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grundsätzen, Glaubenspunkten und heiligen Gebräuchen machten, von der person Jesu selbst aber nichts Näheres und Besseres wussten, als das Wenige, was das gemeine Gerücht von seinem Leben und tod verbreitet hatte, folglich weit entfernt waren, sich eine richtige und würdige Vorstellung von ihm zu machen. Ueberdiess standen Ihm starke Vorurteile bei ihnen im Wege. Römer und Griechen hatten von den Juden, aus Ursachen, eine äusserst, verächtliche Meinungund Er war ein Jude gewesen. Bei einem Wundertäter dachten sich Männer wie Tacitus und Lucian einen Betrüger, Gaukler, Taschenspieler oder etwas dem Aehnliches, gerade so, wie diess der erste Gedanke ist, der heutzutage einem vernünftigen Menschen einfällt, wenn er von den Wundertaten eines Gassner, Schröpfer, Cagliostro und ihresgleichen erzählen hört. Wundertäter, Magier, Zauberer, Schlangenbanner, Siebdreher u.s. w: gehörten nach ihren Begriffen in eine und eben dieselbe klasseund Er wurde für einen Wundertäter ausgegeben. Beides war mehr als hinlänglich, ihnen das widrigste Vorurteil gegen Ihn zu geben, und sie von aller nähern Erkundigung abzuschrecken.

II. Die ursprüngliche Einfalt und Lauterkeit des

Herzens, die ein Charakterzug der ersten Jünger Jesu war, hatte um diese Zeit unter denen, die sich Christianer nannten, schon sehr abgenommen; nicht nur weil es vermöge der natur der Dinge nicht anders sein konnte, sobald man die Bekenner der neuen Glaubens- und Lebensweise bei Hunderttausenden zählen konnte: sondern auch vornehmlich, weil sich, schon von den zeiten der Apostel an, eine Menge halbjüdischer, halbheidnischer Schwärmer, Visionäre, Teosophen, Teurgen und Adepten von allerlei Secten und Namen unter dem Christlichen Namen verbargen, und die mannichfaltige, wenn auch nur zufällige und momentane Vermischung mit diesen Fanatikern oder Betrügern natürlicher Weise sowohl auf die christlichen Gemeinen selbst, als auf das Urteil der Heiden von ihnen, einen nachteiligen Einfluss haben musste. Bekanntermassen liefen, aus diesen unreinen Quellen, eine Menge untergeschobener oder verfälschter, zum teil mit dem abgeschmacktesten Unsinn und den plattesten Mährchen angefüllter Schriften, unter dem Namen der Apostel und ihrer Jünger, ja sogar der Patriarchen vor und nach der Sündflut u.s.w. bei den Christianern herum, über deren Aechteit oder Unächteit noch nichts entschieden war. Alles diess musste notwendig bei vielen, und es ist wohl nicht zu viel gesagt, bei den meisten Bekennern des christentum dieser Zeit die Disposition zur Schwärmerei (die den Asiaten ohnehin so natürlich ist) um so mehr befördern, da schon an sich selbst nichts leichter ist, als der unmerkliche Uebergang vom reinen und ächten Entusiasmus zum unächten, und überdiess so viele andere innere und äussere Ursachen das Göttliche, das anfangs in der Sinnesart der Christianer herrschte, nach und nach mit so viel menschlicher Unlauterkeit legirten, bis das immer schlechter werdende Gold diesen Namen endlich gar nicht mehr verdiente.

Dieser Umstand erklärt nicht nur wie es zuging, dass der aufgeklärte teil der Welt so verächtlich von den Christianern dachte, sondern auch wie leicht es möglich war, dass ein Mensch wie Peregrin (eine Zeitlang wenigstens) eine ansehnliche Rolle unter ihnen spielen konnte. Wir brauchen nur die Augen aufzutun, und zu sehen, was in unsern Tagen (die doch in Ansehung der Möglichkeit und Leichtigkeit der Aufklärung vor jenen beinah' unermessliche Vorteile haben) vorgegangen ist und noch vorgeht, um auf das, was damals möglich war, und wahrscheinlicher Weise wirklich geschah, sehr sichere Schlüsse machen zu können.

III. Die meisten Christianer zu Lucians zeiten konnten des ächten Sinnes und Geistes Christi ermangeln (wie diess dann, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Fall wirklich war), und gleichwohl von dem feurigen Gemein- und Parteigeist und von dem Brudersinne getrieben werden, der alle neuen, auf Mysterien gegründeten, unter Druck und Verfolgung nur durch diesen brüderlichen Gemeingeist sich erhaltenden Secten, Orden und geheimen Gesellschaften auszeichnet, und den Lucian als einen auffallenden Charakterzug an ihnen bemerkt Denn eben dieser Gemeingeist ist es eigentlich, was das Leben und die Seele einer jeden zu gemeinschaftlichen Zwecken vereinigten Gesellschaft ausmacht, und was ihr festen Zusammenhang, Dauer und ausgebreitete Einwirkung in die übrige Welt gibt. Bei wem ist diese mächtige Triebfeder jemals wirksamer gewesen als bei den Jesuiten? Hoffentlich werden es diese nicht übel nehmen, wenn ich die Christianer unter den Kaisern des zweiten und dritten Jahrhunderts als einen religiösen Orden betrachte, und die Jesuiten selbiger Zeit nenne: wenigstens bin ich überzeugt, dass dieser Name, mit der ganzen Kraft desselben, sie besser als irgend ein anderer charakterisirt. Brauchen unbefangene Beurteiler der menschlichen Dinge mehr, um zu begreifen, woher es kam, dass der Mann, der sich selbst in den Wiederauferstandenen (Bd. 1. S. 399. fgg) als einen geschwornen Feind aller ungebührlichen Anmassungen, alles Betrugs, aller Gleissnerei, Schwärmerei und Gauklerei erklärt, und sich als einen solchen in allen seinen Schriften darstellt, von den Jesuiten seines Jahrhunderts ungefähr eben so dachte, wie alle gesund denkenden und gegen die menschliche Gesellschaft wohlgesinnten Männer des unsrigen von dem Orden des Loyola, und überhaupt von allen auf mystische Hypotesen gegründeten, und nach übermenschlichen Zwecken strebenden geheimen Gesellschaften denken?

IV. Wiewohl mir nun diese Betrachtungen begreiflich zu machen scheinen, warum Lucian (der die Christianer für eine verächtliche Secte fanatischer Schwärmer ansah, und, ohne selbst in ihren Mysterien iniziirt zu sein, nicht wohl anders von ihnen denken konnte als alle andern verständigen Heiden seiner Zeit), warum, sage ich, Lucian weder das Wenige was er von ihren Glaubenslehren gehört