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wie sie es nannte) über den Unglauben ihres Bruders verschaffen werde. Sie kündigte mir nun an, dass der Stattalter von Syrien einer ihrer wärmsten Freunde sei, ohne mir zu verbergen, was für Rechte sie sich während ihres ehemaligen Aufentalts in den Bädern von Daphne an seine Dankbarkeit erworben habe. Alles sei bereits zu meiner Befreiung vorgearbeitet; ich würde morgen von dem Stattalter selbst vernommen werden, welchem sie die Meinung beigebracht habe, dass ich ihr naher Anverwandter, und, einen unschuldigen Hang zur Schwärmerei ausgenommen, ein Mann von vorzüglichen Gaben, und in jeder Betrachtung wert sei, dass der allzu grossen Wärme meiner Einbildungskraft etwas zu gut gehalten werde. Sie unterrichtete mich hierauf umständlich, wie ich mich bei diesem Römischen Satrapen zu benehmen hätte, und, nachdem sie mir gesagt hatte, wo sie mich nach meiner Freilassung anzutreffen hoffte, schieden wir von einander als die besten Freunde von der Welt.

Lucian.

Weisst du auch, Freund Peregrin, dass ich selbst von deiner Dioklea immer mehr und mehr bezaubert bin, und es dir schwerlich verzeihen könnte, wenn du eigensinnig genug gewesen wärest, ihre gute Meinung von dir zum zweitenmale zu täuschen?

Peregrin.

So mache dich nur gefasst darauf, mir auch diese

Anomalie vergeben zu müssen, da du mir so viele andere schon übersehen hast. Denn in der Tat, dieser Zauber, womit sie mich seit dem ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft gebunden hielt, und dem du selbst, wie es scheint, nicht widerstehen kannst, dauerte immer nur so lange sie gegenwärtig war. Kaum sah ich mich wieder allein, so war mir ungefähr zu Mute, wie einem sein müsste, der die Nacht mit der lieblichsten Nymphe zugebracht zu haben geglaubt hätte, und sich beim Erwachen von den dürren Armen einer alten Tessalischen Zaubrerin umfangen sähe. Der grosse Plan des Kerintusder mich vielleicht hätte verblenden können, wofern er selbst, zu der Zeit da ich ihn noch für den ersten aller Menschen hielt, mir mit dem Feuer eines Mannes, der kein anderes Interesse als das allgemeine Beste der Menschheit hat, den Aufschluss darüber gegeben hättewar nun, seitdem ich einen Scharlatan und eine Schauspielerin an seiner Spitze sah, nichts als ein betrügerisches Netz, worin er mich und tausend andere guterzige Menschen gefangen hatte, um uns zu blinden Werkzeugen, und, nach Erforderniss der Umstände, zu Opfern seiner Herrschsucht und seines Eigennutzes zu machen. Es war mir unmöglich, einem mann, der alles, was in meinen Augen das Ehrwürdigste und Heiligste war, bloss als Maschinen, Decorationen und Masken zu Ausführung eines weit gränzenden politischen Plans gebrauchte, edle Absichten dabei zuzutrauen; und nichts in der Welt hätte mich dahin bringen können, mit dem ehemaligen Vorsteher einer herumziehenden Bande von Isispriestern gemeine Sache zu machen, und wäre ich auch noch so gewiss gewesen, in nicht mehr Jahren, als Alexander zu seinen Eroberungen brauchte, den Tron unsrer heuchlerischen Teokratie mitten in der Hauptstadt der Welt aufgerichtet zu sehen, und der Zweite nach Kerintus in dieser allgemeinen Monarchie zu sein.

Diesen Gesinnungen zufolge bedachte ich mich nicht lange, was ich von der Freiheit, die ich nun durch Diokleens Vermittlung wieder erhalten sollte, für einen Gebrauch zu machen hätte. Sobald die Täuschung, die mir eine Wolke statt der Juno in die arme gespielt hatte, vorüber war, konnte ich mich nicht schnell genug von den Gegenständen meiner betrognen Liebe losreissen, für die ich nun eben so viel Widerwillen empfand, als sie mich ehemals angezogen und gefesselt hatten. Aber wie ich mich von Diokleen, welche ich wieder zu sehen nicht vermeiden konnte, auf eine bessere Art als durch eine heimliche Flucht losmachen könnte, dazu fand ich in dem ganzen Umfang meiner Einbildungskraft kein Mittel. Denn ich kannte die Schwäche meines Herzens und die magische Gewalt ihrer Ueberredungen, ihrer Liebkosungen, und (wenn nichts andres helfen wollte) ihrer Tränen, zu gut, um nur daran denken zu dürfen, ihr meine Entschliessung und die Beweggründe derselben eher zu entdecken, bis ich aus dem Kreise heraus wäre, worin sie alles was sie wollte aus mir machte. Diess war die einzige Schwierigkeit, die mich keine geringe Ueberwindung kostete. Denn der Gedanke an die grossen Summen, die aus meiner Erbschaft in die Brüdercasse des Kerintus und Hegesias geflossen waren, und welchen auch Dioklea, wiewohl nur im Vorbeigehen, bei mir geltend zu machen nicht vergessen hatte, hielt mich keinen Augenblick auf. Wie hätte auch ein solcher Verlust einen Menschen kränken sollen, der die Befriedigung eines einzigen seiner schwärmerischen Wünsche mit allen Schätzen von Indien noch sehr wohlfeil erkauft zu haben geglaubt hätte, und, nachdem er sich nun zum zweitenmale vom höchsten Gipfel seiner schönsten Hoffnungen herabgestürzt sah, nichts mehr zu verlieren hatte, was bedauernswert war!

Alles erfolgte nun wie Schwester Teodosia es vorhergesagt hatte. Ich wurde am nächsten Morgen vor den Stattalter geführt, fand ihn aber von einer so ungeheuern Menge von Leuten, die entweder etwas anzubringen hatten oder auf seine Befehle warteten, belagert, dass er weder Zeit noch Lust zu haben schien, mir zu der Schutzrede für die Christianer, die ich meditirte, gelegenheit zu geben. Er begnügte sich zwei oder drei fragen an mich zu tun, deren Beantwortung ihn vermutlich in der Meinung, die ihn Dioklea von mir beigebracht, bestärken mochte: denn er erwiderte sie bloss mit einem ironischen Lächeln, und dem Befehl, mich, als einen Menschen, von welchem der Staat und die öffentliche Ruhe nichts zu besorgen habe,