Einer war, der weniger Ansprüche an ihre Gunst zu machen gehabt hätte. Indessen wurde er doch von vielen zurückbegleitet; und sein Dünkel fand eine stattliche Weide, wenn er über die Menge seiner Bewunderer hinsah, ohne dass der Tor bedachte, dass auch die Elenden, die zum Galgen geführt werden, ein sehr zahlreiches Gefolge zu haben pflegen.
Die Olympischen Spiele waren nun vorüber, und weil eine so grosse Menge von Fremden auf einmal abging, dass kein Fuhrwerk mehr zu bekommen war, musste ich wider Willen zurückbleiben. Peregrin, der die Sache immer von einem Tage zum andern aufgeschoben hatte, kündigte endlich die Nacht an, worin er uns seine Verbrennung zum Besten geben wollte. Ich verfügte mich also gegen Mitternacht in Begleitung eines meiner Freunde gerades Weges nach Harpine26, wo der Scheiterhaufen stand. Wenn man von Olympia neben der grossen Rennbahn ostwärts geht, hat man gerade zwanzig Stadien dahin zu gehen. Wie wir ankamen, fanden wir den Holzstoss in einer ellentiefen Grube aufgesetzt. Er bestand grösstenteils aus Kienholz mit dürrem Reisig vermischt, damit das Ganze desto schneller in Flammen geriete.
Sobald der Mond aufgegangen war (denn billig musste auch Luna eine Zuschauerin dieser herrlichen Tat abgeben), erschien Peregrin in seinem gewöhnlichen Aufzug, und mit ihm die Häupter der Hunde,27 vornehmlich der edle Teagenes, der eine brennende Fackel in der Hand trug, und die zweite Rolle bei dieser Komödie nicht übel spielte. Auch Proteus selbst war mit einer Fackel bewaffnet. Beide näherten sich von dieser und jener Seite dem Scheiterhaufen und zündeten ihn an. Proteus legte den Tornister, den cynischen Mantel und den berühmten Herculischen Knittel ab, und stand nun in einer ziemlich schmutzigen Tunica da. Hierauf liess er sich eine Hand voll Weihrauch geben, warf sie ins Feuer, und rief, das Gesicht gegen Mittag gerichtet (denn auch diess gehörte zur Etikette des Schauspiels) – "O ihr mütterlichen und väterlichen Dämonen, nehmt mich freundlich auf!" – Mit diesen Worten sprang er ins Feuer, und wurde sogleich durch die rings umgebenden und aufsteigenden Flammen dem auge' entzogen.
Peregrins geheime geschichte
in Gesprächen im Elysium.
Einleitung.
Peregrin, Lucian.
Peregrin.
Täuschen mich meine Augen, oder ist es wirklich mein alter gönner Lucian von Samosata, den ich nach so langer Zeit wieder sehe?
Lucian (ihn aufmerksam betrachtend).
Wir sind also bessere Bekannte als ich weiss. Und doch ist mir selbst als ob mir deine Züge nicht fremd wären; sie mahnen mich an jemand den ich einst gesehen habe, wiewohl ich mich nicht besinne an wen.
Peregrin.
Es sind freilich über sechzehnhundert Jahre, seitdem wir uns auf der Ebene zwischen Harpine und Olympia zum letztenmale sahen.
Lucian.
Wie? Was für Erinnerungen weckst du plötzlich in mir auf? Solltest du wohl gar der Philosoph Peregrinus Proteus sein, der den seltsamen Einfall hatte, sich freiwillig zu Olympia zu verbrennen?
Peregrin.
Eben der, dem du in deinen Werken ein nicht sehr beneidenswürdiges Denkmal gesetzt hast.
Lucian.
Närrisch genug, dass ich in meinem kopf hatte, du müsstest notwendig über und über mit Brandblasen überdeckt und so schwarz wie ein Köhler sein! Du hättest noch zehnmal vor mir vorbei gehen können, ohne dass ich dich in der glänzenden Figur, die du jetzt machst, erkannt hätte.
Peregrin.
Du dachtest wohl damals nicht, dass wir uns nach sechzehnhundert Jahren in Elysium wieder sehen würden?
Lucian.
Aufrichtig zu reden, nein. Schwärmen war nie meine Sache, wie du weisst.
Peregrin.
Und doch lehrt dich nun die Erfahrung, dass es nicht geschwärmt gewesen wäre, wenn du damals über diese Dinge gedacht hättest wie du jetzt denkst.
Lucian.
Um Vergebung! Wie oft sieht man sogar im gemeinen menschlichen Leben Dinge geschehen, welche nicht vorausgesehen zu haben dem klügsten mann nicht zum Vorwurf gereichen kann! Die natur hatte mich mit einem kalten kopf ausgesteuert; ich hätte das hitzige Fieber in einem hohen Grade haben müssen, um mir damals, als ich dich zu Harpine in die Flammen springen sah, einzubilden, dass ich dich an einem andern Orte wie dieser und so wohlbehalten wiederfinden würde.
Peregrin.
Indessen beweisen deine Werke, dass es dir nicht an Einbildungskraft fehlte; oder vielmehr, dass nur wenige sich rühmen können, dich an Fruchtbarkeit und Stärke dieser Seelenkraft übertroffen zu haben.
Lucian.
Aber sie beweisen auch, dächte ich, dass ich die Imagination nie anders als zum Spielen gebrauchte. den Mond und nach der Jupitersburg28: aber dass ich im Ernst hätte glauben sollen, mit ihr über die grenzen hinausfliegen zu können, die unsern fünf Sinnen, und folglich auch unsrer Vernunft, in jenem Leben von der natur gesetzt waren, so etwas konnte eben so wenig in einen Kopf wie der meinige kommen, als der Gedanke, mir im Ernste einen Adlers- und einen Geiersflügel an die arme zu binden und damit nach dem mond zu fliegen.
Peregrin.
Diess geb' ich dir willig zu; denn alles was daraus folgt, ist, dass es zu deiner eignen Art zu sein gehörte, deine Einbildungskraft nur zum Scherz, zum Erfinden und Ausmalen abenteuerlicher Bilder, und zur Belustigung deiner Zuhörer oder Leser zu gebrauchen. Aber ich denke nicht, dass dir diess ein Recht gab diejenigen zu verspotten, die einen ernstaftern Gebrauch von der ihrigen machten, und, indem sie sich die Bestimmung und das künftige los des Menschen ungefähr so einbildeten wie wir es wirklich befunden haben, durch