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musste ihnen aus mehr als Einer Rücksicht sehr angelegen sein. Wäre meine Vernunft damals schon meiner Phantasie mächtig genug gewesen, dass ichanstatt alle diese Blendwerke einer den Tatsachen des christentum untergelegten teurgischen Magie (woraus die Gnosis des Kerintus grösstenteils zusammengewebt war) im Wortverstande zu nehmen und mich unbeschreiblich dafür zu erhitzenvernünftige Zweifel gegen den wörtlichen Sinn derselben und gegen ihre Uebereinstimmung mit der reinen Lehre des Gottgesandten geäussert, und den scharf sehenden Menschenkenner Hegesias durch mein ganzes Benehmen überzeugt hätte, dass ich durch schimmernde Luftgestalten nicht zu täuschen sei: so würde er wohl kein Bedenken getragen haben, mir das Innere des Ordens wirklich aufzuschliessen, mich des Unterschiedes zwischen seiner exoterischen und esoterischen Lehrart5 zu verständigen, und, kurz, mir zu vertrauen, dass der buchstäbliche Sinn nur für die schwächern und schwärmerischen Seelen, der moralische und politische hingegen (der alles wieder in die natürliche Ordnung der Dinge einleitete, und welchem jener nur zur Hülle dienen sollte) nur für die Wenigen sei, die an der Spitze der ganzen Verbrüderung standen, und eben darum heller sehen mussten als die übrigen. Aber einen Entusiasten meiner Art, einen Menschen, dem das, was Kerintus und Hegesias nur als Mittel zu ihrem Zwecke gebrauchten, der Zweck selbst war, und dem, so wie man die Binde von seinen Augen genommen hätte, auf einmal alle Lust zum Werke vergangen wäre, konnte man unmöglich in ein geheimnis von dieser Wichtigkeit sehen lassen.

Sie beschlossen also (wie die Tat zeigte) den einzigen Gebrauch von mir zu machen, wodurch ich ihrer Sache wirklich Nutzen schaffen konnte, und wozu ich mich selbst so treuherzig darbot. Sie bemächtigten sich, zu Beförderung des Reichs Gottes, nach und nach mit meinem besten Willen, meines Erbgutes; mich selbst aber, sobald sie sahen, dass der Eifer für die Ausbreitung der heilsamen Lehre (wie sie ihre Gnosis nannten) meine ganze Seele in Flammen gesetzt hatte, bestimmten sie in den Missionen zu arbeiten, welche der Orden in allen Teilen der Asiatischen und morgenländischen Provinzen des Römischen Reichs unterhielt. Denn ausserdem, dass sie mich bereit sahen, für die Sache Gottes (wofür ich die ihrige ansah) alles Mögliche zu wagen und zu leiden, glaubten sie in meinen Fähigkeiten und selbst in meinem Aeusserlichen alles zu finden, was ihnen einen glücklichen Proselytenmacher in meiner person versprechen konnte. Ein einziges Requisit ging mir noch ab: ich sah für einen Missionär noch zu wohl genährt aus. Aber dafür wusste der kluge Hegesias in kurzem Rat zu schaffen. Das heilige Werk, wozu mich der Herr erwählt hatte, erforderte eine strenge Vorbereitung; und so musste ich einige Monate lang so viel fasten, wachen und beten, dass die wenige Nahrung und die vielen in erhitzender Betrachtung und Contemplation durchwachten Nächte mir bald genug das Ansehen eines Indischen Büssers gaben, welches in der Tat ein wesentliches Erforderniss zu dem Beruf ist, dem ich mit brennendem Verlangen entgegenging.

Endlich kündigte mir Hegesias an, dass er eine Reise zu machen hätte, auf welcher ich sein Gefährte sein würde. Wohin, sagte er mir nicht, und mir war es nicht erlaubt zu fragen; denn ein unbedingter Gehorsam gegen alle Winke des Vorstehersvon welchem vorausgesetzt wurde, dass er seine Verhaltungsbefehle unmittelbar von unserm Herrn empfangewar eine der ersten Pflichten, zu deren Erfüllung ich mich, vor meiner angeblichen Einführung in das innere Heiligtum des Ordens, verbindlich gemacht hatte. Hegesias selbst schien in diesem Stücke nichts vor mir voraus zu haben. Er verbarg mir sorgfältig, dass er die rechte Hand, ja, im eigentlichen verstand des Wortes, das Factotum des hochwürdigen Kerintus war, und wollte dafür angesehen sein, dass er ein eben so blindes und passives Werkzeug in der Hand des Herrn sei als ich selbst.

Nach einer langen Wanderschaft, auf welcher wir Bitynien, Galatien und Phrygien die Kreuz und die Quer durchzogen und überall die Brüder besucht und gestärkt hatten, langten wir endlich zu Ikonium an, wo Kerintus eine der ansehnlichsten Pflanzschulen seiner Secte angelegt hatte. Wir fanden ihn mitten unter seinen Zöglingen, welche (wie ich in der Folge erfuhr) teils von ihm selbst, teils von einem seiner Vertrauten, zu der nämlichen Bestimmung, wozu der Herr meine Wenigkeit erwählt hatte, ausgebildet wurden. Kerintus empfing mich mit aller Zärtlichkeit und Offenheit, die mich (falls ich noch gezweifelt hätte) gewiss machen mussten, dass ich ein Jünger von der vertrautesten klasse sei, und dass er vor mir kein geheimnis mehr habe; und, so lange ich zu Ikonium lebte, zeichnete er mich durch tausend Merkmale einer besonderen achtung vor den übrigen Brüdern, welche, wie ich, zum fahrenden Apostolat bestimmt waren, aus. Nichts konnte, bei allem Anschein von der offensten Mitteilung, feiner sein als sein Betragen gegen mich; wiewohl ich diese Reflexion zu machen erst lange nachher fähig war, und damals alles so für wahr nahm wie es schien. Um dir nur ein einziges Beispiel davon zu geben, so wusste er es so einzurichten, dass ich es selbst war, der die erste Anregung von dem amt, wozu er mich bestimmt hatte, tat, indem ich ihm davon als von einem Geschäfte sprach, wozu ich mich innerlich berufen fühlte. – "Ich zweifelte keinen Augenblick (war seine Antwort), als mir geoffenbaret wurde dass du zu diesem hohen Beruf erwählt seiest, dass dir auch die Gewissheit davon in deinem Innersten würde gegeben werden."

Von dieser Zeit an unterhielt er sich