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so mehr aufsehen zu Antiochia, weil sich seit mehrern Jahren nichts Aehnliches in dieser grossen, reichen und unendlich üppigen Hauptstadt zugetragen hatte. Man sprach ein paar Tage von nichts anderm; dafür wurde aber auch, sobald sie aufhörte etwas Neues zu sein, gar nicht mehr daran gedacht. Die Christianer hingegen, und besonders die mit Kerintus verbündeten Gemeinen, gerieten dadurch in ausserordentliche Bewegung: und, wiewohl man bald merken konnte, dass alles bloss auf meine person gemünzt sei, und die Brüder überhaupt wenig oder nichts desshalben zu befürchten hätten; so zeigten sie doch so viel Unruhe, nahmen so warmen Anteil an meinem Schicksal, und machten im Verborgenen so vielerlei Anschläge und zum teil so viel wirkliche Schritte zu meiner Befreiung, dass eben diese ihre unruhige Geschäftigkeit wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, meine Gefangenschaft über ein ganzes Jahr hinaus zu ziehen. Kerintus und Hegesias waren zwar viel zu klug, um in dieser Sache unmittelbar zu erscheinen; aber ich bin ihnen die Gerechtigkeit schuldig, zu gestehen, dass sie sich durch die dritte Hand mit vielem Eifer für mich verwendeten, und grosse sorge trugen, dass es mir, so lang' ich im gefängnis war, an keiner Bequemlichkeit, die um Geld zu erhalten war, fehlen möchte. Ueberhaupt, Lucian, ist dein Ungenannter zu Elis in seiner ganzen Erzählung der Wahrheit nirgends so getreu geblieben als da, wo die Rede von meiner Gefangenschaft ist. Alle Umstände, die er anführt, sind buchstäblich wahr; den einzigen ausgenommen, dass ich durch die Freigebigkeit der Brüder nicht so reich ward als er vorgibt. Denn, wiewohl sie in solchen Fällen nichts zu sparen pflegten, den Zustand ihrer Märtyrer (wie sie einen jeden aus ihrem Mittel nannten, der desswegen, weil er sich zum Christentum bekannte, etwas leiden musste) zu erleichtern, und, wo möglich, ihre Befreiung zu bewirken, so waren sie doch viel zu gute Oekonomen, um etwas Ueberflüssiges und Zweckloses zu tun. Man liess keinen Bruder Not leiden; aber ihn durch ihre Freigebigkeit reich zu machen, wäre gänzlich gegen den Geist des Ordens gewesen, bei welchem die einzelnen Glieder nur in so weit in Betrachtung kamen, als der Vorteil des Ganzen es erforderte.

Was mich betrifft, so hatte die Einkerkerung, durch den Gedanken, für welche Sache ich litt, und durch alles das Heroische und Glorreiche, das in meiner Einbildung mit dem Namen eines Bekenners und Dulders verbunden war, zumal in den ersten Tagen und Wochen, etwas so Herzerhöhendes für mich, dass ich mich vielleicht in meinem ganzen Leben nie freier fühlte als damals

Lucian.

Zum klaren Beweise, dass die Stoiker ihrem Weisen zu viel schmeicheln, wenn sie behaupten, er allein habe das Vorrecht, selbst in Ketten und Banden frei zu sagen, gerade das Gegenteil des Weisen ist, kann diesem auch hierin den Vorzug sogar noch streitig machen. – Uebrigens, Freund Peregrin, würdest du mich verbinden, wenn du, diesem edlen Freiheitsgefühl unbeschadet, deinen Ausgang aus dem Kerker so viel möglich beschleunigen wolltest.

Peregrin.

Sehr gern. Denn, wiewohl diese Epoche meines Lebens die letzte war, wo mir die hohe Stimmung meiner Einbildungskraft eine Art von Glückseligkeit verschaffte, deren Verlust ich in der Folge oft genug zu bedauern Ursache hatte: so muss ich doch gestehen, dass die allzu grosse Einförmigkeit dieses fantastischen Glücks nach Verfluss einiger Monate seinen Zauber merklich schwächte, und mich das Unangenehme der Einkerkerung und der Ungewissheit meines Schicksals zuweilen sehr lebhaft fühlen liess.

Auch der Mangel an Umgang mit Menschen, die, anstatt bloss an mir zu saugen, auch mir, wie Hegesias und Kerintus, etwas zu geben fähig gewesen wären, trug nicht wenig dazu bei, das Unbehagliche meines Zustandes zu vermehren. Zwar ermangelten die andächtigen Schwestern und guterzigen alten Mütterchen, welche meiner pflegten, nicht, durch Bestechung des Kerkermeisters von Zeit zu Zeit kleine Verhören Verlangen trugen, und bei dieser gelegenheit sehr reichliche Liebesmahle in meinem Gefängnisse zu veranstalten, auch überhaupt ihr Möglichstes zu tun, mir ihre herzliche und eben dadurch oft sehr beschwerliche christliche Liebe mit Worten und Werken zu beweisen: aber

Lucian (lachend).

Armer Peregrin! – Kein Aber, wenn ich bitten darfnur immer zu!

Peregrin.

Genug, es kam endlich so weit mit mir, dass in gewissen Stundenzumal wenn ich (wie öfters geschah) auf meinem nicht allzu weichen Lager den Schlaf nicht finden konnteErinnerungen und Bilder aus der zauberischen Villa Mamilia in mir erwachten

Lucian.

Und du wunderst dich noch darüber?

Peregrin.

Wenigstens geschah es sehr wider meinen Willen, das kannst du mir glauben! und ich kämpfte oft bis aufs Blut, um dieser Anfechtungen (wie sie in unsrer Sprache hiessen), als Eingebungen böser Dämonen, los zu werden. Ich sage bis aufs Blut, im wörtlichen verstand; denn ich geisselte mich zuweilen, wenn mir Satan zu mächtig werden wollte, so unbarmherzig, dass mein rücken des folgenden Tages meinen mitleidigen Wärterinnen nicht wenig zu schaffen machte.

Lucian.

Und was war der Erfolg dieser listigen Art dem Feind in den rücken zu fallen?

Peregrin.

Ich kann nicht läugnen, dass ich übel dadurch ärger machte.

Lucian.

Das hätte ich dir vorhersagen wollen, mein guter Peregrin. Diesen Dämon mit Fasten und Beten zu bekämpfen, das lass' ich allenfalls gelten: aber Ruten und Geisseln sind immer für ein besseres Mittel gehalten worden, ihn vielmehr aufzureizen als zu dämpfen.

Peregrin