Iudaeochristiani ac Iudaeognostici, atque finem Iohanneorum in N.T. libellorum illustraturae. Jena 1795, und die Abhandlung von J.E. Ch. Schmidt: Cerint, ein judaisirender Christ (in dessen Bibliotek für Kritik und Exegese des N.T. und älteste Kirchengeschichte Bd. 1. St. 2. S. 181 fgg). Der erste von diesen will im Kerintos einen blossen Gnostiker erkennen, der zweite hält ihn für einen judaisirenden Christen und Gnostiker zugleich, der dritte behauptet, er sei nur jenes gewesen. Ohne uns auf eine Entscheidung hierüber einzulassen,A2) wollen wir bloss das mitteilen, was uns, als der Kerintischen Lehre eigentümlich, ist berichtet worden.
1) Der Schüler ist nicht über den Meister. Da Jesus beschnitten war, so muss sich auch sein Schüler beschneiden lassen. Da Jesus das Mosaische Gesetz befolgte, so muss es auch sein Schüler befolgen.
2) Jesus war ein Sohn des Joseph und der Maria.
(So mussten die Juden, diesem ihm den Messias sahen, der aus dem Geschleckte Davids entsprungen sollte, aus welchem Joseph stammte, aber nicht Maria, behaupten. S. die Geschlechtstafel vor dem Evangelium des Mattäus.)
3) Jesus übertraf die übrigen Menschen an Gerechtigkeit, Weisheit und Macht.
4) Nach der Taufe stieg auf Jesus von dem höch
sten Wesen Christus herab in Gestalt einer Taube, und darauf verkündigte er einen unbekannten Pater. Am Ende flog Christus von Jesus wieder zurück, und Jesus war es, welcher gelitten hat und auferstanden ist; Christus aber kann keinem Leiden unterworfen werden.
An diese allerdings den Juden verratenden Sätze reiht sich nun eine Teologie, deren Eigen hümlichkeit nicht leicht auszumitteln ist. Sie geht von einer Behauptung aus, die nicht sehr jüdisch scheint, dass nämlich die Welt nicht von dem höchsten Gotte gemacht worden, dass der Gott der Juden nicht der höchste Gott, und das Mosaische Gesetz nicht von dem höchsten Gotte gegeben sei. An die Stelle des Judaismus tritt nun ein System, welches mit dem der Gnostiker, insofern diess auf der Lehre von den Aeonen beruht, die grösste Aehnlichkeit hat. Kerintos scheint eine höchste Gotteit angenommen zu haben, die aber nicht unmittelbar mit der Schöpfung im Zusammenhange stand, sondern bloss mittelbar. Aus ihr geht hervor der Eingeborene, und der Logos ist dieses Eingeborenen wirklicher Sohn. Wie es scheint, ist der Eingeborene nach diesem System Christus; es bleibt aber zweifelhaft, ob er auch der Weltschöpfer sei, oder ob die Schöpfung von ihm nur durch untergeordnete Kräfte (Aeonen eines niedrigern Ranges) ausgeführt worden. An einer Lehre von Engeln und andern Geistern fehlte es höchst wahrscheinlich dabei nicht.
Uebrigens war Kerintos ein Anhänger des Chiliasmus, d.i. er erwartete, wie alle Juden-Christen, die Wiederkehr des Messias nach tausend Jahren, und die Stiftung eines irdischen jüdischen Reiches desselben zum grossen Vorteil seiner Anhänger.
über das Leben des Kerintos wissen wir nur so viel, dass er in früheren Jahren in Palästina lebte, ein jüdischer Philosoph war, ein judaisirendes Christentum annahm, dann nach Aegypten überging, wo er wahrscheinlich bei den Alexandrinischen Juden und Judenchristen in der allegorischen Erklärungsart sich vervollkommnete, und dass er längere Zeit in KleinAsien lebte, namentlich in der Gegend von Ephesus, wo ihn Johannes einst in einem Bade soll angetroffen, und dieses sogleich verlassen haben. Er hatte in dortiger Gegend viele Anhänger, ungeachtet Johannes sein Gegner war, und rühmte sich besonderer Offenbarungen durch Engel. (Euseb. Chron. 3, 28.) In Ansehung seiner Gesinnungen ist merkwürdig die Aeusserung des Bischofs Dionysius von Alexandria über ihn, die ebenfalls Eusebius in seiner Kirchengeschichte (7, 23.) aufbewahrt hat. Etliche der Aelteren, heisst es, haben die Offenbarung Johannis geradezu verworfen, da schon der Titel eine Unrichtigkeit entalte und die Schrift gar nicht apostolisch sei. Sie wollten sie nicht einmal einem Christianer zuschreiben, sondern schrieben sie dem Kerintos zu, dem Urheber der Kerintischen Ketzerei, der, um seinen Meinungen Glauben zu verschaffen, dem buch des Johannes Namen vorgesetzt habe. Die Lehre, dass das Reich Christi auf Erden entstehen solle, sei Kerintisch; und wie man dem Kerintos nachgesagt, er sei ein Liebhaber der fleischlichen Lüste gewesen, so habe er auch hier nicht unterlassen, den Seligen des zukünftigen Reiches solche Dinge zu verheissen, die ihm angemutet hätten, wonach dann bleiben würden die Werke des Buches und der Wollust, Ueberfluss an Speise und Trank, Hochzeit, und was nachfolge. Auch habe er gehofft, dass wiederkehren sollten die Hochzeit und jüdischen Feste und die gesetzlichen Opfer.
Da nun hier dieser Mann von einem, der wenigstens nicht viel über ein halbes Jahrhundert nach ihm lebte, auf Zeugnisse Aelterer hin, und also wohl von Zeitgenossen des Kerintos, als ein Verfälscher, Lüstling und Erzjude geschildert wird, während Andere ihn den falschen Aposteln zuzählen; so konnte Wieland wohl der überzeugung sein, dass es mit seinem Plane seines Reiches Christi auf Erden nicht eben auf ernste Beförderung des ächt Christlichen in Gesinnung und Wandel abgesehen gewesen, und dass er ihm nicht Unrecht tun werde, wenn er bei seiner Schilderung von einem Gesichtspunkt ausgehe, welchen Lucian angewiesen hat. "Sobald, sagt dieser, irgend ein verschmitzter Betrüger an die Christianer gerät, der die rechten Schliche weiss, so ist es ihm ein Leichtes, die einfältigen Leute an der Nase zu führen und gar bald auf ihre Unkosten ein reicher Mann zu werden." Die