Mittelpunkt er selbst, als unsichtbares Oberhaupt des Ganzen, die grosse Unternehmung, – eine neue, alles umfassende und beherrschende Teokratie auf den Trümmern aller alten Religionen und Staatsverfassungen aufzuführen – wo nicht zu stand zu bringen, wenigstens so fest zu gründen hoffte, dass er die gänzliche Vollendung seines Werkes der Zeit getrost überlassen könnte.
Doch ich merke, dass ich meiner geschichte schon wieder zuvorlaufe, und dir ein grosses teil mehr von dem Geheimnisse des Unbekannten verrate, als ich in der Epoche von welcher jetzt die Rede ist, selbst davon wissen konnte.
Es war nun, seitdem ich von Hegesias den ersten Grad der Weihe erhalten hatte, über ein Jahr verflossen; wir hatten uns in dieser Zeit mehr als Einmal an verschiedenen Orten gesehen, und ich hatte schon so viele Proben meiner eifrigen anhänglichkeit an die gute Sache, und meines gränzenlosen Gehorsams gegen die Winke meiner Obern, die ich als unmittelbare Organe des grossen Logos betrachtete, abgelegt, dass ich endlich von Kerintus77 (so nannte sich, wie ich nun erfuhr, mein Unbekannter) einer zweiten Zusammenkunft, und bald darauf der feierlichen Einführung in eine der Gemeinen, die unter seiner Leitung standen, gewürdiget wurde.
Ich empfing bei dieser gelegenheit den zweiten Grad78 der Weihe, wobei der hochwürdigste Kerintus selbst das Amt des Mystagogen verwaltete, und wo alles, was ich sah und hörte, meine Seele mit nie empfundnen Gefühlen durchdrang. In der Tat verdiente das, was bei dieser gelegenheit nicht sowohl ausser mir (denn diess war sehr einfach) als in mir selbst vorging – so natürlich ich es mir auch jetzt erklären kann – den Namen unaussprechlicher Dinge (Aporrheta) in einem ganz andern Sinne, als jene Aufschlüsse, die den Epopten der Eleusinischen Mysterien zu teil wurden, und ich entalte mich desswegen mehr davon zu sagen; denn man müsste schlechterdings in dem Falle gewesen sein das Nämliche erfahren zu haben, um sich einen Begriff davon machen zu können.
Lucian.
Ich überhebe dich dessen sehr gern, Freund Peregrin. So wie ich dich selbst nun kenne – und nach allem, was du mir von dem Unbekannten, von dem geist der Brüdergemeinen, von ihren Versammlungen, von der hohen Meinung, die sie von der Würde, den Vorrechten und den Erwartungen ihres Ordens hegten, und überhaupt von allem, was seit deinem zweiten Aufentalt in Smyrna mit dir vorgegangen war, bereits entdeckt hast, kann ich mir, auch ohne eigene Erfahrungen dieser Art und ohne alle Anlage dazu, ziemlich lebhaft vorstellen, wie dir bei der feierlichen Einführung in die Brüderschaft der Kinder des Lichts zu Mute sein musste.
Peregrin.
Immer bleibt zwischen deiner Vorstellung, mein lieber Lucian, und dem was damals in meiner Seele gegenwärtiges Gefühl und Anschauen war, der Unterschied, wie zwischen einem gemalten Feuer und einem wirklichen; ein Unterschied, den ich hier bloss desswegen geltend mache, damit du den brennenden Eifer desto begreiflicher findest, womit ich von diesem Augenblick an in alle Plane des Unbekannten einging. Dieser schien mit dem Grade der Hitze, zu welchem er die drei grossen Beweger des menschlichen Gemütes, Glauben, Liebe und Hoffnung, bereits in mir gestiegen sah, so wohl zufrieden, dass er in den ersten Tagen nach meiner Aufnahme zwischen mir und seinen Vertrautesten keinen Unterschied zu machen schien. Aber unvermerkt hüllte er sich wieder in das geheimnissvolle Dunkel ein, worin er sich mir beim Anfang unsrer Bekanntschaft gezeigt hatte; und da ich schon ins Innere des Heiligtums eingegangen zu sein vermeinte, erfuhr ich, dass ich erst im zweiten Vorhofe sei, und dass es noch längere und stärkere Prüfungen und Vorbereitungen erfordere, ehe es ihm erlaubt sei, die Decke gänzlich von meinen Augen wegzuziehen, und mich zum vollen Anschauen des Lichtes, dessen Glanz ich noch nicht ertragen würde, zuzulassen.
Diese Eröffnung konnte die wirkung nicht verfehlen, die er vermutlich dadurch auf mich zu machen hoffte. Anstatt mich abzuschrecken, spannte sie zugleich mit den Erwartungen, wozu sie mich berechtigte, alle Springfedern meines Wesens, alles zu unternehmen und alles zu erdulden, was ich nur immer zu tun und zu leiden haben könnte, um jene hohe Stufe zu ersteigen, die nun das Ziel aller meiner Wünsche war. Indessen liess sich Kerintus in keine nähere Erklärung über die Vorbereitungen und Prüfungen ein, die ich noch zu überstehen hatte. Er ermahnte mich bloss, wie er schon bei unsrer ersten Zusammenkunft zu tun angefangen hatte, in Reinigung meines Gemütes und Ertödtung aller sinnlichen Neigungen und eigennützigen Leidenschaften unverdrossen und unerbittlich gegen mich selbst zu sein, und dieses Selbst als den gefährlichsten, schlauesten und hartnäckigsten unter allen Feinden zu betrachten, die ich als ein Streiter im Reiche des Lichts zu bekämpfen hätte. Er gab mir zu verstehen, dass die unerschütterlichste Entschlossenheit, sich der Sache Gottes gänzlich aufzuopfern, der einzige Weg sei, der zu jener hohen Vollkommenheit führe, die er mir in der Brüderversammlung zu Pergamus von fern und wie in der ersten Dämmerung des anbrechenden Tages gezeigt habe. Ich sehe dein Herz für sie entbrannt, setzte er hinzu; aber sehnsucht und klopfendes Verlangen ist noch nicht dieser felsenfeste Wille selbst, den keine Gefahr abschrecken, keine reizende Verführung bestricken, keine Arbeit ermüden, keine Aufopferung in Verlegenheit setzen kann. Dieser Wille ist nicht das Werk weniger Tage oder Wochen; er wird bloss durch die Abtödtung jeder andern Neigung, jedes andern Willens in uns geboren, und er ist nicht eher wirklich da, bis er unser Selbst ganz in sich verschlungen hat. – Er