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erlaubte sie sich (wie ich lange nachher erfuhr) Anmerkungen und Winke über mich, die den ersten Grund zu der Verleumdung legten, auf welche ich zu rechter Zeit wieder zurückkommen werde.

Lucian.

Ich brauche dich wohl nicht erst zu versichern,

Wäre die Rede nur von irgend einer grossen Narrheit, so wirst du mir erlauben zu sagen, dass meine Partei genommen wäre: aber wer dich eines Bubenstücks beschuldiget, hat seinen Process bei mir verloren, und wenn er auch ganz Mysien zum Zeugen gegen dich aufstellen könnte. Doch, das versteht sich von selbst. – Wohlan denn, Freund Peregrin! das einzige Hinderniss, das deiner gänzlichen Vereinigung mit den Christianern im Wege stand, ist nun fortgeräumt; du bist frei und Herr über ein ansehnliches VermögenDoch nein! ich vergesse, dass du dir bereits einen unsichtbaren Herrn gegeben hast, dessen sichtbare Hausverwalter schon vorläufig bedacht gewesen waren, dich aller sorge, was du mit deinem Erbgut anfangen wollest, zu entbinden. Vermutlich hattest du nun nichts Angelegneres, als alles je eher je lieber dem wundervollen Unbekannten zu Füssen zu legen?

Peregrin.

Das konnte nicht fehlen. Sobald ich von der ganzen Erbschaft, die sich nach Abzug einiger Vermächtnisse auf zweihundert und zwanzig Talente1 belief, Besitz genommen hatte, schrieb ich an Hegesias: ich hoffte, man würde nun kein längeres Bedenken tragen, in meine gänzliche Absonderung von den Kindern der Finsterniss einzuwilligen, und zu erlauben, dass ich lein dem Dienst unsers Herrn und der Beförderung seines Reiches aufopferte.

In der Tat hatte Hegesias, durch seine Verbindungen mit den vornehmsten Kaufleuten und Wechslern in den Asiatischen Handelsplätzen, bereits auf eine so gute Art, dass ich ihm noch dafür verbunden sein musste, dafür gesorgt, dass ein grosser teil meines Vermögens schon zu seinen Befehlen stand. Er begnügte sich also, ohne etwas Bestimmtes auf mein Ansuchen zu antworten, mir eine Zusammenkunft in Nikomedien vorzuschlagen, wo wir uns mündlich darüber besprechen könnten; als bis dahin er von dem Propheten (wie Kerintus gewöhnlich von seinen Anhängern genannt wurde) zu vernehmen hoffte, was der Wille unsers Herrn in Absicht meiner wäre.

Auf diese Antwort beschleunigte ich meine Abreise mit Ungeduld; und nachdem ich alle meine Angelegenheiten zu Parium in Ordnung gebracht, schiffte ich mich, unter dem Vorwande die mir angefallnen Landgüter in Bitynien zu besichtigen, nach Nikomedien ein, ohne mich das gemächliche Leben, welches ich im Schoosse des Vergnügens unter meinen Mitbürgern hätte geniessen können, auch nur einen Augenblick dauern zu lassen; so voll war meine ganze Seele von den Herrlichkeiten, die in der Gemeinschaft der Kinder des Lichts auf mich warteten, und von dem hohen Beruf, dem ich entgegen eilte! Denn wie konnte der höchste Stolz eines Sterblichen einen grösseren Gedanken erstreben, als an dem glorreichen Werk aller Aeonen, welche ihre göttlichen Kräfte und Einflüsse zur Zerstörung des Reichs des Gottes dieser Welt und seiner Dämonen vereinigten, ein Mitarbeiter zu sein, und eine neue Erde unter dem Scepter des menschgewordnen Logos2 regieren zu helfen? – Du kennest doch diese Sprache, Lucian?

Lucian.

Meinen Ohren wenigstens ist sie nicht so fremd als meiner Vernunft.

Peregrin.

Auch dieser wird sie sehr verständlich sein, wenn ich dir diese vorgeblichen Geheimnisse der Geisterwelt aus der rätselhaften Bildersprache unsrer Secte in die gewöhnliche Menschensprache übersetze. Erinnere dich der grossen Entwürfe eines Alexanders und Julius Cäsars, – aus dem ganzen Erdboden ein einziges Reich, aus allen Völkern eine einzige Nation zu machen, diesem ungeheuern Reiche eine einzige Hauptstadt zum Mittelpunkt zu geben, und in diesem Mittelpunkt ihr stolzes Selbst zur regierenden Seele des Ganzen zu machen.

Mein Kerintus hatte keinen kleinern Plan; und wiewohl es ihm mit dem seinigen nicht besser gelang als dem grossen Alexander, so bin ich doch gewiss, dass er sich schmeicheln darf, den ersten Grund zu der grossen Revolution gelegt zu haben, die wir in den zeiten der Teodosier zu stand kommen sahen. Diese furchtbare Umkehrung der Dinge, die er mir gleich bei unsrer ersten Zusammenkunft so feierlich ankündigte, der Untergang des Reichs der Dämonen, das Herabsteigen der Stadt Gottes, zu welcher sich die Völker der Erde versammeln, und deren blitzende Strahlen die Feinde des Lichts verzehren solltenalle diese pompösen Bilder waren keine Worte ohne Sinn; ganz gewiss wusste er was er damit sagen wollte: und was konnte diess anders sein, als dass es der neuen Teokratie der Christianer gelingen werde, die alte Religions- und Staatsverfassung umzustürzen? Diese Revolution zu bewirken und zu beschleunigen, war der wahre Zweck des geheimen Ordens, wovon ich einige Jahre nicht sowohl ein sehendes Mitglied, als ein blindes Werkzeug war.

Lucian.

Dein Kerintus war ein kalter kluger Mann. Ein so warmer treuherziger Entusiast, wie du, war zu seinem Plane sehr gut zu gebrauchen, aber nur so lange als man deine Vernunft in dem gehörigen Helldunkel sehen liess, was hinter dem hoch tönenden mystischen Prunk verborgen steckte, und wie natürlich diese teurgische Magie war, womit man die herrschende leidenschaft deiner Seele gefesselt hatte.

Peregrin.

Der Erfolg wird zeigen, dass du richtig geraten hast, Lucian. Hegesias empfing mich zu Nikomedien mit der zärtlichsten Bruderliebe; führte mich in die dortige Gemeine ein, welche nicht sehr zahlreich, aber gänzlich unter dem Zauber des Kerintus war; bezeugte mir die Zufriedenheit des Vorstehers über die Treue, die ich bisher in dem angefangenen Werke meiner Heiligung bewiesen hätte, und endigte mit der Versicherung: dass er nun kein Bedenken mehr trüge, den letzten