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mit mir, so oft wir allein waren, von keinen andern Gegenständen, als die sich auf dieses Geschäft bezogen, und teilte mir eine Menge Verhaltungsregeln und Cautelen mit, die ich dabei zu beobachten haben würde. Er verbarg mir nicht, dass von mehr als fünfhundert grösseren und kleinern Brüdergemeinen, welche damals durch Asien, Syrien und Aegypten zerstreut waren, kaum der siebente teil in näherer und unmittelbarer Verbindung mit ihm stehe; und dass es daher von unumgänglicher notwendigkeit sei, zahlreiche Arbeiter auszusenden, um der Verwirrung, dem Misstrauen und den Spaltungen, welche der Geist der Finsterniss unter den Gemeinen zu unterhalten geschäftig sei, vorzubeugen, und alle diese zerstreuten Schafe, durch die engeste Verbindung ihrer Hirten unter einander, nahe genug beisammen zu haben, um die stimme des Oberhirten immer hören zu können, und von keinen blinden oder betrügerischen Leitern irre geführt zu werden. Er liess sich hierüber, besonders über die Klugheit, womit die Vorsteher der verschiedenen Gemeinen geprüft, behandelt und gewonnen werden müssten, in sehr genaue Instructionen ein, die ich übergehe, weil sie mich zu weit von mir selbst abführen, und einem Menschenkenner, wie du, wenig Neues sagen würden.

Lucian.

Ich muss gestehen, Peregrin, dass ich der Entwicklung dieses Teils deiner geschichte mit Verlangen entgegen sehe.

Peregrin.

Wir kommen ihr immer näher, lieber Lucian. Nur Eines Umstandes muss ich, ehe ich mein sogenanntes Apostolat wirklich antrete, noch vorher erwähnen; und dieser war, dass ich während meines Aufentalts zu Ikonium, unter andern jungen Männern, die in der Pflanzschule des Kerintus beisammen lebten, einen kennen lernte, der meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben würde, wenn ihn der Vorsteher auch nicht durch eine besondere Art von fein beobachtender Hochachtung von den andern unterschieden hätte. Er nannte sich Dionysius, war (dem Ansehen nach) einige Jahre älter als ich, und hatte Paphlagonien (wo er aus einer kleinen Stadt gebürtig war) schon in seinen ersten Jünglingsjahren verlassen, um sich zu Aten aus einem Paphlagonier6 zueinem Menschen bilden zu lassen. Nachdem er in dieser ehrwürdigen Grabstätte der Sokraten und Platonen über zehn Jahre von einer Philosophenschule zur andern herumgeirret und nirgends hinlängliche Befriedigung gefunden hatte, begab er sich, um mit der natur und den Menschen durch eigenes Anschauen bekannt zu werden, auf Reisen; durchwanderte Griechenland, Italien, Gallien, Spanien, das Römische Afrika und Aegypten; wurde zu Alexandrien mit Hegesias, und durch diesen mit Kerintus bekannt, und gefiel sich so wohl bei diesen Männern (welchen, wenn sie jemand an sich ziehen wollten, schwerlich zu widerstehen war), dass er, nachdem sie einander eine Zeit lang beobachtet hatten, den Entschluss fasste, sich in ihren Mysterien einweihen zu lassen, und sein los mit dem ihrigen zu verketten. Die Heiterkeit und anscheinende Ruhe, die sich in der Physiognomie dieses Dionysius ausdrückte, zog mich eben so stark zu ihm, als ihn ich weiss nicht was in der meinigen hinwieder anzuziehen und zu interessiren schien. Wir suchten und fanden einander öfters; aber die Aufrichtigkeit meiner Schwärmerei hielt ihn (wie ich in der Folge aus seinem eigenen mund hörte) wider seinen Willen in einer Art von Respect, und unsre gespräche blieben, wie unsre Freundschaft, immer an der äussersten Gränze der Vertraulichkeit stehen. Kerintus und Hegesias schienen grosse Absichten mit ihm zu haben; allein zu Beobachtungen dieser Art waren meine Augen damals noch nicht hell genug. Ich trennte mich ungern von diesem Menschen, den ich, seiner Kälte ungeachtet, ungemein liebenswürdig fand, und der überdiess wegen seiner mannichfaltigen Kenntnisse ein unterhaltender Gesellschafter war. Aber die Zeit kam, da wir, mit dem Bedauern einander nicht näher gekommen zu sein, scheiden mussten: er blieb bei unserm Vorsteher zurück, und ich wurde mit einem jungen Akoluten7, der mir zum Dienst zugegeben war, nach Cappadocien geschickt, um bei den Brüdergemeinen, die in diesem grossen land zerstreut waren und unter die eifrigsten gerechnet wurden, meine erste Mission anzutreten.

über diesem Geschäfte, worin ichda ich es mit Cappadociern zu tun hatteziemlich glücklich war, gingen einige Jahre hin, binnen welcher Zeit es mir gelang, verschiedene zahlreiche Gemeinen mit der Kerintischen Schwärmerei anzustecken, und in mehrern andern wenigstens einen so guten Anfang zu machen, dass es dem Propheten ein Leichtes war, das Uebrige durch seine eigene Gegenwart, und durch einige Wunder, die ich ihn verrichten sah, vollends zu stand zu bringen.

Lucian.

Wunder? – Was nennst du Wunder, Freund Peregrin?

Peregrin.

Ich will damit eben nicht sagen, dass er den Mond vom Himmel herabgerufen habe, um ihn in seinen linken Rockärmel hinein und zum rechten wieder heraus rollen zu lassen; oder dass er durch sein blosses Wort Berge versetzt und Flüssen einen andern Lauf geboten habe: indessen muss ich doch bekennen, dass ich ihn höchst seltsame Nervenkrankheiten, welche (wie leicht zu erachten) auf Rechnung böser Dämonen gesetzt wurden, durch blosses Handauflegen vertreiben sah; wobei doch vielleicht, als kein unbedeutender Umstand, nicht zu vergessen ist, dass dieses Handauflegen mit einem ziemlich lange anhaltenden Streicheln und Reiben verbunden war

Lucian.

Das lass' ich gelten!

Peregrin.

Einige Teufel wurden durch die blosse Kraft lieblich betäubender Wohlgerüche und die Magie eines feierlich schönen Gesangs, den er von den Brüdern und Schwestern mit gedämpften Tönen anstimmen liess, vertrieben. Ein paar Krankein der Einbildung vermutlichwurden bloss dadurch plötzlich gesund, dass er ihnen