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Ruf vermehren: denn es fehlte unter dem gemeinen volk nicht an Einfältigen, bei denen er sich durch seine Tollheit in Credit setzte; so dass der Oberpolizeimeister ihn endlich, da er's gar zu arg machte, aus der Stadt hinaus bieten musste, weil man, wie er sagte, solche Philosophen zu Rom nicht brauchen könnte. Aber auch diess vermehrte nur seine Celebrität, weil jedermann von dem Philosophen sprach, der seiner kühnen Zunge und allzu grossen Freimütigkeit wegen aus der Stadt verwiesen worden sei, und diese Aehnlichkeit ihn mit einem Musonius, einem Dion, einem Epiktet,22und wer sonst von dieser klasse das nämliche Schicksal erfahren hatte, in Eine Linie stellte.

In Griechenland, wohin er sich jetzt begab, spielte er keine bessere Rolle; denn bald liess er seine Schmähsucht an den Einwohnern von Elis aus, bald wollte er die Griechen bereden die Waffen gegen die Römer zu ergreifen, bald lästerte er über einen durch seine Gelehrsamkeit und Würden gleich erhabenen Mann,23 der unter mehrern andern Verdiensten um Griechenland eine Wasserleitung nach Olympia auf seine Kosten geführt hatte, damit die Zuschauer der Kampfspiele nicht länger vor Durst verschmachten müssten. Diese Wohltat machte ihm Peregrin zum Vorwurf, als ob er die Griechen dadurch weibisch gemacht hätte. Es gebühre sich, sagte er, dass die Zuschauer der Olympischen Spiele den Durst ertragen könnten, und der Schade sei so gross nicht, wenn auch manche an den hitzigen Krankheiten, die bisher wegen der Dürre dieser Gegend daselbst im Schwange gingen, drauf gehen müssten. Und das alles sagte er, während er sich das nämliche wasser wohl belieben liess; eine Unverschämteit, wodurch die Anwesenden so erbittert wurden, dass alles zusammenlief und im Begriff war, ihn mit Steinen zuzudecken, so dass der tapfere Mann, um mit dem Leben davon zu kommen, zu Jupitern24 seine Zuflucht nehmen musste."

In der nächst folgenden Olympiade erschien er wieder vor den Griechen, und zwar mit einer Rede, woran er in den verflossenen vier Jahren gearbeitet hatte, und worin er, unter Entschuldigung seiner letztmaligen Flucht, den Stifter des Wassers zu Olympia bis an den Himmel erhob. Wie er aber gewahr wurde, dass sich niemand mehr um ihn bekümmerte, und dass er kommen und gehen konnte ohne das mindeste aufsehen zu erregendenn seine Künste waren nun was Altes, und etwas Neues, wodurch er in Erstaunen setzen und die Aufmerksamkeit und Bewunderung des Publicums hätte auf sich ziehen können, wusste er nicht aufzutreiben, da diess doch vom Anfang an das Ziel seiner leidenschaftlichsten Begierde gewesen warso geriet er endlich auf diesen letzten tollen Einfall mit dem Scheiterhaufen, und kündigte den Griechen bereits an den letzten Olympischen Spielen an, dass er sich an den nächst folgenden verbrennen würde.

"Und diess ist nun also das wundervolle Abenteuer, mit dessen Ausführung er, wie es heisst, beschäftigt ist, indem er bereits eine Grube graben, und eine Menge Holz zusammen führen lässt, um uns das Schauspiel einer übermenschlichen Stärke der Seele zu geben." u.s.w.

Wie wir (fährt Lucian in eigner person fort) in Olympia angekommen waren, fanden wir die Galerie hinter dem Tempel mit einer Menge Leuten angefüllt, die teils übel, teils rühmlich von dem Vorhaben des Proteus sprachen. Endlich erschien in Begleitung einer Menge volkes mein Proteus selbst, und hielt eine Rede an das Volk, worin er sich über seinen ganzen Lebenslauf, über die mancherlei gefahrvollen Abenteuer, die ihm zugestossen, und das viele Ungemach, das er der Philosophie zu Lieb' ausgestanden, umständlich vernehmen liess. Er sprach lange; aber da ich der Menge und des Gedränges wegen zu weit entfernt war, konnte ich wenig davon verstehen, und fand endlich aus Furcht erdrückt zu werden (welches mehr als Einem begegnete), für das sicherste, mich auf die Seite zu machen, und den Sophisten seinem Schicksale zu überlassen, der nun einmal mit aller Gewalt sterben, und das Vergnügen haben wollte sich seine Leichenrede selbst zu halten. Indessen hörte ich doch wie er sagte: er habe vor, einem goldnen Leben eine goldne Krone aufzusetzen; denn es gebühre sich, dass der Mann, der wie Hercules gelebt habe, auch wie Hercules sterbe, und in den Aeter, woher er gekommen, zurückfliesse. "Auch gedenke ich, sagte er, ein Wohltäter der Menschen dadurch zu sein, dass ich ihnen zeige, wie man den Tod verachten müsse; und ich darf also billig erwarten, dass alle Menschen meine Philokteten sein werden25."

Diese letzten Worte verursachten eine grosse Bewegung unter den Umstehenden. Die Einfältigsten brachen in Tränen aus und riefen: erhalte dich für die Griechen! Andere, die mehr Stärke hatten, schrien: vollführe was du beschlossen hast! Dieser Zuruf schien den alten Kerl ziemlich aus der Fassung zu bringen; denn er mochte gehofft haben, dass ihn alle Anwesende zurückhalten und nötigen würden, wider Willen bei Leben zu bleiben. Aber diess leidige: "Vollführe was du beschlossen hast!" fiel ihm so ganz unerwartet auf die Brust, dass er noch blässer wurde als vorher, wiewohl er schon eine wahre Leichenfarbe gehabt hatte, und es wandelte ihn ein solches Zittern an, dass er zu reden aufhören musste.

Du kannst dir vorstellen, wie lächerlich mir das ganze Gaukelspiel vorkam. Denn ein so unglücklicher Liebhaber des Ruhms, wie dieser, verdiente kein Mitleiden, da wohl schwerlich unter allen, die jemals von dieser Plagegöttin gehetzt wurden,