1791_Wieland_110_81.txt

, nach allerlei vorbereitenden Feierlichkeiten, auf einmal mit mächtiger stimme befahl zu glauben dass sie gesund seien

Lucian.

Auch nicht übel!

Peregrin.

Das stärkste Stück aber, das ich mit meinen eignen Augen gesehen habe, war die Auferweckung einerhysterischen Jungfrau, welche, als er herbei gerufen wurde, nach der Versicherung ihrer weinenden Verwandten, schon vor zwei Tagen gestorben war

Lucian.

Undden einzigen Umstand, dass sie noch lebte, ausgenommenohne Zweifel alle Zeichen einer toten person an sich hatte?

Peregrin.

Wie es auch damit beschaffen sein mochte, bei den ehrlichen Cappadocischen Bauern galt diese Auferweckung für ein augenscheinliches Wunder; und ich kann nicht läugnen, dass ich selbst bei dieser gelegenheit so sehr Cappadocier war als ein anderer; mit so vielem Anstand und in einer so grossen Manier wusste der hochwürdige Kerintus seine Rolle in solchen Scenen zu spielen. Kurz, die wirkung der Wunder, die er zum Beweise seiner Sendung tat, war so entscheidend, dass nicht nur alle anwesenden Brüder, die noch an ihm gezweifelt hatten, sondern sogar viele von der Neugier herbeigezogene Götzendiener auf der Stelle gewonnen wurden. Ich, dem er sich gleich im ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft als ein ausserordentlicher und mit höhern Wesen in Verbindung stehender Mann dargestellt hatte, wurde vielleicht durch diese Dinge am wenigsten befremdet: indessen gaben sie doch meinem Glauben an ihn einen neuen Schwung; und ich zog nun, nachdem er mir seine wundertätigen hände aufgelegt hatte, desto getroster auf das neue Abenteuer aus, zu dessen Bestehung er mich, mit den nötigen Empfehlungen und Instructionen versehen, nach Syrien abschickte.

Die Eroberung dieser Provinz lag ihm sehr am Herzen. Denn die Brüder zu Antiochia, Seleucia und Laodicea am Meer waren zum teil reiche Handelsleute, von deren Vermögen und Verbindungen in allen Teilen des Römischen Reiches der geheime Orden, dessen Seele er war, grosse Vorteile ziehen konnte, wenn es ihm nur erst gelang, die Gemeinen selbst auf seinen Ton zu stimmen, und mit seinen Anhängern in den Provinzen des kleinen Asiens in nähere Vereinigung zu bringen. Da die Syrer überhaupt Leute von sehr lebhaften Sinnen und warmer Einbildungskraft sind, so schien ich ihm zu diesem Werk ein auserwähltes Rüstzeug zu sein: und damit meine Bearbeitung eines so guten Bodens desto schneller und reichlicher Früchte bringen möchte, hatte er mich durch Hegesias und andere seiner heimlichen Anhänger als einen Jünger aus der Schule des heiligen Johannes ankündigen lassen, der die Tradition der wahren Lehre unmittelbar aus der lautersten Quelle geschöpft habe, und sowohl dieses Vorzugs halber, als wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines Eifers für die Ausbreitung des Reichs unsers Herren, als ein wahrhaft apostolischer Mann aufgenommen zu werden verdiene.

In der Tat hatte meine Schwärmerei um diese Zeit den höchsten Grad ihrer Hitze erreicht. Meine innige Liebe für das Ideal der reinsten Menschheit, unter welchem ich mir die person unsers ersten Meisters dachte, und mein Sinn für die Wahrheit seiner eben so erhabenen als einfachen Lebensweisheit hatte sich mit der schwärmerischen Gnosis und dem Glauben an die bevorstehende Teokratie des Kerintus völlig amalgamirt; und meine von so viel brennbaren Materien entzündete und in stetem Feuer erhaltene Seele kochte und strudelte von einem so heissen Verlangen, ihre Gefühle und Ueberzeugungen mit ihrer ganzen Fülle von Glauben, Liebe und Hoffnung über alle, die derselben nur einigermassen empfänglich wären, auszuströmen, dass Kerintus schwerlich ein tauglicheres Subject zu Ausführung dessen, wozu er mich sendete, hätte finden können.

Ich machte meine erste Erscheinung in den Gemeinen, die unter der Aufsicht des Bischofs von Laodicea standen, und wurde allentalben wie ein Engel, der geraden Weges vom Himmel käme, aufgenommen. Das Evangelium Johannis, wovon mir Kerintus eine von ihm nach seinen grundsätzen verfälschte Abschrift mitgegeben hatte, und die Auslegung, die ichder selbst keine andre Abschrift kannteden Brüdern in ihren Versammlungen über die darin entaltenen Geheimnisse vortrug, wirkten ausserordentlich. Mein Ansehen unter diesen guten Leuten, deren grösster teil sich eben so treuherzig von mir täuschen liess als ich selbst getäuscht war, nahm von Tag zu Tage zu, undkurz, meine Mission ging so gut von Statten, dass in weniger als zwei Jahren mehr als die Hälfte der Gemeinen in Syrien und Palästina unvermerkt in den feinen Netzen des Kerintus gefangen war, und sammt ihren Vorstehern unter die unsichtbare Leitung und Oberherrschaft eines Ordens kam, von dessen Existenz sie nicht die geringste Ahndung hatte.

Du stellst dir wohl von selbst vor, dass bei diesem Geschäfte von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten und Hindernisse zu bekämpfen waren, deren Beschreibung meine Erzählung ohne Not verlängern würde. dafür konnte ich aber auch sicher auf beständige Unterstützung der Unsichtbaren rechnen; und, was mir am meisten zu Statten kam, war der Umstand, dass die Bischöfe und andere Diener der Gemeinen, welche mir hätten hinderlich sein können, durch ansehnliche Verbesserungen ihrer Einkünfte, die ihnen aus der Ordenscasse (vermutlich auf Unkosten meines Erbgutes) zuflossen, klüglich gewonnen waren, sich wenigstens bloss leidend bei der Sache zu verhalten.

Mitten in dem Laufe meiner apostolischen Triumphe wurde ich ganz unvermutet von einer unsichtbaren Hand aufgehalten, welche keinem der unsichtbaren Obern, von welchen ich abhing, zugehörte. Hättest du wohl gedacht, Lucian, dass der geheime Pfeil, der mich zu Antiochia traf, in Parium abgeschossen wurde.

Lucian.

In deiner Vaterstadt? – Ich begreife. Deine Verwandten und präsumtiven Erben hatten wohl keine Lust, ruhig zuzusehen, wie das ansehnliche Erbgut, worauf das Gesetz, falls dir etwas Menschliches