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, gelitten hatte, in meiner Seele; ich hatte zu viele, zu entscheidende Proben, wie hoch sie es in der Mimik gebracht, und Gebärde jeder schönen Empfindung, jeder Tugend, jeder moralischen Grazie anzunehmen, als dass ich (zumal nach Geständnissen, welche notwendig einen dem Kerintus und ihr selbst höchst nachteiligen Eindruck auf mich machen mussten) so geneigt hätte sein können, von der anscheinenden Grossmut ihrer Freundschaft auf eine dauernde Art gerührt zu werden. Ich begehre mich nicht zu rechtfertigen, Lucian; ich erzähle dir bloss mit aller Aufrichtigkeit, deren ich in unserm gegenwärtigen Zustande fähig bin, was ich von meiner eigenen geschichte weiss; und Nachsicht mit meinen Verirrungen ist alles, worauf ich, bei einem mann wie du, Anspruch machen kann. Ich bin getäuscht worden, und habe andere getäuscht; aber jenes immer unwissend; dieses immer ohne Vorsatz: ich gestehe beides offenherzig; aber am Ende ist es doch nur Gerechtigkeit, wenn ich sage, dass ich zu beidem fast immer durch Anscheinungen verleitet wurde, die so lebhaft auf mich wirkten dass ich sie für Wahrheit hielt. Mich dünkt, ich habe in meiner Erzählung schon erwähnt, dass es mir während der vier Tage, die ich wieder mit Diokleen lebte, nicht wenig kostete, dass ich nicht so offen und gerade gegen sie sein durfte, als es ihr Betragen gegen mich zu fordern schien. Aber wie konnte ich anders, da ich entschlossen war, mit einem so gefährlichen Menschen, als Kerintus nun in meinen Augen war, schlechterdings alle Gemeinschaft aufzuheben? Der Abscheu, den ich nach so unerwarteten und aus einem so glaubwürdigen mund erhaltenen Aufschlüssen gegen ihn gefasst hatte, war so übermässig als die Verehrung, von welcher ich, so lang' ich ihn in einer überirdischen Glorie erblickte, für ihn durchdrungen war; er war zu heftig, um in seiner ersten Energie von irgend einer andern Empfindung überwogen zu werden. Und dennoch machte Dioklea meine Entschliessung mehr als Einmal wanken! Dennoch würde sie allem Vermuten nach einen gänzlichen Sieg über mich davon getragen haben, wenn sie in dem kritischen Momente, dessen du dich erinnern wirst, tiefer in mich gedrungen, und mich genötiget hätte, ihr die wahre Ursache meiner Verlegenheit und meiner Seufzer zu entdecken.

Lucian.

Ich erinnere mich dieses kritischen Augenblicks sehr wohl, lieber Peregrin: aber erlaube mir zu bemerken, dass es nicht Edelmut und dankbares Gefühl für die ausserordentliche Freundschaftsprobe, die sie dir gegeben hatte, sondern etwas ganz anderes war, was ich damals in ihre Gewalt brachte.

Peregrin.

Ich bekenne meine Schuld, und weiss zu meiner

Verteidigung nichts weiter anzuführen als was ich schon gesagt habe. Im Fall eines Zusammenstosses zweier einander entgegen wirkender Gefühle muss natürlicherweise das schwächere weichen; und diess geschah im vorliegenden Falle um so mehr, da ich Diokleens Offenherzigkeit gegen mich, in der Stimmung worin mich die Geheimnachrichten von ihrem Bruder gesetzt hatten, bloss als einen feinern Kunstgriff ansah, mich stärker und unauflöslicher in die Unternehmungen eines Ordens zu verwickeln, der schon allein dadurch, dass er im grund bloss politische Absichten und Finanzspeculationen zum Zweck hatte, alles Anziehende für mich verlor, und meiner ganzen Sinnesart zuwider war. – Aber es ist Zeit, den Rest meiner geschichte mit etwas schnellern Schritten fortzusetzen.

Lucian.

Doch nicht schneller, wenn ich bitten darf, als das Interesse, das mir deine geschichte eingeflösst hat, gestatten kann. Du bliebst zu Laodicea stehen, in Ueberlegungen vertieft, was du nun mit deiner wieder erlangten Freiheit und mit deinen neuen Erfahrungen anfangen wollest. Beide waren, nach deiner Gewohnheit, etwas teuer erkauft!

Und mussten eben darum auch einen desto grösseren Wert in meinen Augen haben. Indessen übertreibe ich nichts, wenn ich sage, dass weder der Verlust des grössten Teils meines Vermögens, noch die Trennung von Kerintus, Dioklea und meinen ehemaligen Brüdern, mir das Vergnügen, mich wieder frei zu wissen, verkümmern konnten. Es gehörte, wie du bereits bemerkt haben wirst, zu den Eigenheiten meiner Sinnesart, dass dieselben Gegenstände, welche in dem Zauberlichte, worin sie mir erschienen, meine ganze Seele eingenommen hatten, sobald ich fand oder zu finden glaubte, dass sie das nicht waren wofür ich sie gehalten hatte, nur aus meinen Augen gerückt zu werden brauchten, um sich in wenigen Tagen auch aus meinem inneren Gesichtskreise so gänzlich zu verlieren, als ob alles, was zwischen mir und ihnen vorgegangen, ein blosser Traum gewesen wäre. Ich trennte mich von Kerintus und seinen Anhängern, nachdem der Sturm des ersten Augenblicks vorüber war, ohne dass es meinem Herzen das Geringste kostete, als von Betrügern oder Betrognen, zwischen welchen und mir von nun an keine Gemeinschaft mehr statt fand; ohne Reue oder Beschämung, und durch das Bewusstsein befriediget, dass ich, durch die edelsten Beweggründe in meine Verbindung mit ihnen hinein gezogen, der guten Sache, so lange ich sie dafür halten musste, alles Seele, das mir zwar unter so vielen Gegenständen, welche unmittelbarer auf mich gewirkt und sich aller meiner Aufmerksamkeit bemächtigt hatten, nach und nach aus dem Andenken gekommen war, aber nun, in der tiefen Einsamkeit, in die ich mich zurückgeworfen sah, durch einen Contrast, der seine Liebenswürdigkeit verdoppelte, auf einmal wieder wie eine himmlische Erscheinung vor meiner Stirne stand; – und diess wardas Bild der guten, unschuldigen, unverfälschten Familie von Christianern, zu denen mich mein Wegweiser Hegesias ehemals in dem wald zwischen Pergamus und Pitane verirren liess. Du