1791_Wieland_110_84.txt

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Der Hauptfehler war wohl, dass ich (nach den

grundsätzen der Kerintischen Philosophie) gleich anfangs solchen sehr natürlichen Anfechtungen die Wichtigkeit gab, sie in meinem Wahne zu übernatürlichen zu erheben. Eben dass ich sie für Anfälle böser Geister hielt, und mich mit so grossen Bewegungen und Anstalten gegen sie zur Wehre setzte, musste die Sache immer ernstafter und schwieriger machen. – Doch, es ist hohe Zeit, auf die Begebenheit zu kommen, die das Ende aller dieser Ausschweifungen und meine gänzliche Trennung von den Christianern herbeiführte.

Lucian.

Ich bin lauter Ohr.

Siebenter Abschnitt.

Peregrin.

Eines Abends, da die lange Dauer meiner Gefangenschaft und die Lauigkeit, womit meine Freunde an meiner Befreiung zu arbeiten schienen, meiner Geduld härter als gewöhnlich zusetzten, öffnete sich die Tür meines Gefängnisses, und eine verschleierte Frau, mit einem Korb auf dem kopf und einer Lampe in der Hand, trat herein, und grüsste mich (indem sie die Lampe auf einen kleinen Tisch und den Korb auf den Boden setzte) mit dem wohl bekannten Friedenswunsche der Christianer. Ihr Anzug war die gewöhnliche Kleidung der Diakonissen, das ist, der ältlichen Wittwen, die sich dem Dienste der Brüdergemeinen widmeten; ein dunkelbrauner Habit von der gemeinsten Wolle, mit einem ledernen Gürtel zusammengehalten: aber in ihrer Gestalt war etwas, das mit diesem Anzuge kontrastierte, und, in eben dem Augenblick, da es mich befremdete, eine schlafende Erinnerung zu erwecken schien. Ich war betroffen, und das Herz schlug mir vor Erwartung, was aus dieser Erscheinung werden sollte, ohne dass ich ein Wort hervorbringen konnte. Auch die unbekannte Schwester schien keine Eile zu haben, die Unterredung anzufanGelassenheit ihren Korb aufdeckte, ein kleines Rauchfass voll glühender Kohlen herausnahm, etwas Räuchwerk darauf warf, und das ziemlich dumpfe Gewölbe mit einem Wohlgeruch erfüllte, der es auf einmal (wenigstens für Einen Sinn) in ein Zimmer eines Feenpalasts verwandelte.

Diess erweckte neue Rückerinnerungen: mein Erstaunen nahm zu; ich erwartete mit Ungeduld, was auf diese magische Vorbereitung folgen würde. – "Und dein Herz sagt dir noch immer nichts, mein Bruder Peregrin?" sprach sie endlich mit einer stimme, die mich zu oft in Entzücken gesetzt hatte, um mich länger im Zweifel zu lassen; und mit dem letzten Worte schlug sie ihren Schleier zurück und öffnete ihre arme.

Was sehe' ich? Dioklea? rief ich ausser mir, indem ich in ihre arme sank; ist's möglich? Dioklea hier? Dioklea eine Christianerin?

"Und warum nicht? versetzte sie lächelnd. Ich habe so vielerlei Rollen gespielt, warum nicht auch diese? die einzige, die es vielleicht der Mühe wert war noch zu lernen?"

Eine Rolle nennst du es? rief ich mit Bestürzung.

"Stosse dich nicht an dieses Wort, lieber Peregrin; es ist nicht so übel gemeint als du es aufnimmst. Es gehört, wie du weisst, Zeit dazu, eine lange gewohnte Sprache zu verlernen und sich eine ganz neue anzugewöhnen. Ich wollte nichts damit sagen, als worin wir unfehlbar beide einverstanden sind, dass wir nichts Weiseres und Besseres tun konnten, als das, was wir ehemals waren, mit dem, was wir nun sind, zu vertauschen."

Ganz gewiss, Dioklea, hast du das beste los erwählt! Aber, o sage, wie und wann und wo warest du so glücklich, dich von der schändlichen Mamilia loszureissen? Wer war das gebenedeite Werkzeug deiner Erleuchtung?

"Kerintus."

Ist's möglich? Kerintus? rief ich mit Entzückung aus; Kerintus, der mich auf eine so wunderbare Weise gerettet hat, Kerintus hat auch dich aus den Klauen der Dämonen gerissen, und der unermesslichen Seligkeiten des Reichs der Himmel teilhaftig gemacht?

"Ich habe dir noch weit wundervollere Dinge zu entdecken, mein lieber Proteus; aber vor allen Dingen lass' dich bitten, diese seltsame Sprache, die dir, wie ich höre, so geläufig geworden ist als ob du nie eine andere gesprochen hättest, mit einer natürlichern zu vertauschen."

Lucian.

Darum hätte ich dich selbst bitten wollen.

Peregrin.

"Fast sellte ich denken (fuhr sie fort), du wärest noch nicht über die Schwelle des inneren Heiligtums unsers Ordens gekommen: oder glaubst du etwa, dass diess bei mir der Fall sei, mein Bruder? so irrest du dich sehr. Ich bin von den Jüngern hinter dem Vorhang,8 lieber Peregrin; ich binwas du gewiss nicht vermutest, nie erraten würdest, ich bin –"

Und was denn? rief ich

"Die Schwester, die leibliche Schwester des Kerintus," sagte sie mit einem lächelnden blick, und einem Tone, der über mein Erstaunen zu triumphiren schien.

Sprichst du im Ernste? Du? Du, Anagallis-Dioklea, die Schwester des Kerintus? –

"In vollem Ernste, lichtstrahlender Peregrinus Proteus, erwiderte sie indem sie meine Hand ergriff; hier hast du meine Hand darauf, die leibliche Schwester des grossen Propheten Kerintus, wiewohl nicht länger Anagallis noch Dioklea, sondern Teodosia."

Bisher, lieber Lucian, hatte ich, ungeachtet des Eindrucks der Gegenwart dieser Zaubrerin, und des magischen Nimbus von tausend süssen, Herz und Sinne schmelzenden Erinnerungen, in welchem sie vor meinen Augen stand, noch immer ausgehalten: aber gegen diese Entdeckung, und gegen den leisen hielt ich nicht länger aus. Es war als ob ich plötzlich aufhörte der vorige Mensch zu sein. –