysius fort, dass der Mann das grosse Talent hat, jeden nach seiner Weise zu bedienen; eine Gabe, wodurch schon einer der ersten Häupter seiner Secte zu ihrer Ausbreitung so viel beigetragen hatte. Bei dir machte er den Propheten; bei mir den Weisen, den Menschenspäher, den freien, gegen alle gleich wohlgesinnten Weltbürger, dessen Herz, auch wenn es von Eifer für die Rechte der Menschheit, von Verlangen ihrem Elend abgeholfen zu wissen glühte, dennoch immer unter den strengen Befehlen der Vernunft, unter der Leitung eines kalten Kopfes stand. Mehr als Einmal schien es mir zwar, wenn er von der notwendigkeit sprach, dass alle aufgeklärten Menschen, die es wohl mit ihren Brüdern meinten, mit vereinigten Kräften auf das einzig Notwendige arbeiten sollten, als ob er absichtlich wärmer würde, um zu sehen wie und was es auf mich wirkte. Weil ich aber bei dergleichen Aeusserungen allemal in gleichem Verhältnisse kälter und einsylbiger ward, so zog er sich immer unvermerkt wieder in seine gewöhnliche Ruhe zurück, ohne dass ich an seinem Benehmen die mindeste Spur einer fehl geschlagnen Hoffnung wahrnehmen konnte.
So blieben die Sachen zwischen uns, bis es sich, da wir uns wieder trennen sollten, zeigte, dass wir einander unvermerkt interessant genug geworden waren, um zu wünschen es noch mehr zu werden: und da ich bei meinen Reisen keine Zwecke hatte, die ich an dem einen Orte nicht eben so gut als an dem andern verfolgen konnte, so bot ich ihm an, ihn nach Ikonium, dem Ziel seiner Reise, zu begleiten, und er schien es mit sichtbarem Vergnügen anzunehmen. Wir kehrten unterweges zwei- oder dreimal in Häusern ein, wo er das Gastrecht hatte, und mich seinen Freunden als einen ihm sehr werten Reisegefährten vorstellte. Ich wurde dadurch mit einigen Familien bekannt, die mir ein liebenswürdiger Schlag von Menschen zu sein schienen, und sich ungemein gefällig gegen mich bezeugten; wiewohl es mir vorkam, als ob meine Gegenwart ihnen einigen Zwang auflege, den sie zu verbergen suchten.
Als wir endlich nur noch eine Tagereise von Ikonium entfernt waren, wusste Kerintus das Gespräch unvermerkt auf die Christianer zu lenken; schien aber, nach seiner Gewohnheit, vor allen Dingen die Tiefe des Wassers sondiren zu wollen, eh' er sich zu weit hinein wagte. Ich erklärte mich ohne Bedenken: wiewohl ich wenig Kenntniss von dieser Secte hätte, so könnte ich mich doch nicht überreden lassen, dass sie so bösartige und gefährliche Leute seien, als ihre Feinde behaupteten. – Wie es scheint, sagte er lächelnd, hast du vielleicht noch keinen von ihnen sehr nahe gesehen. – Niemals dass ich wüsste, war meine Antwort. – Aber vielleicht desto mehrere ohne es zu wissen, versetzte er. – Wie so, Kerintus? – "Du hast auf unsrer letzten Reise dreimal bei Christianern das Gastrecht genossen." – Ich betrachtete ihn bei diesen Worten mit einem blick, den er zu verstehen schien – "Und ich bin gewiss, fuhr er fort, dass da schon tausendmal in deinem Leben mit Christianern gesprochen oder Geschäfte gehabt hast, ohne sie dafür anzusehen. dafür kann ich dir wenigstens bürgen, wenn dir im gemeinen Leben ein stiller, friedfertiger, zuverlässig treuer und guter Mensch, von unbescholtnem Ruf und reinen Sitten, in den Wurf kommt, so kannst du drei gegen eins setzen, er ist ein Christianer." – Du machst mich begierig, sagte ich, so gute Menschen, und noch begieriger, das was sie zu solchen Menschen macht, genauer kennen zu lernen; und da du, wie ich sehe, selbst einer von ihnen, und vermutlich ein Mann von Ansehen unter ihnen bist, so kann ich mich mit diesem Verlangen wohl an niemand schicklicher wenden als an dich. – Kerintus beantwortete dieses Compliment auf eine eben so bescheidene als leutselige Art: er sagte mir, dass auch sie ihre Mysterien hätten, zu welchen zwar, dem ersten Ansehen nach, weniger harte und beschwerliche, aber im grund weit strengere Bedingungen erfordert würden als zu den Eleusinischen und andern dieser Art. – Ich antwortete: da ich von einem mann, wie er, keine Zumutung, die der Vernunft oder dem Herzen eines Menschen von gutem Willen widerstehen könnte, zu besorgen