gab mir hierauf verschiedene besondere Anweisungen und Verhaltungsregeln, die Mittel betreffend, wodurch ich, desto eher, je eifriger ich in ihrem Gebrauch sein würde, zum gänzlichen Durchbruch durch die Scheidewand, die noch zwischen mir und dieser Vollkommenheit stehe, gelangen könne. Denn, wiewohl er mir den Weg nichts weniger als leicht machte, so liess er mich doch deutlich genug merken, dass die Zeit, in welcher ich ihn zurücklegen könne, grösstenteils von mir selbst abhange.
Fünf oder sechs Tage nach meiner Aufnahme in die Gemeine der Heiligen riefen den Vorsteher seine Verrichtungen anderswohin, und mich die meinigen nach Parium zurück. Die Art, wie er sich von mir trennte, liess auch diessmal einen tiefen Stachel in meinem Herzen zurück. Ich scheide nicht von dir, mein Bruder (sagte er zu mir, indem er mir die Hand mit Wärme drückte), denn ich werde dir im geist immer nahe bleiben, und ein unsichtbarer Zeuge der Treue sein, mit welcher du das empfangne Kleinod bewahren wirst. Mit diesen Worten, die aus seinem mund etwas unbeschreiblich Eindringendes und Magisches hatten, gab er mir den Bruderkuss, der eines der Zeichen ist, woran die Christianer einander erkennen, und war aus meinen Augen verschwunden, ehe ich vermögend war, meinem von Empfindung geschwellten Herzen durch Worte Luft zu machen.
Kerintus liess mich in einer Stimmung, die mich geneigter und geschickter machte, unter die Anachoreten der Tebaischen Wüste79 zu gehen, als nach Parium in das Getümmel des beschäftigten Lebens, und zu Menschen, deren Umgang mir mit jedem Tage peinlicher ward, zurückzukehren: aber Hegesias, der sich beinahe eben so viel Gewalt über mein Gemüt erworben hatte als der Prophet selbst, und dem ich etwas von dieser Abgeneigteit merken liess, brachte mich bald wieder auf andere Gedanken. Er wiederholte die Vorstellungen, die er mir schon ehemals desswegen gemacht hatte, mit verdoppelter Stärke, und bestand schlechterdings darauf, dass das Beharren in meinem bisherigen Wirkungskreise die grösste probe von Selbstverläugnung sei, welche dermalen von mir gefordert werde. So gönne mir, rief ich endlich mit einer Wärme die ihn sehr kalt zu lassen schien, so gönne mir wenigstens den einzigen Gedanken, der mir diese weltlichen, den Geist belastenden Sorgen, wozu du mich verurteilest, erträglich machen kann! Die natur bedarf wenig, und selbst in dem Wenigen, worauf ich mich einschränke, ist noch so viel Nahrung für den alten Menschen, dass ich täglich darauf bedacht bin, mich noch von etwas Entbehrlichem frei zu machen. Erlaube mir also, von diesem Augenblick an die Gemeine als den Eigentümer und Herrn meines ganzen Vermögens, und mich als den blossen Verwalter desselben, der ihr für jeden Obolen Rechnung abzulegen hat, anzusehen. Unter dieser Bedingung will ich nicht nur mit Geduld, sondern mit Vergnügen, so lange es von mir gefordert wird, an dieser Ruderbank angeschmiedet bleiben.
Lucian.
Darüber wird der arme Hegesias gewaltig erschrokken sein!
Peregrin.
In der Tat bekam ich in der Folge alle Ursache zu glauben, dass ihm meine Freigebigkeit, im Namen der Brüdercasse, deren oberster Verwalter er war, nicht sehr unangenehm sein mochte. Aber wenigstens liess er sich nichts davon merken. Er dankte mir für meinen guten Willen so kaltsinnig, als ob die Rede von funfzig Drachmen und nicht von mehr als zweihundert Talenten gewesen wäre; aber zugleich warnte er mich mit brüderlichem Ernste, wohl auf meiner Hut zu sein, dass nicht etwa ein geheimer Stolz oder irgend eine andere unlautere Absicht unbemerkt bei dieser wohlgemeinten Darbringung meiner zeitlichen Güter im Hinterhalt laure. Mein Bruder, sprach er zu mir, wir gehören mit allem was wir sind und haben dem Herrn an; denn was haben wir, das wir nicht empfangen hätten? oder was können wir unser nennen, das nicht sein wäre? Wir alle sind, in jeder Betrachtung, nichts andres als Verwalter über einen kleinern oder grösseren teil seiner Haushaltung. Er wird, wenn seine Zeit kommt, das Seinige schon von uns zu fordern wissen; und wehe uns, wenn er uns nicht alle Augenblicke bereit fände, ihm alles bis auf den letzten heller zurückzugeben!
Lucian.
Wie schmeckte das, Freund Peregrin?
Peregrin.
Ich gestehe, es fiel mir einen Augenblick auf die Brust, dass so gar nichts Freiwilliges und Verdienstliches bei meinem Opfer sein sollte: aber ich unterdrückte diese kleine Empörung meines Herzens auf der Stelle, als die Eingebung eines bösen Dämons, und fand in der Rede des Hegesias nichts als die einfachste und unwidersprechlichste Wahrheit. Denn so weit war ich noch nicht gekommen, – oder vielmehr, wie wäre es in meiner damaligen Gemütsverfassung möglich gewesen, – den Taschenspielerstreich zu argwöhnen, mit welchem diese subtilen Heiligen so behend, dass es keine arglose Seele wahrnehmen konnte, sich selbst an die Stelle des Herrn zu schieben, und die Einfältigen zu bereden wussten, was man ihnen gebe, sei bloss eine alte Schuld, die man Ihm zurückbezahle?
Lucian.
Ich fürchte sehr, mein guter Peregrin, dass es mit der ganzen überstrengen und sogar über die stoische Spitzfindigkeit hinaus getriebenen Moral, mit der sich diese Schlauköpfe so viel wussten, bloss auf Maskirung der Kunst, die Gemüter der Menschen zu beherrschen und über ihre Casse zu schalten, abgesehen war.
Peregrin.
Bei Ihm, dessen ehrwürdigen Namen sie trugen, und bei seinen ersten redlichen Anhängern gewiss nicht! Ihm war es in ganzem Ernst darum zu tun, die Menschen durch die Eigenschaften, die uns die Kindheit so liebenswürdig machen