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, und durch die unbedingten Aufopferungen, wozu sie ihn immer bereit sahen, desto grössere Dienste tun könne. Anstatt also die Decke von seinen Augen wegzunehmen, unterhalten sie ihn vielmehr in seiner schwärmerischen Vorstellungsart, und bestimmen ihn endlich, nach einer strengen Vorbereitung, in den Missionen zu arbeiten, durch welche der Orden die in Asien zerstreuten Brüdergemeinen nach und nach mit sich zu vereinigen suchte. Peregrin wird zu diesem Ende in eine Pflanzschule der Kerintischen Secte nach Ikonium, und von da nach Syrien abgeschickt. Der glückliche Fortgang seiner arbeiten wird durch eine von Parium aus gegen ihn gerichtete Cabale unterbrochen: er wird vor dem Stattalter von Syrien angeklagt und kraft des bekannten Trajanischen Edicts ins gefängnis geworfen. Berichtigung der Erzählung des Lucianischen Ungenannten. Peregrins Gemütszustand bei der Fortdauer seiner Einkerkerung.

VII. Abschnitt.

Unverhoffter nächtlicher Besuch, den er von Diokleen im gefängnis erhält. Sie entdeckt sich ihm als die Schwester des Kerintus, macht ihn mit der geheimen geschichte ihres Bruders und mit dem inneren seines grossen Plans bekannt, und öffnet ihm dadurch auf einmal die Augen über die ganze Kette von Täuschungen, wodurch er von Kerintus und Hegesias bisher zum blinden Werkzeug ihrer politischen Absichten gemacht worden war. Peregrin erhält durch ihre Vermittlung seine Freiheit wieder, unter der Bedingung Syrien sogleich zu verlassen. Er stellt sich als ob er in alle ihre Absichten mit ihm eingehe, verlässt sie aber bald darauf heimlich, und entflieht nach Laodicea, fest entschlossen, alle Gemeinschaft mit Kerintus und seinem Anhang auf immer abzubrechen.

VIII. Abschnitt.

Der schwärmerische Hang zur teurgischen Magie, von welchem Peregrin bisher beherrscht und unter mancherlei Gestalten getäuscht wurde, macht nun allmählich einer andern Art von Schwärmerei Platz, deren erste wirkung sein plötzlicher Entschluss ist, sich für sein übriges Leben mit der liebenswürdigen Familie von Johanniten zu vereinigen, welche ihn bald nach seiner ersten Bekanntschaft mit Kerintus, auf seiner Reise von Pergamus nach Pitane, so freundlich aufgenommen hatte. Dieses Vorhaben wird durch das unvermutete Zusammentreffen mit einem gewissen Dionysius von Sinope vereitelt, mit welchem er vor etlichen Jahren zu Ikonium bekannt worden war. Beide teilen einander die geschichte ihrer ehemaligen Verbindung mit Kerintus und die während derselben gemachten Beobachtungen und Erfahrungen mit. Gründe, warum Dionysius Peregrins Trennung von Kerintus und Diokleen eher missbilligt als gut heisst, nun aber, da dieser Schritt einmal geschehen war, und Peregrin seinen unüberwindlichen Abscheu, an dem Plan dieser gefährlichen Geschwister Anteil zu nehmen, erklärt, darauf besteht, dass er alle Gemeinschaft mit den Christianern, von welcher Secte sie sein möchten, gänzlich aufheben müsse. Merkwürdige Aeusserungen des Dionysius über die Tendenz des damaligen Christianismus, und über Hierarchie und Teokratie überhaupt. Peregrin, bei welchem sich inzwischen aus den Trümmern seines ehemaligen Platonisch-magischen Systems eine neue, wiewohl nicht weniger schwärmerische Vorstellungsart entwikkelt hat, entschliesst sich, die Eudämonie (das ewige Ziel seiner Wünsche) zwar auf einem andern, aber seinem zeiterigen sehr nahe liegenden Wege zu suchen, und das höchste Ideal eines vollkommnen Cynikers zum Zweck und Vorbild seines übrigen Lebens zu machen. Er trennt sich von seinem Freunde Dionysius, der ihm vergebens anbietet sein unscheinbares aber sicheres Glück mit ihm zu teilen, und kehrt im Costume eines Cynikers nach Parium zurück, um die Ueberbleibsel seines, grösstenteils dem Kerintus aufgeopferten, Vermögens in Sicherheit zu bringen. Seine Verwandten verursachen ihm neue Ungelegenheiten und Kränkungen, welchen er sich durch den raschen Entschluss, dem Volk von Parium ein Geschenk von dem Rest seines Erbgutes zu machen, auf einmal entzieht. Er begibt sich nun nach Alexandrien in Aegypten, um die Schule des Philosophen Agatobulus zu besuchen, nachdem er sich von dem Ertrag eines kleinen Maierhofes (dem einzigen, was er sich bei Verschenkung seines Vermögens an die Parianer mentaliter vorbehielt) ein zur höchsten Notdurft eines Cynikers ungefähr hinreichendes Einkommen versichert zu haben glaubte, welches ihm zwar in der Folge durch die Bemühungen seiner Feinde wieder entzogen, durch einen unverhofften Zufall aber reichlich ersetzt wird. Er findet zu Alexandrien nicht was er suchte, und bestärkt sich dadurch in dem Vorsatz, die Austerität der Heroen des Cynischen Ordens in seinen Maximen, Reden und Handlungen aufs äusserste zu treiben. Charakter seiner Misantropie, und seltsame Leibesübungen und Selbstpeinigungen, wodurch er die Gewalt über seinen tierischen teil bis zur völligen Apatie zu treiben sucht. Der grosse, wiewohl zweideutige Ruf, in welchen er sich durch diess alles setzt, zieht ihm die Aufmerksamkeit eines vornehmen jungen Römers zu, von welchem er sich bereden lässt, ihn in der Eigenschaft eines Freundes und Hausgenossen nach Rom zu begleiten. Peregrin tritt seine Reise nach der Hauptstadt der Welt mit dem ganzen Entusiasmus eines Menschen an, der dem glorreichsten Werke, das ein moralischer Hercules unternehmen konnte, der Sittenverbesserung dieser zur tiefsten Unsittlichkeit und Verderbniss herabgesunkenen Stadt, entgegen geht, und findet sich, zu seinem Erstaunen, abermals in allen seinen Erwartungen betrogen. Er verlässt das Haus des jungen Römers; der Unmut versäuert und erbittert seine Sinnesart immer mehr, und er benutzt die Freiheit, welche der Schutz Marc-Aurels damals allen Griechischen Philosophen zu Rom gewährte, seiner bösen Laune durch die heftigsten Satyren und die schonungsloseste Züchtigung des Lasters und der Lasterhaften Luft zu machen.

IX. Abschnitt.

Peregrin setzt sich durch sein Betragen in Rom in den Ruf eines erklärten Weiberhassers, und behauptet diesen Ruf bei verschiedenen Proben, auf welche er gestellt wird. Diess gibt gelegenheit, dass auch bei der jungen Faustina von ihm gesprochen wird, und diese Prinzessin (in deren Charakter leichter Frohsinn und