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Peregrin vorwirft. Es scheint daher am sichersten, für Peregrins Verbindung mit den Christianern, die Regierungszeit Trajans anzunehmen und höchstens den Anfang der Regierungszeit Hadrians. Dann stand Kerintos etwa in den Sechzigen, und diess gibt ihm zu seiner Schwester Dioklea ein leidlich richtiges verhältnis, und stellt diese selbst in ein Alter, wobei sich der Satyrstreich Peregrins gegen sie im gefängnis, so wie von diesem selbst, wenn er ein Vierziger, und kein Fünfziger war, denken lässt. Dass Dioklea als Diakonissin nicht, nach Paulinischer Verordnung, schon das sechzigste Jahr zurückgelegt habe, lässt sich wohl annehmen, da Kerintos sich an jene Verordnung noch weit weniger gebunden haben dürfte als Andere es taten, die sich seine Abweichungen nicht erlaubten.

Uebrigens wäre wohl möglich, dass Wieland denen gefolgt wäre, welche den Herintos erst ins zweite Jahrhundert versetzen. Die Stellen aber, aus denen man dieses hat dartun wollen, sind erweislich unzuverlässig, und diess verdiente wohl bei einem Werke, welches nicht in das blosse Gebiet der Dichtung gehören soll, Bemerkung. 78 Mysterien finden sich bei allen Religionen der das ganze Volk, und dann nichts anderes als dramatische Vorstellungen von den Sagen der Götter, meist zur Nachtzeit gegeben, oder besondere, für kleinere Gesellschaften und einzelne Personen, und in diesen teilte man den Eingeweihten Geheimlehren mit, gradweise und unter der Bedingung heiligen Schweigens. Sie hiessen daher Aporrheta, d.i. Lehren, die man nicht aussagen durfte, und diess ist der Sinn des Wortes, welchen Wieland in dieser Stelle andeutet. Die Christianer ahmten diese Einrichtung nach, teils weil selbst Eingeweihte unter ihnen waren, wie Justin der Märtyrer und Clemens von Alexandrien, teils weil sie Eingeweihte unter sich aufnahmen. Auch nur gradweise und nach mancherlei Prüfungen teilten sie manche Lehren und Gebräuche als Geheimnisse mit. Während der Prüfungszeit hiessen die, welche den ersten Unterricht empfingen, Katechumenen (zu Unterrichtende), und diese waren eingeteilt in die drei Grade, der Hörenden (audientes), Kniebeugenden (substrati) und der Erwählten (eiecti, competentes), die nie zu den Sacramenten zu gelassen wurden. Dazu berechtigte erst die Weihe der Taufe, die man alljährlich am Oster- oder Pfingstfeste vornahm. Dieser gingen aber noch vorher die Scrutinia. Sieben Tage lang gingen die Erwählten in einem einzigen Gewande, barfuss und mit verhülltem Antlitz, damit sie nicht zerstreut werden möchten. Man trieb aus ihnen den Teufel aus, wusch und salbte sie, und nun teilte man ihnen das Geheimnis der Dreieinigkeit, das Glaubensbekenntniss (Symbolum) und das Gebet des Herrn mit. Hiedurch, und durch den Empfang der Taufe wurden die Katechumenen zu Neophyten, d.i. zu Neugebornen. Als solche gingen sie während der Osterwoche in weissen Kleidern einher, besuchten täglich die Kirche, genossen täglich das heilige Abendmahl, und wurden nun vollständig in allen Geheimnissen unterrichtet. Desswegen hiessen sie Iniziirte, Eingeweihte, und Illuminaten, Erleuchtete. Hatten sie nach der Osterwoche die weisse Kleidung abgelegt, so waren sie, als wirkliche Mitglieder der Gemeine, Getreue (Fideles), und als solche aller Sacramente teilhaftig, und hatten Stimmrecht in der Gemeine. Unter diesen Getreuen bildeten sich wieder mehrere Grade, der Märtyrer, die um des Glaubens willen Qual und Tod erlitten, der Bekenner (Confessores), die vor Gericht unerschrokken ihren Glauben bekannten, und der Asketen (Asceten, der Uebenden), die in ihrem ganzen Leben und Wandel freiwillig sich einer strengeren Tugendübung unterwarfen. 79 Unter den Asketen gab es welche, die sich aller Gesellschaft entzogen, und diese hiessen Anachoreten, d.i. Zurückgetretene, Einsiedler, oder Eremiten, Bewohner der Wüste, wenn sie in eine solche sich begechere Lebensart zu führen. Seit dem dritten Jahrhundert war die Wüste hinter Teben in Oberägypten voll von ihnen. Auch Einrichtungen dieser Art waren nur Wirkungen des durch orientalischen Geist missgestalteten christentum.

Fussnoten

A1 Die mit W. bezeichneten Anmerkungen sind; so weit sie hier nötig schienen, aus der Wielandischen Uebersetzung Lucians entlehnt. A2 Wegscheider in seinem Versuch einer vollständige Einleitung in das Evangelium des Johannes Gött 1806., S. 109 äussert, die meisten Widersprüche, die man in des Irenaus Nachrichten von aufgewiesen, möchten sich durch Unterscheidung der zeiten, in welchen Corint solche widersprechende Meinungen behauptet haben könnte einigermassen heben lassenWeder die Anhandlung Massuets de Cerinto vor seiner Ausgabe des Irenaus, noch Walchs habe ich benutzen könnten.

Zweiter Band

Inhalt des zweiten Teils.

VI. Abschnitt.

Peregrin wird durch den Tod seines Vaters Besitzer eines grossen Vermögens, und seine Obern lassen sich endlich gefallen, den grössten teil davon, als ein zum Bau des Reichs Gottes beigetragenes Scherflein, zu ihren Handen zu nehmen. Er wird nach Nikomedien berufen, erhält zur Belohnung der Treue, welche er bisher in dem angefangnen Werke seiner Heiligung bewiesen, das Versprechen, dass er nun ohne weiters zum Anschauen der höchsten Geheimnisse des Reichs des Lichts zugelassen werde, und empfängt von Hegesias, als dem dazu von Kerintus verordneten Mystagogen, den wirklichen Unterricht in der erhabenen Gnosis, hinter deren emblematischen und allegorischen Bildern Kerintus das wahre geheimnis seines weit gränzenden politischen Plans verbarg. Peregrin, dessen unheilbare Phantasie in dieser aus magischen und kabbalistischen Quellen geschöpften Gnosis die nahe Befriedigung seiner höchsten Wünsche ahndet, nimmt die Bilder für die Sache selbst, und bestärkt dadurch seine Obern in dem Urteil, dass er ihrem Orden bloss als Werkzeug, aber als solches durch seinen Eifer für ihre Sache, die ihm die Sache Gottes war