, durch Einfalt, Unschuld, reine Güte des Herzens und unbesorgtes Vertrauen auf den Vater im Himmel, zu der höchsten moralischen Vollkommenheit, und dadurch zu der reinsten Eudämonie, deren die Menschheit jenseits des Grabes fähig ist, zu führen. Dahin brachte er alle, die sich mit einfältigem Sinne seiner Führung überliessen; und lebendige Beispiele davon hatte ich auf dem Maierhofe zwischen Pergamus und Pitane gesehen. Aber es erfolgte, was vermöge der natur der Sache erfolgen musste, und was keine menschliche noch göttliche Macht verhindern konnte. Die Christianer arteten schon nach Annehmung dieses Namens aus; sie verfielen nach und nach in alle Arten von Schwärmerei, standen allen Verführern, welche den Geist ihres Meisters zu heucheln und die stimme des guten Hirten nachzuäffen wussten, bloss; und so wurden jene hohen Gesinnungen und zarten Gefühle (die, so zu sagen, die angeborne Moral der schönsten Seelen ausmachen) von arglistigen Menschen zu subtilen Netzen verwebt, worin sie immer die guterzigsten und arglosesten Gemüter am ersten zu fangen gewiss waren.
Aber, wie gesagt, um diese Zeit hatte ich noch nicht die mindeste Ahnung davon, dass ich einst Ursache finden würde, so nachteilig von diesen heiligen Menschen zu denken, von welchen nun Bruder genannt zu werden der höchste Stolz meines Herzens war. Ich nahm alles was sie mir sagten in dem reinsten und wörtlichsten Sinne; und da ich mich von nun an als einen blossen Geschäftsträger der Gemeine betrachtete, so gewannen die Geschäfte selbst eine ganz andere Wichtigkeit in meinen Augen als sie vorher hatten. Sie schienen mir nun durch diese Bestimmung zu einer Art von Gottesdienst erhoben, und ich arbeitete, von Hegesias und andern unter seiner Leitung stehenden Brüdern fleissig unterstützt, um so eifriger an Vermehrung meines künftigen Erbgutes, da es – in der Sprache unsers Ordens zu reden – gänzlich zum Bau des Reichs Gottes verwendet werden sollte.
Anmerkungen zum ersten teil
Vorrede.
1 S. die Lustreise ins Elysium vom Jahr 1787 unter den politischen Schriften. Bd. 31. 2 Die Juden-Christen hatten auch nach Jesu tod ihre irdischen Hoffnungen von dem Messias und der Stiftung seines Reiches nicht aufgegeben, und so entstand die Lehre von dem Chiliasmus, d.i. von einem tausendjährigen Reiche voller Glückseligkeit. Tausend Jahre vor dem jüngsten Tage und der Auferstehung, sagte man, werde Christus mit den Seinigen regieren. Als Urheber dieser, nachher von religiös-politischen Schwärmern öfters erneuerten, Lehre wird Kerintus genannt, der in dieser Schrift eine wichtige Rolle spielt. Vergl. Offenbarung Johannis Kap. 20. Unnötig würde es sein, von den verschiedenen Arten der Chiliasten – wie man die Anhänger dieser Lehre nennt – hier zu reden: man vermutet leicht, dass sie sich in gröbere und feinere werden unterschieden haben. 3 Anspielung auf Lavaters Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkunde und Menschenliebe. 4 über die verschiedenen Luciane, welche hier von dem berühmten Dialogenschreiber unterschieden werden, kann, wen es interessirt, nachsehen Fabricii Bibl. graeca ed. Harless Bd. 5. S. 361. fg. u. Bd. 7. S. 303. fgg. Der Dialogendichter war zu Samosata am Euphrat in der Syrischen Provinz Kommagene geboren. Sein Landsmann, dessen hier gedacht wird, Presbyter zu Antiochia, war von der Partei des Arius und seine eigenen Arianischen Anhänger nannten sich Lucianisten und Collucianisten. Diess ist es, worauf sich Wieland hier bezieht. Dass von Einigen jene Sage widerlegt wird, und dass dieser Lucian auch in den Martyrologien, d.i. in den Lebensbeschreibungen der Märtyrer vorkommt, braucht nur beiläufig erwähnt zu werden. 5 S. Lucians-Sämmtl. Werke übers. von Wieland Bd. 3. S. 93. fgg. über die Glaubwürdigkeit Lucians in seinen Nachrichten von Peregrinus.
Auszug aus Lucians NachrichtenA1
6 Die 236ste Olympiade entspricht dem Jahr 168 nach Christus Geburt. 7 Fünf Millionen Taler. 8 Hercules verbrannte sich selbst auf dem Berg Oeta; Aesculap, der Gott der Heilkunde, wurde von Jupiter mit dem Blitze getödtet, weil er der Unterwelt ihre Beute entriss; Dionysos – Bacchus – in einem Epigramm, worin zwischen Hercules und Bacchus eine Vergleichung angestellt wird (Antol. gr. ed. Jacobs T. IV. p. 169 CCLI.) heisst es auch: Beiden war Here hart; doch kamen beide durch Feuer Von der Erde hinweg, zu den Unsterblichen hin. Weitere Nachweisungen über diesen Umstand habe ich nicht gefunden. 9 Empedokles, der Philosoph – (vergl. die natur der Dinge, die 9. Anm. zum 2 Buch, Bd. 25) soll sich in den Krater des Aetna gestürzt haben, weil er dessen Ausbrüche nicht ergründen konnte. 10 Wein zu Ehren eines Gottes ausgiessen, hiess libare. Diess geschah bei einem Opfer zweimal. Die erste Libation bestand darin, dass man aus einem Gefäss einige Tropfen Weins auf den Kopf des Opfertiers goss; bei der zweiten goss man sie auf das Feuer. 11 Dem ersten sagte man nach, er habe beständig geweint, dem andern, er habe beständig gelacht. Von beiden ist in früheren Bänden gesprochen. 12 Gegen einen im Ehebruch Ertappten war bei den Griechen und Römern eine ziemlich grausame Privatrache erlaubt. Eine der gewöhnlichsten (wie sich aus einer Stelle in den Wolken des Aristophanes V. 1079. fgg. schliessen lässt), war das, was sie ραφανιδουσ αι
‘
nannten, d.i. dass man dem armen Sünder einen tüchtigen Rettig in den After trieb