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kennest mich nun so gut, Lucian, dass ich dir nicht zu sagen brauche, mit welchem Feuer meine Einbildungskraft, in dem abermaligen Schiffbruch, den alle meine Hoffnungen und Wünsche erlitten hatten, nach diesem Brette griff. Meine Partie war auf einmal genommen. Mein grossväterliches Erbe, – eine Kleinigkeit gegen das, was die Ordenscasse des Kerintus verschlungen hatte, aber mehr als hinlänglich einen Menschen von mässigen Bedürfnissen zu befriedigendieses Erbe, welches grösstenteils in einem kleinen, nahe bei Parium gelegenen Landgute bestand, war glücklicher Weise noch in meinen Händen. Mein Plan war also, mit dem ersten Schiffe, das nach Cypern und Rhodus befrachtet wäre, abzugehen, von da nach haus zurückzukehren, die Trümmer meines Vermögens zu Gelde zu machen, und mich dann, wo möglich, unmittelbar mit jenem auserwählten Häuflein ächter Jünger unsers guten Meisters zu vereinigen, um in paradiesischer Unschuld und Abgeschiedenheit von der Welt, Ein Leib, Ein Herz und Eine Seele mit diesen engelähnlichen Sterblichen, im reinsten Genuss des gegenwärtigen und in freudigster Erwartung des zukünftigen Lebens, dieser hohen Eudämonie und göttlichen Befriedigung meines Innersten teilhaftig zu werden, welche schon so lange vergebens das letzte Ziel meiner Wünsche gewesen war.

Lucian.

Bravo, Peregrin! Deine Imagination tut wieder ihre Schuldigkeit, wie ich sehe; du geniessest wieder so überschwänglich viel voraus, und alles in einer so überirdischen Lauterkeit und Vollkommenheitdass die guten ehrlichen Seelen, von denen du so viel erwartest, schlechterdings in die Unmöglichkeit gesetzt sind, deiner Phantasie genug zu tun, wenn sie auch noch so guten Willen dazu hätten.

Peregrin.

Diessmal liess das Schicksal, oder meine Wankelmütigkeit (wenn du nicht etwa lieber einmal meiner Vernunft die Ehre davon geben willst) es nicht zur probe kommen, welche sehr warscheinlich gerade so ausgefallen sein dürfte, wie du erwartest. Eine unverhoffte Zusammenkunft mit einem Freunde, den ich seit mehreren Jahren ganz aus den Augen verloren hatte, verrückte mir den Gesichtspunkt, woraus ich diese Dinge noch anzusehen gewohnt war, und das Schicksal vollendete, was jener angefangen hatte.

Während dass ich zu Lindus auf ein Fahrzeug wartete, welches mich nach Mitylene bringen sollte, begegnete mir in einer bedeckten Halle ein Mann, der bei meiner Erblickung eben so verwundert still stehen blieb, als ich bei der seinigen. Zu unsrer beiderseitigen Freude entdeckten wir, ich in ihm den nämlichen Dionysius von Sinope, mit welchem ich zu Ikonium in der Pflanzschule des Kerintus Bekanntschaft gemacht hatte, er in mir den damaligen Vertrauten und Günstling des Propheten, der auf eine geheime Mission nach Syrien abgeschickt worden war. Der blosse Umstand, dass wir uns so allein zu Lindus wiederfanden, sagte uns, dass wir einander merkwürdige Dinge zu entdecken haben würden. Dionysius war seit kurzem, wie er mir sagte, durch eine Erbschaft nach Lindus gezogen worden, und gefiel sich da so wohl, dass er diese anmutige Stadt zum Ziel seiner Wanderungen zu setzen Lust hatte.

Und wie machtest du es, fragte ich etwas voreilig, dass du dich und deine Erbschaft aus den Klauen des Propheten Kerintus in Sicherheit brachtest?

Diese Frage sagt mir viel auf einmal, erwiderte Dionysius; aber wir müssen einen bequemern Ort suchen, uns einander näher zu erklären: und hiermit führte er mich in seine wohnung, und nötigte mich, das Gastrecht bei ihm anzunehmen. – Ich habe dir schon gesagt, Lucian, dass dieser junge Mann den Schlüssel zu meinem Kopf und Herzen bei sich trug; denn in der weiten Welt fand sich schwerlich noch ein anderer, der, was die Schwärmerei betrifft, ein vollkommnerer Gegenfüsser von mir gewesen wäre, und doch in allem übrigen mehr mit meiner Gemütsart sympatisirt hätte als er. Wir wurden also in wenigen Stunden vertraut genug, um nichts Geheimes vor einander zu haben. Dionysius machte den Anfang mich über seine ehemalige Verbindung mit Kerintus ins Klare zu setzen.

Ich wurde, sagte er, durch einen Zufall mit ihm bekannt. Er schien mir ein Mann von tiefem Inhalt zu sein, und alles, was ich an ihm sah, fesselte meine Aufmerksamkeit. Auch er schien mich hinwieder als einen Menschen zu betrachten, der die seinige verdiente. Wir näherten uns einander unvermerkt, aber von beiden Seiten so behutsam, dass ich lange nicht recht wusste, was ich aus ihm machen sollte. Da wir einige Tage in Gesellschaft reiseten, so fehlte es uns nicht an gelegenheit, allein beisammen zu sein; und so fiel die Unterredung nach und nach auf alles, was für Personen von Erziehung, Weltkenntniss und gesetztem Charakter Interesse hat. Wir sprachen von Politik, von Philosophie, von Religionimmer mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Zustand der Dinge. Kerintus liess sich über alles wie ein Mann von grossem Sinne und festen grundsätzen vernehmen, aber immer so, dass er viel weniger zu sagen schien als er könnte. Ich glaubte etwas Geheimnissvolles in ihm zu bemerken; aber er schien es zu tragen, wie einer, der zwar nicht sehen lassen will was er trägt, aber doch wohl leiden kann, dass man merke er trage etwas Wichtiges. Diess schien mir auf mich gezielt zu sein, und machte mich desto behutsamer; denn es war fest bei mir beschlossen, mich nicht verwickeln zu lassen. Alles was ich von seiner Art zu denken herausbrachte, und worüber er sich allmählich etwas deutlicher erklärte, war: dass die Welt zu einer grossen Revolution heran reife; dass wir diesem Zeitpunkte schon wirklich näher wären als man glaubte; dass in den