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deiner eigenen Angelegenheiten!

Da mir auferlegt war, Antiochien noch an dem nämlichen Tage und ohne alles aufsehen zu verlassen, und Dioklea alle Anstalten dazu bereits getroffen hatte; so begreifst du ohne mein Erinnern, dass alles, was ich dir so eben von unsrer gegenseitigen Lage gesagt habe, das Merkwürdigste von den drei Tagen ausmacht, an welchen wir auf ihrer Rückreise zu ihrem Bruder, der uns zu Damaskus erwartete, zum letztenmal allein beisammen waren. Dioklea befand sich um die dritte Nacht so ermüdet, dass sie, sobald wir in unsrer Herberge anlangten, sich sogleich zur Ruhe begab, und mir dadurch Zeit verschaffte, meine beschlossene heimliche Flucht ins Werk zu setzen. Glücklicher Weise hatten wir uns den Abend zuvor über das, was ich Heuchelei nannte, ein wenig mit einander entzweit, aber auf meiner Seite stark genug, dass es mir bei Ausführung meines Vorhabens leichter ums Herz war als ich selbst gehofft hatte. Wir befanden uns nicht weit von Gabala, in dem haus einer Christianerin, einer guten alten witwe, die hier von den Einkünften eines kleinen Landgutes lebte, und, da sie kinderlos war, den Mann Gottes Kerintus, oder vielmehr die unter seiner Verwaltung stehende Brüdercasse, zu ihrem eventualen Erben eingesetzt hatte. Ich liess also meine geliebte Schwester Teodosia in guten Händen. Ueberdiess hielt ich es auch für Pflicht, mir bei unsrer Abreise von Antiochien übergeben hatte, zwei Dritteile zurückzulassen, wiewohl ich, ohne mein Gewissen zu belasten, das Ganze, als einen sehr kleinen Ersatz für das reiche Opfer, so ich der Brüdercasse dargebracht, hätte behalten können. Meine Flucht hatte nicht die geringste Schwierigkeit. Ich hinterliess einen Brief an Diokleen, worin ich ihr sagte: "Die Aufschlüsse, die ich über das geheimnis des Ordens, in welchen mich meine unvorsichtige Guterzigkeit verflochten habe, seit kurzem erhalten hätte, machten mir eine gänzliche Aufhebung aller Gemeinschaft mit besagtem Orden und seinen Vorstehern zum unumgänglichen Gesetz. Ich begäbe mich hiermit freiwillig und wohlbedächtlich alles Anspruchs an alle Summen, welche Hegesias und Kerintus während unsrer Verbindung von mir erhalten oder in meinem Namen bezogen hätten; und hoffte dagegen, dass sie so billig sein würden, mich für ein so beträchtliches Lösegeld hinwieder aller Pflichten zu entlassen, die ich beim Eintritt in ihren Orden übernommen, und deren Erfüllung mir von nun an moralisch unmöglich sei. Im Uebrigen werde ihnen ihre Kenntniss meines Herzens Bürgschaft dafür leisten, dass keines von ihnen jemals etwas Nachteiliges von mir zu besorgen haben könne."

Ich machte, als alles im haus im ersten Schlafe lag, meinen Abzug durch ein Fenster, das aus meinem kleinen Zimmer in den Garten ging, doch mit etwas mehr Bequemlichkeit als ehemals aus dem Fenster der schönen Kallippe; und da ich, vom Gefühl meiner Freiheit und dem schmeichelhaften Bewusstsein der Leichtigkeit, womit ich der Tugend so viele und grosse Opfer brachte, begeistert, die ganze Nacht durch in Einem fort lief, befand ich mich mit Anbruch des Tages am Ufer des Meeres. Ich liess mich unverzüglich in einem Fischernachen nach Laodicea übersetzen, wo ich, in grösster Verborgenheit, ein paar Tage damit zubrachte meine Lage zu überdenken, und zu sehen was für eine Partei mir nach einer so grossen Katastrophe meiner innerlichen und äusserlichen Umstände zu nehmen übrig sei.

Achter Abschnitt.

Lucian.

Ich gestehe dir offenherzig, Freund Peregrin, dass in deinem letzteren Betragen gegen Diokleen etwas ist, das ich mit deinem Charakter, so wie er sich bis zu dieser Epoche gezeigt hat, nicht recht zusammen reimen kann. Mich dünkt, das feine moralische Gefühl, das dich sonst bei allen Verirrungen deiner Phantasie und deines Herzens nie verliess, müsse durch deinen langen Aufentalt unter den Christianern ein wenig abgestumpft worden sein: denn wie wäre es sonst möglich gewesen, dass du eine Freundin, die schon so viel für dich getan, dir in diesem Augenblick einen so grossen Beweis ihrer Teilnehmung und ihres Zutrauens gegeben hatte, auf eine eben so unedle als unzärtliche Art, ohne die geringste Rücksicht auf die Verlegenheiten, in welche sie dadurch gesetzt wurde, hättest verlassen können? Bloss aus Freundschaft für dich, bloss weil sie den Gedanken nicht ertragen konnte, dass du, anstatt ein Mitgenoss der Unternehmungen ihres Bruders, nur ein Werkzeug, und wohl gar ein Opfer derselben sein solltest, hatte sie dir sein geheimnis entdeckt, und sich dadurch in den Fall gesetzt, seinen ganzen Unwillen auf sich zu laden, ja wofern sie zu viel auf dich gerechnet haben sollte. Würde sie diess gewagt haben, wenn sie nicht die grösste Meinung von deinem Edelmut gehegt, dich nicht schlechterdings für unfähig gehalten hätte, ihr Zutrauen so zu belohnen wie du tatest? Und wärest du fähig gewesen so zu handeln, wenn du dich nur einen Augenblick an ihren Platz gesetzt hättest?

Peregrin.

Welch einen warmen Sachwalter diese Zaubrerin an dir gefunden hat, von deren verführerischer Gewalt du dir nur erst jetzt einigen Begriff machen kannst, nachdem es ihr schon bei einer bloss mittelbaren Bekanntschaft gelungen ist, den kalten Lucian, den erklärten Feind aller Täuschungskünste, durch einen einzigen behenden Handgriff auf ihre Seite zu bringen! Mit welcher Leichtigkeit hat sie alle Aufschlüsse, die wir in dem Haine der Venus Urania und auf dem Landgute der edlen Römerin von ihrem wahren Charakter erhalten haben, plötzlich aus deinen Augen gerückt! Aber ich, mein lieber Lucian, ich trug zu tiefe Narben von allem, was ich durch ihren Leichtsinn, ihren Mutwillen, ihre Eitelkeit, ihre eigennützige gefälligkeit gegen fremde Leidenschaften