, unter dem Namen Anagallis als mimische Tänzerin auftrat, wirklich die Absicht, zu welcher Hermias (der sie auf keinem andern Wege glücklicher machen zu können glaubte) sie mit so vielem Aufwand erzogen hatte.
Inzwischen hatte das Schicksal auch mit ihrem Bruder auf mancherlei Art gespielt. Er war ehemals zugleich mit ihr nach Aten gekommen, und Hermias hatte, aus Liebe zu ihr, ein paar Jahre für seinen Unterhalt gesorgt, und ihm gelegenheit verschafft, in den schulen der Rhetorn und Philosophen die erste Bildung eines Geistes zu erhalten, der schon damals nichts Gemeines zu versprechen schien. Nach Verfluss dieser Zeit fand Hermias gelegenheit, den jungen Menschen an einen seiner Freunde zu Korint zu empfehlen, der ihn zu Handlungsgeschäften gebrauchte, und in dessen Gesellschaft er verschiedene Reisen machte, auf einer derselben aber, durch die Unruhe seines immer ohne bestimmten Zweck emporstrebenden Geistes, von ihm getrennt, und zuletzt nach Alexandrien verschlagen wurde, wo er einige Zeit in Gemeinschaft mit den Juden lebte, sich in der Religion seiner Väter unterweisen liess, und mit verschiedenen übel berechneten Entwürfen, seinem unglücklichen volk aufzuhelfen, umging, deren Vereitlung ihn von Alexandrien wieder weg, und von einem Abenteuer zum andern trieb. Er hatte sich in Aegypten mit der Hermetischen Philosophie bekannt gemacht, und wanderte nun durch Chaldäa und Medien bis nach der heiligen Stadt Balk, an die Ufer des Oxus, um sich in den Mysterien der Chaldäer und der Zoroastrischen9 Schule einweihen zu lassen.
Während der ganzen Zeit, da Kerintus von seinem rastlosen und mit Entwürfen schwangern geist in den Morgenländern herumgetrieben wurde, zeigte sich seine Schwester nach und nach in allen Provinzen der Römischen herrschaft als die erste Tanzkünstlerin ihrer Zeit, und bezauberte sowohl auf den öffentlichen Schauplätzen, als in den Privatäusern, wohin er eingeladen wurde, alle Augen und Herzen. Seitdem sie sich dieser Lebensart ergeben hatte, waren mehr als zehn Jahre verflossen, in welchen sie ihren Bruder unvermerkt völlig aus dem gesicht verloren hatte: als sie unverhofft eine Einladung von ihm erhielt, sich mit ihm zu einer Unternehmung zu verbinden, von welcher er sich und ihr grosse Vorteile versprach. Er hatte sich nämlich zum Haupt einer Brüderschaft aufgeworfen, welche in den nördlichen Provinzen von Kleinasien von Ort zu Ort herumziehen wollte, um die Liebhaber fanatischer Religionsübungen in den Mysterien der Isis einzuweihen, und dieses Institut zugleich mit einem Orakel und andern Chaldäischen und magischen Operationen zu verbinden, welche unter den rohen Völkern in Paphlagonien, Galatien, und im Pontus grosse Ausbeute hoffen liessen. Kerintus hatte dazu einer Priesterin vonnöten, auf deren Geist und Geschmeidigkeit er sich in allen Fällen verlassen könnte; und der öffentliche Ruf hatte ihm über diesen Punkt einen so vorteilhaften Begriff von seiner Schwester gemacht, dass er sich des glücklichsten Erfolgs seiner Unternehmung gewiss hielt, sobald sie an der Ausführung Anteil nehmen würde. Da die schöne Anagallis um diese Zeit des Teaters ziemlich überdrüssig war, so ging sie um so williger in die Vorschläge ihres Bruders ein, als sie sich von dieser neuen Lebensart tausend Gelegenheiten versprach, ihren erfinderischen Kopf auf eine angenehme Art zu beschäftigen, und weil überdiess, seitdem sie aufgehört hatte den Augen des Publicums in den Hauptstädten etwas Neues zu sein, die Quellen zu Bestreitung ihres grossen Aufwandes immer unergiebiger wurden. Sie begab sich also zu ihrem Bruder, der sie zu Smyrna erwartete; liess sich von ihm in der Rolle, welche sie in seinem geheimen Isisorden spielen sollte, unterrichten; durchwanderte hierauf mit ihm und seiner Gesellschaft einen grossen teil des kleinern Asiens, und rechtfertigte durch ihre Talente für diesen neuen Zweig der Schauspielkunst und Mimik die Meinung vollkommen, welche Kerintus von ihr gefasst hatte. Allein diese wandernde Lebensart war, bei allen ihren Annehmlichkeiten, auch grossen Beschwerden und Gefahren ausgesetzt; nicht alle Abenteuer fielen glücklich aus, und Anagallis, oder Parisatis (wie sie sich jetzt nennen liess) ging schon einige Zeit mit ihrem Bruder zu Rate, wie sie ihre Fähigkeiten auf eine edlere und seines hoch strebenden Geistes würdigere Art beschäftigen könnten: als ein glücklicher Zufall sie mit der schönen und reichen Römerin Mamilia Quintilla bekannt machte, und die beiden Damen eine so grosse Zuneigung für einander fassten, dass sie von nun an beschlossen, sich nie wieder zu trennen. Kerintus war eben abwesend, als sich dieses zutrug; sie benachrichtigte ihn schriftlich davon, und er liess sich um so eher gefallen seine Schwester in so guten Händen zu lassen, da er selbst im Begriff war, neue Verbindungen einzugehen, und bereits über dem grossen Entwurfe brütete, mit dessen Ausführung wir ihn beschäftigt gesehen haben; jedoch musste sie ihm versprechen, dass sie so viel möglich einen ununterbrochnen Briefwechsel mit ihm unterhalten und immer bereit sein wollte, ihm, bei jeder Aufforderung, zu seinem Vorhaben (woraus er ihr damals noch ein geheimnis machte) beförderlich zu sein.
Lucian.
Ah! nun klärt sich auf einmal alles auf, was dich bei deiner ersten Zusammenkunft mit Kerintus beinahe nötigen musste, ihn für ein übermenschliches Wesen, oder wenigstens für einen Wundermann vom ersten Range anzusehen.
Peregrin.
Mich hatte dieser fatale Lichtstrahl in dem Augen
blicke durchblitzt, da ich aus Diokleens mund hörte, dass sie die Schwester des Kerintus sei; und daher diese heftige Revolution, die auf einmal mein ganzes Wesen erschütterte. Es brauchte für mich nichts mehr, als mir zwei solche Personen wie Kerintus und Anagallis in einem solchen Verhältnisse zu denken, um alles Uebrige dunkel voraus zu sehen, und mich verraten und betrogen zu glauben. Indessen wollte ich