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seines Plans, bis zur Unmöglichkeit weiter etwas dagegen einzuwenden. Aber meine Zeit war noch nicht gekommen. Ich hing noch zu stark an Mamilien, oder (aufrichtig zu reden) an allem, was meine Verbindung mit ihr Angenehmes und Vorteilhaftes hatte; und Kerintus selbst schien das letzte wichtig genug zu finden, um endlich seine Ansprüche auf mich, wiewohl ungern, der Betrachtung, dass ich ihm in meinen damaligen Verhältnissen vielleicht nützlicher sein könnte, aufzuopfern. Indem wir diese Sache noch mit vielem Eifer zwischen uns verhandelten, stellte sich mir auf einmal das Bild meines lieben Flüchtlings dar. Gib dich zufrieden, Bruder, rief ich mit einer Art von Begeisterung, ich habe einen Mann gefunden, der dich für deine fehl geschlagene Hoffnung reichlich entschädigen wird! – einen jungen Mann, der so ganz in deine Plane passt, als ob ihn die natur und das Glück absichtlich und ausdrükklich für dich ausgebildet hätten. Und nun, mein lieber Peregrin, erzählte ich ihm alles, was ich von deiner geschichte aus deinem eigenen mund wusste, und was mir selbst mit dir begegnet war; und du kannst leicht ermessen, ob ich ihn dadurch begierig machte, einen so seltenen, so liebenswürdigen und so ganz entschiedenen Schwärmer je eher je lieber in seine Partei zu ziehen. Wir überlegten mit einander, was du nach deiner Entweichung von Halikarnass vermutlich für einen Weg genommen haben könntest; und da ich nicht zweifelte dass du über Smyrna zurückgehen würdest, so beschloss Kerintus sich unverzüglich dahin zu begeben, und inzwischen allentalben, wo du wahrscheinlich auf deiner Wanderung durchkommen würdest, durch seine Freunde Erkundigungen von dir einzuziehen. Nach einiger Zeit erfuhr ich den glücklichen Erfolg des Plans, den er dieser Verabredung zufolge entworfen hatte, und erhielt grosse Danksagungen von ihm, dass ich ihn in den Stand gesetzt, eine Eroberung zu machen, von welcher er seiner Unternehmung wichtige Vorteile versprach.

Dioklea fuhr nun fort, mir von dem, was sich bis auf diese unsre, von meiner Seite so unverhoffte Zusammenkunft mit ihr selbst zugetragen, so viel zu berichten, als sie für nötig hielt, mich zu überzeugen, dass es auch damit ganz natürlich zugegangen sei. Die schöne Mamilia wurde des Aufentalts in diesen Gegenden von Kleinasien überdrüssig, und Dioklea begleitete sie zuerst nach den berühmten Bädern von Daphne, unweit Antiochien, sodann nach Alexandrien, und endlich nach Italien zurück, wo die üppige Römerin eine schöne Villa, welche sie in der Gegend von Bajä besass, zu ihrem gewöhnlichsten Aufentalt machte, und von dem Beispiele der neuen Bekanntschaften, in welche sie hier verwickelt wurde, hingerissen, sich allen Arten von Ausschweifungen mit so wenig Mässigung überliess, dass ihre aus einem feinern Tone gebildete Freundin es endlich nicht länger bei ihr aushalten konnte. Sie trennten sich von einander; und Dioklea, welche sich von der Rolle, die sie in der Unternehmung ihres Bruders spielen könnte, eine neue, den Fähigkeiten ihres Geistes und ihrem gegenwärtigen Alter angemess'nere Art von Tätigkeit versprach, säumte nun nicht länger sich mit ihm zu vereinigen, und, nachdem sie in kurzer Zeit alle dazu erforderlichen Kenntnisse und die Einweihung in den innersten Mysterien seines Ordens unter dem Namen Teodosia erhalten hatte, ihm an der Beförderung seiner geheimen Teokratie mit eben so vielem Eifer als Erfolg arbeiten zu helfen. Diese Vereinigung mit Kerintus erfolgte bald, nachdem ich mich wieder von ihm getrennt hatte, um meine Mission nach der Syrischen Küste anzutreten.

Wie billig, war es eine ihrer ersten Sorgen, sich nach ihrem alten Freunde Proteus bei ihm zu erkundigen, und so erfuhr sie nicht nur alles, was ichin der Meinung für die Sache Gottes und der ganzen Menschheit zu arbeitenfür ihn und seine Sache getan hatte, sondern auch zugleich, dass Kerintus, weit entfernt mich seines innersten Vertrauens würdig zu halten, mich bisher nur als ein blosses Werkzeug seiner Absichten betrachtet habe; als einen Menschen von gutem Willen, dessen Schwärmerei man benutzen müsse, ohne ihn jemals auch nur ahnden zu lassen, dass das, was er für den Zweck hielt, bloss ein Mittel zu dem wahren Zweck seines Ordens sei. Ich konnte (sagte mir Dioklea mit aller Wärme unsrer ehemaligen Freundschaft), ich konnte mich mit dem Gedanken nicht versöhnen, einen Mann wie du in den Augen meines Bruders so klein zu sehen. Wir stritten uns oft über dieses Kapitel, ohne dass ich mit allem, was ich ihm zu deinem Vorteil sagte, etwas über seine vorgefasste Meinung gewinnen konnte, welche (wie ich mir selbst nicht verbergen kann) auf Beobachtungen und Maximen gegründet war, die einen kältern und weniger für dich eingenommenen Kopf als der meinige notwendig zurückhaltend machen mussten. Mit Einem Worte, Kerintus scheint sich überzeugt zu haben, dass du seiner Sache als Apostel, allenfalls auch als Märtyrer, unendlichemal nützlicher sein könnest, als du ihm sein würdest, wenn er dich ohne Schleier in sein geheimnis schauen liesse. Aber er mag seiner Schwester verzeihen, wenn sie eine bessere Meinung von dir hegt, und nichts dabei zu wagen hofft, indem sie, einen alten Freund zu retten, gewissermassen zur Verräterin an einem Bruder wird. In der Tat sah ich kein anderes Mittel, dich aus der gegenwärtigen Gefahr zu ziehen und vor künftigen sicher zu stellen. Nein, mein lieber Peregrin! du sollst nicht das Opfer eines schwärmerischen Eifers werden. Wenn Kerintus Märtyrer für seine Secte braucht, so mag er sich nach solchen umsehen, an welchen mein Herz weniger Anteil nimmt.