eingeführte Gütergemeinschaft gab dazu wenigstens gute gelegenheit. Uebrigens schildert Wieland den Kerintos, den die wahren Christianer nicht für einen der Ihrigen wollten gelten lassen, nicht eigentlich historisch, sondern wie er den Umständen jener Zeit gemäss hätte sein können, mitin nach der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit, die Aristoteles als Vorzüge der Poesie vor der geschichte rühmt. Dem Peregrinus gegenüber erscheint er nicht als strenger Judenchrist (als welcher er in diese geschichte gar nicht gepasst hätte), sondern lediglich nach Storrs Ansicht als ein gnostischer Christianer, d.i. als ein solcher, welcher annahm, dass der Religionsunterricht Jesu und der Apostel unvollkommen, und nur auf unvollkommene Menschen berechnet gewesen sei, und dass sich der vollendete Christianer darum zu einer höheren Religionsphilosophie, Gnosis, erheben müsse. Damit er in dieser Beziehung gehörig gewürdigt werden könne, teile ich hier noch eine Stelle aus Schmidts oben genannter Abhandlung mit.
"Es sind zwei Systeme, die ihrem Ursprung nach wesentlich verschieden sind, die sich aber bei ihrer weiteren Ausbildung einander so näherten, dass sie leicht mit einander vermischt werden konnten, welches um so leichter war, da sich das eine mit Beibehaltung derselben Sprache in das andere verwandeln liess. Das eine dieser Systeme entstand durch Personification der göttlichen Eigenschaften. So wie die Speculation mehrere Kräfte in der Gotteit unterscheiden lernte, so wie sich die Verhältnisse derselben unter sich näher entwickelten, so mehrte sich auch die Anzahl dieser Personificationen, und so entstanden die Aeonen, Sephirot u.s.w. Kühn vollendet entstand eine Tafel derselben. – – Das andere System ging von der Bemerkung aus, dass es schicklicher wäre, der Gotteit einen Hofstaat, eine Menge unterworfener Diener zu geben, durch die sie ihren Willen könne ausführen lassen. Es stützte sich nachher auf die Betrachtung, dass auf der Stufenleiter der Wesen die Lücke zwischen der Gotteit und den Menschen allzu ungeheuer sei, als dass man sie nicht vernünftiger Weise mit Geistern, Engeln, Dämonen u. dergl. ausgefüllt denken sollte. Der allgemeine Volksglaube an Polyteismus schloss sich hier an, und schien seine vernünftige Erklärung dadurch zu finden. – Diese beiden Systeme, so wesentlich verschieden, konnten nun gleichwohl so nahe gebracht werden, dass sie dem ungeübteren Betrachter in Eins zerstiessen wussten. Durch die kühne Vollendung der Personification einer göttlichen Kraft schien diese zu einem von der Gotteit verschiedenen Wesen zu werden. – Der Geweihte einer solchen Philosophie konnte sich nicht verirren; er kannte die Genesis der scheinbaren Untergötter; gefahrlos bezeichnete er sich, um seine Ideen von den gegenseitigen Verhältnissen und Beziehungen der göttlichen Kräfte darzustellen, diese mit den Bildern von Erzeugung, Vermählung u.f., und fühlte so die Personendichtung vollständig aus. Aber der Laie musste sich nun täuschen."
Jetzt ist nur übrig, ein Wort über die in diesem
Werke angenommene Zeitrechnung beizufügen.
Es lebten noch Menschen, welche den Evangelisten Johannes persönlich gekannt hatten, und sein Zeitgenosse Kerintos spielt eine wichtige Rolle darin. Da nun Johannes, welcher ein Alter von nah an 100, nach Einigen sogar von 120 Jahren erreichte, im J. 95 n. Chr. nach der Insel Patmos verwiesen wurde, wo er die unter seinem Namen vorhandene, von Manchen dem Kerintos beigelegte, Offenbarung geschrieben, nachher aber, während seines Aufentaltes zu Ephesus, sein Evangelium gegen die Kerintischen Lehrsätze gerichtet haben soll; so folgt hieraus, dass diese geschichte in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christus fallen müsse. Von Peregrin wird man annehmen müssen, dass er zu Anfange des zweiten Jahrhunderts, unter der Regierung Trajans, geboren worden; ob aber seine Verbindung mit den Christianern in die Regierungszeit Hadrians falle, die von dem Jahr 117 n. Chr. bis 138 dauerte, in welcher Zeit auch Agatobulus als Philosoph bekannt wurde, oder ob sie lediglich in die Regierungszeit des Antoninus Pius zu setzen sei, welcher im I. 161 starb, ist ziemlich zweifelhaft, und Wielands eigne Angabe dafür scheint am allerwenigsten für die geschichte, wie er sie entworfen hat, zu passen. Wieland in seinem Lucian setzt nämlich Peregrins Verbindung mit den Christianern, nach ungefährem Anschlag, in das Jahr 140–152, so dass also Peregrin, als er sich nach Alexandria zu Agatobulus begab, in einem Alter von 50 Jahren müsste gewesen sein. Diess passt allerdings zu dem Folgenden ziemlich genau, denn nach einem Aufentalt von 10 Jahren in Alexandria kommt Peregrin nach Rom und in die Verlegenheit mit Faustina, der Gemahlin des Marcus Aurelius Antoninus, wegen deren er verwiesen wird. Geschah diess im I. 160, also ein Jahr vor der Tronbesteigung des Marcus Aurelius, so fallen die drei Olympischen Spiele, welche Peregrin besuchte, gerade in die 8 Jahre, welche zwischen seiner Verweisung aus Rom und seinem tod im J. 168 verflossen, und Peregrin war, als er starb, in dem Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Ob jene Annahme Wielands aber eben so genau zum Vorhergehenden passe, bezweifle ich, denn Kerintos müsste dann um die Zeit, in welcher Peregrin mit ihm zusammentrifft, im höchsten Greisenalter gestanden haben. Nimmt man auch bloss auf sein verhältnis zu Johannes Rücksicht, so musste er um diese Zeit an 90 Jahre alt sein; aber wofern gar gewiss sein sollte, dass mehrere Stellen in den apostolischen Schriften (Apost. Gesch. X. XI. Gal. 2, 2–5.) sich auf ihn bezögen, über 120 Jahre. Wieland hätte dann in Beziehung auf Kerintos denselben Fehler begangen, den er Brukkern in Beziehung auf