1791_Wieland_110_9.txt

Erfahrung sprechen als Proteus.

Peregrin.

Die Luft, die wir hier atmen, lieber Lucian, macht uns zu Freunden, wie verschieden wir auch noch immer in unsrer Vorstellungsweise sein mögen. Aber gestehe nur aufrichtig, du wunderst dich, wie ein so verächtlicher und nichtswürdiger Mensch, als du den armen Peregrin geschildert hast, eine Tür ins Elysium offen finden konnte?

Lucian.

Ich schilderte dich damals wie ich dich sah oder zu sehen glaubte. Freilich muss indessen entweder mit meinen Augen, oder mit deinem inwendigen Menschen eine grosse Veränderung vorgegangen sein.

Peregrin.

Vermutlich mit beiden. Aber doch bin ich's der Wahrheit schuldig, dir, wenn du Musse hast mich anzuhören, eine etwas bessere Meinung von dem, was ich in meinem Erdeleben war, beizubringen, als du der Nachwelt davon hinterlassen hast.

Lucian.

Ich bin zwar im Begriff eine kleine Reise in unser altes Mutterland zu machen; aber mein Geschäft ist nicht so dringend, dass es Eile erforderte. Ueberdiess können mir die Nachrichten, die ich über gewisse Stellen deiner Lebensgeschichte von dir selbst am zuverlässigsten erhalten könnte, vielleicht bei dem, was der hauptsächlichste Gegenstand meiner Absendung ist, nicht ohne Nutzen sein.

Peregrin.

Desto besser. Wenigstens gewinnest du immer so viel dabei, dass du nichts von mir hören wirst, als was ich selbst für Wahrheit halte.

Lucian.

Wir sind zwar sogar im Elysium nicht gänzlich von den geheimen Einflüssen der Eigenliebe frei: aber da es unmöglich ist, dass wir vorsetzlich gegen unser Gefühl und Bewusstsein reden sollten, so bin ich gewiss, dass ich über alles, was du selbst am besten wissen kannst, die reine Wahrheit von dir erfahren werde. Die Quellen, woraus ich ehemals meine Nachrichten wesen sein, wiewohl ich allerdings den Willen hatte dir kein Unrecht zu tun.

Peregrin.

Wer weiss besser als du, wie wenig auf die Erzählungen und Urteile der Sterblichen von einander zu bauen ist! Jene werden schon dadurch allein fast immer verfälscht, dass man diese, es sei nun unvermerkt oder mit Vorsatz, unter sie einmischt, und also den Sachen durch unsre Meinungen von ihnen fast immer eine falsche Farbe oder ein betrügliches Licht gibt. Selten ist der Erzähler ein Augenzeuge, noch seltner der Augenzeuge ganz unbefangen, ohne alle Parteilichkeit, vorgefasste Meinung oder Nebenabsicht; fast immer vergrössert oder verkleinert, verschönert oder verunstaltet er was er gesehen hat. Du, zum Beispiel, hattest den Willen mir kein Unrecht zu tun: aber ich war ein Christianer33 gewesen, und du hieltest alle Christianer für Schwärmer oder Schelme; ich war in den Orden des Diogenes übergegangen, und dein Hass gegen die Cyniker ist bekannt genug, da du keine gelegenheit versäumtest ihm die möglichste Publicität zu geben. Wie hättest du also den armen Peregrin, mit allem guten Willen ihm kein Unrecht zu tun, in keinem ungünstigen Lichte sehen sollen? Ihn, auf den der ehemalige Christianer und der nunmehrige

Lucian.

Was die Cyniker betrifft, so muss ich dich um erlaubnis bitten zu bemerken, dass ich, anstatt ein Feind, vielmehr ein Bewunderer ihres Ordens, seiner ersten Stifter und der wenigen ächten Glieder, die ihm Ehre brachten, war. Mein Demonax und mein Dialog mit einem Cyniker sollten mich, dächte ich, über diesen Punkt hinlänglich gerechtfertiget haben. Vermutlich würde ich auch mit den Christianern gelinder verfahren sein, wenn ich jemals so glücklich gewesen wäre, nur einen einzigen edlen und liebenswürdigen Menschen aus dieser Secte kennen zu lernen.

Peregrin.

Diess wäre eben nicht unmöglich gewesen; wiewohl ich gestehen muss, dass ein ächter Christianer zu unsrer Zeit beinah' eben so selten war als ein ächter Cyniker. – Aber diess für jetzt bei Seite gesetzt, antworte mir, wenn ich bitten darf, nur auf eine einzige Frage.

Lucian.

Sehr gern. Frage was du willst.

Peregrin.

Der Unbekannte, der zu Elis, von der öffentlichen Redekanzel herab, so viel schändliche Dinge von mir erzählt haben soll, war er eine wirkliche person? oder hast du ihn vielleicht nur aufgestellt um deine Composition einfacher zu machen, und einem Einzigen in den Mund gelegt, was du vielleicht von verschiedenen Personen zu verschiedenen zeiten über mich gehört hattest?

Lucian.

Gewissermassen beides.

Peregrin.

Ich erinnere mich nun selbst wieder, dass mir Teagenes, sobald er nach Olympia kam, etwas von einem solchen Auftritt zu Elis erzählte, wo ihn sein übermässiger und (wie ich glaube) nicht ganz lautrer Eifer für den Ruhm des cynischen Ordens antrieb, die Kanzel zu besteigen, um mir und meinem Vorhaben die Lobrede zu halten, die dir so anstössig war.

Lucian.

Der Unbekannte war kein geschöpf von meiner Erfindung. Er schien, der Aussprache nach, ein Bitynier oder Paphlagonier von Geburt, ein Epikuräer von gereist und kein Neuling in der Welt war. Die Heftigkeit, womit dieser Mann gegen dich declamierte, hätte mir seine Erzählung vielleicht verdächtig machen sollen: aber mein natürlicher Hass gegen einen jeden der etwas Ausserordentliches sein wollte, die nachteilige Meinung die ich bereits von dir hegte, und die Uebereinstimmung des Charakters, den er von dir machte, mit meiner eigenen vorgefassten Meinung, und mit den Nachrichten, die ich aus andern Quellen erhalten hattealles diess zusammen machte mich geneigt ihm zu glauben, und die Hitze, womit er gegen dich sprach, einer der meinigen ähnlichen Sinnesart zuzuschreiben. Hierzu kam noch, dass ich in dem Resultat seiner ganzen Erzählung den Schlüssel zu finden glaubte, der mir