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des ungeheuern Römerreichs gesprochen wurden; besass grosse Geschicklichkeit und Kenntnisse in Handelsgeschäften; stand mit vielen Grossen und mit den vornehmsten Häusern in allen Handelsplätzen des Reichs in Verbindung, und konnte der Sache, welcher er sich gewidmet hatte, desto wichtigere Dienste tun, da sich (ausser den Brüdern, die ihn kannten oder denen er sich zu erkennen gab) niemand einen Christianer hinter ihm vermutet hätte. Denn er war, um zum Besten der guten Sache Allen Alles sein zu können, von jeder äusserlichen Handlung dispensirt, die ihn den Profanen hätte verdächtig machen können; eine Befreiung, welche mein Unbekannter den tätigsten unter seinen Vertrauten gewöhnlich zu erteilen pflegte, und die er auch mir (wiewohl ich noch weit von diesem Grade war) durch Hegesias erteilen liess, da es mir von ihnen selbst zur Pflicht gemacht wurde, meine Verbindung mit den Brüdern vor meinen Verwandten und Mitbürgern geheim zu halten.

Lucian.

Diese erlaubnis, zum Vorteil des ganzen Ordens jede beliebige person unter jeder erforderlichen Maske vorzustellen, gibt mir auf einmal Licht über die Möglichkeit, wie eine zu meiner Zeit noch so sehr verachtete Secte schon in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts ihrer Zeitrechnung so zahlreich und ansehnlich sein konnte, dass sie die Eifersucht der Priester der alten Götter notwendig erregen musste. Ihre Anzahl war schon unter den Antoninen viel grösser als man glaubte, da vermutlich nicht wenige (zumal in den höhern Classen der bürgerlichen Gesellschaft) dein Hegesias) in der Absicht, ihren Brüdern bei jeder gelegenheit desto nützlicher sein, und überhaupt ihre neue Teokratie im Stillen desto ungehinderter gründen und ausbreiten zu können, mit Vergünstigung der Obern ihre Verbindung mit den Christianern so lange geheim hielten, bis veränderte Umstände diese Zurückhaltung immer weniger nötig machten.

Peregrin.

Sehr wahrscheinlich. Indessen muss ich gestehen, dass für mich selbst, wiewohl ich mehrere Jahre in ziemlich enger Verbindung mit einigen von ihnen gestanden, ein undurchdringliches Dunkel auf der geschichte des Ursprungs und der ersten zeiten dieses in der Folge für die ganze Menschheit so wichtig gewordenen Ordens liegt. An meinen Vermutungen darüber kann dir wenig gelegen sein; auch würden sie uns zu weit von der geschichte meiner eigenen Wenigkeit abführen, um welche es doch jetzt allein zu tun ist. Aber was ich aus eigener Erfahrung weiss, ist, dass zwischen den Christianern unter dem sogenannten grossen Constantinus, und den grösseren und kleinern, durch den ganzen römischen Erdkreis zerstreuten Brüdergemeinen, die man zu meiner Zeit unter diesem Namen zu begreifen pflegte, ein mächtiger Unterschied war. Denn damals herrschte noch so mung unter ihnen, dass vielleicht nicht zwei Gemeinen von beträchtlicher Grösse zu finden waren, die in allen Stücken Eines Glaubens und Sinnes gewesen sein sollten. Aus Mangel eines genau bestimmten und allgemein angenommenen Lehrbegriffs, blieben viele Punkte ihres Glaubens zweifelhaft: und da eine Menge fragen, die man sich nicht entbrechen konnte nach und nach aufzuwerfen, aus eben diesem grund nicht rein aufgelös't werden konnten, so hing jede besondere Gemeine hierin grösstenteils von den Meinungen und Vorurteilen ihrer Vorsteher und Lehrer ab. Der Meister selbst hatte nichts Schriftliches hinterlassen, das seinen künftigen Anhängern zur Richtschnur hätte dienen können. Natürlicherweise war also das Mass von Gedächtniss und Verstand, das seinen ersten Schülern zu teil geworden war, nebst dem Glauben an die Redlichkeit ihres Willens, die einzige Gewährleistung, welche diese den ihrigen für die Wahrheit der Tatsachen, wovon sie als Augenzeugen sprachen, und der Lehren, die sie aus seinem mund gehört zu haben versicherten, geben konnten. Was Wunder also, dass sogar schon bei Lebzeiten derjenigen, durch welche die ersten Brüdergemeinen gepflanzt wurden, Irrungen, Streitigkeiten und Spaltungen entstanden, die das Ansehen dieses oder jenes Lehrers um so weniger verhüten oder ersticken konnte, weil derjenige, der etwas anderes lehrte, sich ebenfalls auf Tradition, oder auf Schriften, die im grund für nichts mehr als für geschriebene Tradition gelten konnten, berief, und also so viel anscheinendes Recht hatte, als jener, seine Lehre für diejenige zu geben, die mit dem Sinne des Meisters und mit dem geist seiner Worte am besten übereinstimme.

Bei dieser Bewandtniss der Sachen lässt sich zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit vermuten, dass die Anzahl der ächten Christianer schon zu meiner Zeit ziemlich gering, und vielleicht bloss auf einzelne Familien oder kleine Gemeinen von derjenigen Art, wie ich auf meiner Wanderschaft nach Pitane eine kennen gelernt hatte, eingeschränkt war. Aber desto ansehnlicher musste hingegen die Zahl derjenigen werden, die den Namen der Christianer führten, und, wiewohl sie in einigen Glaubenspunkten übereinstimmten, dennoch sowohl in ihrer Vorstellungsart überhaupt, als in besonderen Lehrmeinungen und religiösen Gebräuchen und Uebungen, weit genug von einander abgingen, dass die Streitigkeiten, die darüber unter den Lehrern entstanden, unvermerkt den Geist der Liebe und Eintracht ersticken mussten, der aus allen Gemeinen einen einzigen Leib, dessen Seele Christus wäre, hätte machen sollen.

Und eben diese Spaltung der damaligen Christianer in etliche Hauptparteien, die zum teil wieder in mehrere kleinere Secten zerfielen, – eine Spaltung, welche um die nämliche Zeit, da ihre Anzahl, während der ihnen von Hadrian und den beiden Antoninen gegönnten Ruhe, ausserordentlich gewachsen war, dem Orden selbst einen baldigen Untergang zu drohen schieneben diess war es, was meinen Unbekannten (einen Mann, der sich zu schweren Unternehmungen geboren fühlte) auf den grossen Gedanken brachte, einen geheimen Orden zu stiften, durch welchen er nach und nach allen Asiatischen und morgenländischen Gemeinen die zu ihrer Consistenz und Dauer nötige Gleichförmigkeit geben, und aus dessen