Du hast deine Absicht erreicht, Peregrin –
Peregrin.
Und ich werde also um so füglicher die geschichte mehrerer Jahre, die noch bis zu dem Zeitpunkte, da ich eine nicht ganz unbedeutende person unter den Christianern vorstellte, verstrichen, ins Kurze zusammenfassen können.
Bei meiner Zurückkunft in das väterliche Haus fand ich meinen Vater von den Beschwerden des Alters früher übereilt als ich es seinen Jahren nach vermutet hätte, und daher entschlossen, seine Handlung aufzugeben, mit allen seinen Correspondenten Richtigkeit zu machen, und den Rest seines Lebens in gemächlicher Ruhe unter seinen Freunden in Parium hinzubringen. Diesem Vorhaben zufolge säumte er nicht, mir anzukündigen: dass er mich bloss desswegen zurückberufen habe, um alle seine noch übrigen Geschäfte, besonders diejenigen, die mit grösseren oder kleinern Reisen nach verschiedenen Handelsplätzen des Schwarzen, Aegeischen und Cilicischen Meeres verbunden waren, auf die jüngern Schultern seines einzigen Sohnes abzuwälzen. Wiewohl nun nichts in der Welt mit meinen Neigungen weniger zusammenstimmte als die Lebensart, wozu ich dadurch verdammt wurde: so fühlte ich doch meine Pflicht stark genug, um mich ihren Obliegenheiten mit so guter Art zu unterziehen als mir möglich war.
Lucian.
Im grund, lieber Peregrin, lag es nicht an deinem Schicksale, wenn du von der Ueberspannung, die dich bisher in so sonderbare und so weit ausser dem gewöhnlichen Wege liegende Abenteuer verwickelte, nicht bei dieser gelegenheit noch zu rechter Zeit um einige Grade herabgestimmt wurdest. Eine beschäftigVerhältnisse mit allerlei Arten von alltäglichen Leuten, in welche man dadurch gesetzt wird, sind sonst immer das sicherste Mittel die übermässige Lebhaftigkeit der Einbildung zu schwächen, und einen Platonischen Schwärmer, unvermerkt und zu seiner eigenen Verwunderung, in einen Menschen wie andere umzugestalten.
Peregrin.
In der Tat begegnete mir auch bei dieser gelegenheit wieder etwas Menschliches. Nicht als ob mein Entschluss, mich so bald als immer möglich unter die Christianer zu begeben, wankend gemacht worden wäre. Im Gegenteil, je weniger ich an den Geschäften und Zerstreuungen meiner neuen Lebensart Vergnügen fand, und je auffallender der Contrast war, den die Menschen, mit welchen ich zu verkehren hatte, mit jenen arglosen und guterzigen Geschöpfen machten, unter welche mich mein Wegweiser von Pergamus hatte verirren lassen: desto ungeduldiger ward von Zeit zu Zeit meine sehnsucht nach der unbewölkten Stille der Seele und der reinen Eudämonie, wozu ich nirgends als unter so guten Menschen gelangen zu können glaubte. Aber eben diess hing an einer in mir vorgegangenen Veränderung, die vermutlich unter andern Umständen nicht so bald erfolgt wäre. Das, lich eine andere Richtung. Je mehr Gewalt die Einwirkungen der äussern Sinnenwelt über mich erhielten, je stumpfer wurde der innere Sinn für die geistigen Erscheinungen der phantastischen Ideenwelt, in welcher ich ehemals gelebt hatte. Anstatt dass einst das Ziel aller meiner Wünsche gewesen war, unter höhern Wesen das Leben der Geister zu leben, und mich bei lebendigem leib zum Dämon zu entkörpern – fühlte ich jetzt kein dringenderes Bedürfniss, als von aller Verbindung mit Menschen, deren ganze Art zu sein in ewigem Widerspruch mit meinem Ideale von Harmonie und Schönheit stand, je eher je lieber befreit zu werden, um in einer kleinen Gesellschaft unverfälschter, durchaus guter Menschen zu leben, an deren Anschauen meine Seele immer reines Wohlgefallen haben, und über die ich die ganze Fülle meiner Liebe, ohne Furcht vor Täuschung und Reue, ohne Gefahr von ihren Leidenschaften und Sitten angesteckt zu werden, ergiessen könnte. Mit Einem Worte, Lucian, die magische Schwärmerei meiner frühern Jugend ging unvermerkt, eine Zeit lang wenigstens, in eine moralische über, welche mich zwar wieder neuen Illusionen der Einbildung und des Herzens aussetzte, aber doch zugleich dem, was in meinen Augen die Vollkommenheit des Menschen ist, näher brachte, und vielleicht ein Mittelzustand war, durch welchen ich notwendig gehen musste, um auf den geradesten Weg, der zu jener Vollkommenheit führt, zu kommen.
Lucian.
Das wollen wir sehen! Aber wie benahmen sich inzwischen der Unbekannte und der Wegweiser?
Peregrin.
Nichts weniger als zudringlich. Es verging beinahe ein halbes Jahr, ehe ich von dem letzteren, mit gelegenheit einiger Waaren, die meinem Vater von Smyrna kamen, ein Briefchen erhielt, worin er meldete, dass er mich in kurzem zu Parium besuchen würde. Bald darauf erschien er wirklich in unserm haus in Gestalt eines Handelsmannes von Aegina, Namens Hegesias, der von verschiedenen unsrer Correspondenten Aufträge an meinen Vater hatte. Er betrug sich dabei mit so vieler Geschicklichkeit und Klugheit, dass der Alte ganz von ihm eingenommen wurde, und sein Anerbieten, sich hinwieder von ihm mit Aufträgen nach einigen Plätzen der Ionischen Küste beladen zu lassen, mit Vergnügen annahm. Diess setzte ihn in kurzem auf einen so freundschaftlichen Fuss mit uns, dass es mir an gelegenheit nicht fehlen konnte, so viele besondere Unterredungen mit ihm zu haben als ich nur immer wünschte. Ich erhielt einige der Bücher von ihm, die von den Christianern damals noch sehr geheim gehalten wurden, und hauptsächlich die geschichte der drei letzten Lebensjahre ihres Meisters, seine Wundertaten, seine öffentlichen Reden, und den geheimern Unterricht, der nur seinen auserwählten Anhängern zu teil ward, entalten. Ich verschlang diese Bücher mit meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, und schöpfte daraus eine so innige Liebe für die person dieses wunderbaren und in seiner Art einzigen Menschensohnes, dass es mir nicht schwer gewesen wäre, ihm noch weit unglaublichere Dinge, als er zum teil gesagt haben soll, mit eben der zutraulichen Guterzigkeit zu glauben, womit ich, auf das Wort und die ehrliche