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hatte, noch ihren Gemeingeist und Brudersinn, in einem günstigern Lichte sah; so bin ich doch nicht so parteiisch für ihn eingenommen, den Einfluss der epikurlichen Grundsätze, denen er (zumal in seinen spätern Jahren) öffentlich zugetan war, auf sein Urteil von den Christianern zu misskennen, oder die denke- und Sinnesart gut zu heissen, aus welcher einige seiner Ausdrücke, die selbst an einem vernünftigen Epikuräer kaum zu entschuldigen sind, geflossen zu sein scheinen. Ein Epikuräer kann zwar, nach seiner Teorie, nicht anders, als glauben, dass Leute, "die sich in den Kopf gesetzt haben, mit Leib und Seele ewig zu leben," in einem irrigen Wahne stehen: aber wie er sie um eines so süssen, tröstlichen, Geist und Herz erhöhenden Wahnes willen (wenn es auch nur Wahn wäre) arme Teufel (κακοδαιμονες) schelten könne, ist nicht wohl zu begreifen. Sie verachten dieses Glaubens wegen den Tod, sagt er: aber warum soll an ihnen getadelt werden, was bei den freien und durch Knechtschaft und Luxus noch unverdorbnen Griechen der höchste Ruhm war? Und er, der in so vielen seiner Werke über die griechischen Götter spottet, und sich ein ordentliches Geschäft daraus macht, sie um alles Ansehen zu bringen, wie kann er den Christianern zum Vorwure machen, dass sie mit solchen Göttern nichts zu tun haben wollten? 71 Am härtesten von diesen urteilte Tacitus, da er a.a.O. die Christianer, eine Secte, die von Christus, der unter Tibers Regierung mit Todesstrafe belegt war, den Namen habe, – als ihrer Schändlichkeiten wegen verhasste, des Hasses des menschlichen Geschlechtes überwiesene Leute, und ihre Glaubenslehre als höchst verderblichen Aberglauben bezeichnet. Man hat wahrscheinlich gemacht, dass dieser ihnen vorgeworfene Hass des menschlichen Geschlechtes nichts anderes andeute als feindliche Gesinnung gegen die Römer und den Römischen Staat, und solcher konnte eine Religionspartei, von deren heimlichen Zusammenkünften man den Zweck nicht kannte, leicht verdächtig werden. Die Kaiserlichen Verordnungen gegen solche verdächtige Zusammenkünfte wurden daher auch öfters gegen sie angewendet, und wohl auch missbraucht. Um vieles billiger dachte Plinius, der im J. 105 n. Chr. Stattalter von Bitynien sein Schreiben an Trajan und dessen Antwort (s. Plin. Epp. X. 97. 98). "Ich habe, schreibt er, an ihnen nichts gefunden als einen verkehrten und unmässigen Aberglauben, und daher den Urteilsspruch verschoben, um deinen Rat einzuholen. Der Veratung scheint mir die Sache sehr würdig, hauptsächlich wegen der gefährdeten Menge: denn vielen von jedem Alter, Stand und Geschlecht ist der Process gemacht und wird er gemacht werden. Nicht bloss über die Städte, sondern auch über die Flecken und das Land hat die Seuche dieses Aberglaubens sich verbreitet, die jedoch wohl gehemmt werden kann und Heilmittel zulässt. Wenigstens ist, gewiss, dass man wieder anfängt, die fast verödeten Tempel zu besuchen, die lange unterlassenen Opfer zu bringen, und hin und wieder Opfertiere feil zu bieten, die bisher nur sehr, seltene Käufer fanden. Daher lässt sich denn vermuten, welche Menge Menschen gebessert werden könne, wenn man nur der Reue Raum lässt." Trajan billigt diess Verfahren, und schreibt: "Aufsuchen muss man sie nicht. Werden sie angegeben und überwiesen, so muss man sie strafen; jedoch so, dass der, welcher ein Christianer zu sein läugnet, und es durch Anrufung unserer Götter beweist, Verzeihung seiner Reue wegen erhalte, wenn er auch früherhin verdächtig gewesen. Anklagen ohne Namen des Anklägers, dürfen in keinem Criminalfalle Statt finden. Das ist von sehr bösem Beispiel und unserm Zeitgeist nicht gemäss." 72 So nannten die Gnostiker, zu welchen der Unbekannte gehörte, die höchsten himmlischen Kräfte, welche sie als die ersten Ausflüsse der Gotteit, des Urquells aller geistigen Kräfte und Vollkommenheiten, betrachteten. W.

Fünfter Abschnitt.

73 Weise Mässigung. 74 Ein Staat, den die unsichtbare Gotteit durch sichtbare Stellvertreter regiert. 75 So hiessen die Iniziirten der Eleusinischen Mysterien, nachdem sie zum Anschauen des Lichts gelangt waren. Die Christianer entlehnten bekanntermassen dieses Wort, wie mehrere andere dieser Art, um es auf ihre Mysterien anzuwenden. W. 76 So wurden von den damaligen Christianern diejenigen genannt, die nur noch den ersten Grad der Initiation in ihren Mysterien erhalten hatten. W. 77 Hier, wo der Name dieses in gegenwärtiger geschichte so wichtigen Mannes, von welchem Lucian selbst nichts weiss, den aber Wieland gewählt zu haben scheint, um an ihm die Ausartung des christentum zu zeigen, zum erstenmale genannt wird, scheint es zweckmässig, über ihn selbst, so wie über die Chronologie, dieses Werkes, noch Einiges beizubringen.

Kerintos (Cerintus) scheint zunächst den zeiten, der Apostel gelebt zu haben, und muss wenigstens noch ein Zeitgenosse des Johannes gewesen sein, denn er wurde von Einigen für den Verfasser der Offenbarung des Johannes gehalten, und Andere behaupteten, dass Johannes sein Evangelium zur Widerlegung der Kerintischen Irrlehre geschrieben habe. Irenäus sagt ausdrücklich: "Johannes, der Schüler des Herrn, wollte durch Bekanntmachung seines Evangeliums den Irrtum wegschaffen, welchen Kerintos den Menschen eingepflanzt hatte."

Mit Beantwortung der Frage, worin des Kerintos Irrlehre bestanden, haben drei berühmte Teologen der neueren Zeit sich beschäftigt, und wen es interessirt, der kann nachlesen: Storr über eine Stelle des Irenäus III. II. (Eichhorns Repertorium für Biblische und Morgenländische Literatur XIV 127 fgg.) Paulus Commentationes teologicae potissimum historiam Cerinti