1791_Wieland_110_85.txt

Ich warf mich, oder taumelte vielmehr, unwissend wer ich war und was ich tat, zu ihren Füssen, umfasste ihre Knie, drückte mich mit der Entzückung eines Rasenden an sie an, stiess sie einen Augenblick darauf wieder von mir, sprang auf, schlug mich mit der Faust vor die Stirne, sank mit dem Kopf aufs Lager hin, sprang wieder auf, stürzte auf Diokleens Schulter, und brach glücklicherweise in einen Strom von Tränen aus, der mir die Sprache wieder gab, und wahrscheinlich meine Vernunft rettete. O so war auch diess alles Täuschung! rief ich endlich aus, indem ich mein Gesicht an ihren leicht verschleierten Busen drückte. – Aber du bleibst mir! Anagallis oder Dioklea, oder unter welchem Namen du dich mir darstellst, unter jedem Namen, unter jeder Verkleidung bist dudu selbst! Nicht wahr, Dioklea, du täuschest mich nicht?

Sie umarmte mich statt der Antwort mit der ruhigen Zärtlichkeit einer Schwester, indem sie mich bat, mich zu fassen und diese stürmischen Bewegungen zu mässigen. "Ich habe dir noch unendlich viel zu sagen, setzte sie hinzu; aber du musst erst ruhiger werden. Setze dich, lieber Peregrin. – Ich bringe in diesem Korb Erfrischungen mit, die deine Lebensgeister besänftigen werden; und ich hoffe, schon meine Gegenwart soll wie Homers Nepente auf dich wirken, und dich aller unangenehmen Dinge vergessen machen. Ich habe dafür gesorgt, dass uns niemand stören wird. Die Nacht ist unser. Sogar die frommen Bettler und die Schaar von alten Weibern, die sonst immer vor der Tür lagen und Wache bei dir hielten, sind durch einen Polizeibefehl entfernt. Dioklea denkt an alles, wie du weisst." – Unter diesen Reden schickte sie sich an, ihren Korb auszupacken, und, um desto rüstiger zu sein, legte sie den Wittwenschleier, den braunen Ueberrock und den ledernen Gürtel ab, und stand in einer faltenvollen schneeweissen Tunica, die von einem Gürtel von künstlichen Rosen zusammengehalten wurde, mit halb aufgebundnen, halb wallenden Haaren, nymphenähnlicher und reizender, däuchte mich, als jemals, vor mir da.

Lucian.

Armeroder vielmehr nicht armer, reicher, an süssen Täuschungen reicher Peregrin! Und du hättest gewollt, dass dich Dioklea nicht täuschen sollte?

Peregrin.

Ach! was mich täuschte, war immer in mir selbst! Ich wage es kaumdenn in der Tat, entweder du bist so gefällig und erlässest mir ein geständnis, wofür ich wirklich keine Worte zu finden weissoder was ich dir gestehen muss, die wirkung, welche Dioklea (du weisst was für Reitze, was für Erinnerungen dieser Name umfasst), Dioklea, in diesem Anzug, in einem so gefährlichen Augenblicke, beim magischen Schein einer einzigen Lampe, nach einer so langen Trennung, nach einem so entaltsamen Leben als ich seit sieben Jahren geführt hatte, in diesem Aufruhr aller meiner äussern und inneren Sinneauf mich machteNein, Lucian, fordre es nicht! – es wirft mich zu sehr vor dir zu Boden! Du würdest nicht begreifen können, wie dieses Weib, – die das war was ich wusste, – die, wiewohl noch immer voller Reize, doch gewiss in einer ruhigern Gemütsstimmung und bei hellem Tageslichte wenig Eindruck auf meine Sinne gemacht hätte, in diesem Augenblicke den Mann, den ich dir bisher geschildert habe, aus einem Entusiasten von der höchsten klasse, aus einem halben Engelin einen wütendenich kann das Wort nicht aussprechenin einen

Lucian.

So lass' es mich sagenin einen Satyr verwandeln konnte. – Freund Peregrin, das begreife ich so gut, dass ich noch keine von allen deinen begebenheiten besser begriffen habe; so gut, dass diess geständnis in meinen Augen allen deinen übrigen das Siegel der jenem nämlichen Augenblick, unter solchen Umständen, unmittelbar nach einer so heftigen Revolution in deinem ganzen Sein und Wesen, auf einen Menschen wie du, diese wirkung nicht getan, entweder geglaubt hätte, du verschweigest mir etwas, oder gezwungen gewesen wäre, in deine ganze bisherige Erzählung ein Misstrauen zu setzen. – Gib dich also zufrieden, dass du, mit allen deinen Visionen und trotz der hohen Gnosis des Kerintus, doch nur ein Mensch, das ist, ein Ding warst, das unter gewissen Umständen und Bedingungen ein halber Engel, unter andern ein ganzer Satyr sein kann, – und sage mir, wie benahm sich die schöne Teodosia in diesem Sturme?

Peregrin.

Ich bin ihr die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, dass sie das Mögliche und das Unmögliche versuchte, um dem wütenden Nympholepten zu entgehen; aber ihre Kräfte reichten nicht so weit. Ueberdiess war die Tür von aussen verriegelt, und noch lauter zu schreien als sie wirklich schrie, – uns beide dadurch zum Stadtmährchen von Antiochia zu machen, und auf die unschuldigen Christianer eine Nachrede zu bringen, welche gewiss von ihren Feinden sehr grausam gemissbraucht worden wäre, dazu war sie zu verständig und von dieser widerlichen Scene sagen; denn du, der alles so gut begreift, begreifst auch diess, dass Dioklea

Lucian.

O gewiss begreife und billige ich sogar, – unter allen vorwaltenden Umständen, versteht sichdass sie dir vergab; dir, da du (wie ich mir leicht vorstellen kann) im Staube vor ihr lagst, und, von Scham und Reue beinahe vernichtet, um Gnade flehtest, eben so aufrichtig vergab, als sie getan haben würde, wenn du sie