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durch eine unfreiwillige Bewegung mit einem Messer verwundet hättest. – Nichts davon zu sagen, dass eine Dame von Diokleens Stand, Alter und Charakter sich im grund durch einen so ausserordentlichen Beweis der Gewalt ihrer Anziehungskraft weniger beleidigt als geschmeichelt finden musste.

Peregrin.

Diess, Lucian, war wohl nicht der Fall mit Diokleen. Was geschehen war, verrückte ihren ganzen Plan, und konnte ihr also unmöglich anders als äusserst unangenehm sein. Und in der Tat, wenn ich bedenke, dass dieser Sturm, wie du es zu nennen die Güte hattest, vielleicht das einzige war, was mich von den Verführungen dieser schlauen Creatur retten, und in die ruhige Fassung setzen konnte, ohne welche es mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, unmöglich gewesen wäre ihren Anschlag auf mich zu vereiteln: so bin ich beinahe versucht, jenen wilden Ausbruch, der so ganz und gar nicht in meinem natürlichen Charakter war, eher für das Werk meines guten Genius zu halten, oder wenigstens in die Zahl der unerklärbaren Zufälle zu setzen, durch welche wir, indem wir bloss als blinde Werkzeuge einer mechanisch auf uns wirkenden Ursache handeln, von irgend einem grossen Uebel befreiet oder irgend eines grossen Gutes teilhaftig werden; Zufälle, wovon jeder Mensch, vielleicht ohne Ausnahme, auffallende Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung anzuführen hat. Der Verfolg meiner Erzählung wird dich, denke ich, überzeugen, dass ich Grund habe diese Bemerkung zu machen.

Lucian.

Etwas, wovon ich sehr stark überzeugt bin, ist: dass die gute Mutter natur, die ihre Kinder nicht leicht im Stiche lässt, sehr mütterlich dafür gesorgt hat, dass wir, um den Glauben an uns selbst (diess so unentbehrliche Triebrad in unserm Wesen) durch keine unsrer Vergehungen oder Torheiten gänzlich zu verlieren, für jede Anklage in unserm eigenen Busen eine Entschuldigung finden, welche unvermerkt die Gestalt einer Rechtfertigung gewinnt, und wenigstens uns selbst unparteiischen Richter bestehen könnte. – Aber weiter, Peregrin!

Peregrin.

Als ich endlich, wiewohl nicht ohne grosse Mühe, meine so gröblich beleidigte Freundin wieder besänftiget sah, und einige Becher von einem Weine, der die Bacchanalien der Villa Mamilia in unsre Erinnerung zurückrief, das gute Verständniss zwischen uns wieder hergestellt hatten, bat ich sie, mir zu erklären, durch was für ein Wunder die Tochter des Apollonius, die weltberühmte Tänzerin Anagallis, die Vertraute der üppigsten aller Römerinnen, mit Einem Worte, die schöne Dioklea, aus einer sehr irdischen Priesterin der himmlischen Venus in eine Schwester des erhabnen Kerintus und in eine Christianerin umgestaltet worden sei.

Ich bin, versetzte sie, mit der Entschliessung hierher gekommen, dich über alle diese Dinge ins Klare zu setzen; und wiewohl ich wenig Ursache habe, viel Vertrauen in deine Weisheit zu setzen, so will ich es doch auf die Gefahr noch einmal von meinem Herzen betrogen zu werden, mit dir wagen, und deiner Freundschaft für mich, an welcher ich nie gezweifelt habe, das geheimnis meiner Seele anvertrauen. Alles müsste mich betrügen (setzte sie hinzu), oder das der zusammengebracht, um an einem grossen Plane mit einander zu arbeiten, und, wie oft uns auch die Umstände noch ferner trennen möchten, dem Geist und Herzen nach immer aufs engeste vereiniget zu bleiben. – Nach dieser Vorrede forderte sie, als die einzige und absolute Bedingung, ohne welche alle Gemeinschaft zwischen uns sogleich unwiderruflich aufgehoben werden müsste, dass ich ihr feierlichst angeloben sollte, von diesem Augenblick an zu vergessen, dass sie jemals Dioklea und Anagallis für mich gewesen sei, nichts andres mehr in ihr zu sehen, als meine neu gefundene Schwester Teodosia, und mit dem heiligen Namen eines Bruders auch die Gesinnungen und das Betragen eines Bruders gegen sie anzunehmen. Es war natürlich, dass ich mich auf alle Fälle gegen einen solchen Antrag sträubte; aber, da sie mit grossem Ernst darauf bestand, blieb mir nichts andres übrig als zu gehorchen, und es lediglich auf die Bescheidenheit meines Betragens und ihre eigene Grossmut ankommen zu lassen, ob und unter welchen Umständen sie für gut finden würde, von der strengen Busse, welcher ich mich unterwarf, etwas nachzulassen.

Nachdem dieser vorläufige Punkt berichtiget war, fing sie an, mir das Wesentlichste von der geheimen geschichte ihres Bruders und ihrer eignen mitzuteilen. Kerintus war einige Jahre älter als sie; sie stammten von jüdischen Eltern ab, die ihnen aber noch in ihrer Kindheit entrissen wurden. Not und Dürftigkeit brachten ihren Bruder dahin, sich selbst und seine kleine Schwester auf eine gewisse Zeit an eine Bande herumziehender Tänzer und Luftspringer zu verhandeln. Etliche Jahre darauf fiel die kleine Dorkas, wie sie sich damals nannte, in die hände eines gewissen Hermias, eines Weisen von dem Aristippischen Orden, der zu Aten privatisirte, und sich, aus nicht ganz uneigennützigen Absichten, ein Geschäft daraus machte, die Anlagen, die er in ihr entdeckte, teils selbst, teils durch die besten Meister die er finden konnte, auszubilden. Sie sprach von diesem ihrem zweiten Vater mit der Wärme und Zärtlichkeit einer Tochter, die ihm alles was sie war zu danken hätte. Aber auch er wurde ihr nach einigen Jahren durch den Tod geraubt; und weil das kleine Vermächtniss, das er ihr hinterlassen konnte, ziemlich bald aufgezehrt war, so befand sie sich nun in dem Falle, von den Talenten zu leben, welche sie zu Aten erworben hatte; und in der Tat erfüllte sie, indem sie zu Smyrna, Ephesus, Antiochia, und in andern Hauptstädten der östlichen Provinzen des Reichs