ein vollkommen weiser und guter Mensch würde eben darum, weil er diess wäre, von den übrigen Menschen notwendig gemisskannt, gehasst, geschmähet, verfolgt und endlich gar getödtet werden, ohne dass er darum sogar am Kreuze aufhören würde, sich selbst gleich zu bleiben."
Sollte man, dachte ich, nicht glauben, ein prophetischer Geist hätte dem Attischen Philosophen diese Worte als eine Weissagung eingegeben, welche mehrere Jahrhunderte nach ihm unter einem volk, dessen blosser Name ihm vielleicht unbekannt war, auf eine so auffallende Weise in Erfüllung gehen sollte?
Ich konnte mich nicht entalten meinem gefährten diesen Gedanken mitzuteilen. Er schien meiner Meinung zu sein, und behauptete: die Weisen unter den abgöttischen Völkern hätten sich öfters in dem Falle befunden, ohne es selbst zu wissen, Vorboten und Ankündiger des Gottgesandten zu sein. Sein Eifer, mich vollends zu überzeugen, wurde nun immer feuriger, je mehr Eindruck seine Reden auf mich zu machen schienen. Vermutlich wollte er, da wir uns mit Anbruch des Tages wieder trennen sollten, sich nicht vorzuwerfen haben, er hätte es an sich fehlen lassen, mich auf den rechten Weg zu bringen; und so überschlich uns der Morgen unvermerkt, ohne dass der Schlaf in unsre Augen gekommen war.
Lucian.
Dein Wegweiser war, wie ich sehe, nicht ohne Absicht zu diesem amt befördert worden. Aber bei aller Geschicklichkeit und allem Eifer, womit er sich seines Auftrages entledigte, sollte dir doch aufgefallen sein, dass mächtig viel Declamation in seinem Vortrage war; und es lag, dünkt mich, nur an dir, das ganze Rätsel des ausserordentlichen Mannes, zu dessen Anhänger er dich machen wollte, auf eine viel simplere Art zu erklären als die seinige. Das Ausserordentliche an ihm musste sich so ziemlich verlieren, und alles wieder in den begreiflichen Lauf der Dinge eintreten, sobald du bedachtest, dass die geschichte, oder, um ihr ihren rechten Namen zu geben, die Mytologie aller dieser Göttersöhne, vom Brama der Indier, dem dem Zamolxis der Geten, dem Linus und Orpheus der Griechen u.s.w., bis auf unsern wundervollen Apollonius herab, in der Hauptsache immer eben dieselben Erscheinungen und eben dieselben Resultate gibt. Immer, von der Empfängniss bis zum tod, alles wunderbar; übermenschliche natur und Kräfte, übermenschliche Weisheit und Tugend; Gemeinschaft mit den Göttern und einer unsichtbaren Welt; Gewalt über die Elemente und die vermeintlichen in ihnen herrschenden Geister; unwiderstehliche Einwirkung auf gewöhnliche Menschen; hinreissende oder alle Herzen gewinnende Beredsamkeit; Gabe Wunderdinge zu tun, tote zu erwecken, das Zukünftige vorherzusagen u.s.w. Immer ein unter den Sterblichen erschienener wohltätiger Dämon in Menschengestalt, um sie von grossen Uebeln zu befreien und in einen höchst glücklichen Zustand zu versetzen, irgend eine neue Religion, einen geheimen Gottesdienst und Orden, oder eine Teokratie74 zu stiften, welche anfangs das wohlgemeinte Werk unschuldiger Entusiasten, zuletzt, und in ziemlich kurzer Zeit, zu einer ganze Völker und Reiche unterjochenden Priesterregierung wird. Für uneingenommene Zuschauer der menschlichen Dinge löset sich in allen diesen Fällen der geheimnissvolle Knoten durch ein und eben dasselbe Dilemma auf. Entweder die Wundermänner täuschten ihre Anhänger und den übrigen grossen Haufen – vielleicht aus wohltätigen Absichten – vorsetzlich, was z.B. von den Stiftern unsrer Eleusinischen Mysterien unläugbar ist: oder sie täuschten unwissenderweise sich selbst durch ihren Entusiasmus, und andere durch den natürlichen Zauber, womit grosse Seelen auf kleine wirken. In beiden Fällen erklärt sich alles auf die natürlichste Art von der Welt; zumal wenn man bedenkt, wie wenig dazu gehört, dass in den Augen unwissender und abergläubischer Leute aus einem ungewöhnlichen Menschen ein Heros, und aus einem Heros ein Gott werde. Man müsste die menschliche natur wenig kennen, wenn man von den unmittelbaren Jüngern eines solchen Mannes, oder von den Jüngern dieser Jünger, etwas anderes erwartete, als dass sie immer mehr sagen werden als sie wirklich gesehen und gehört haben. Und wie sehr kommt ihnen dabei der Umstand zu Statten, dass sie nie begieriger sein können, unglaubliche Dinge zu erzählen, als ihre meisten Zuhörer es sind, dergleichen zu hören und zu glauben!
Peregrin.
Du wärest also, an meinem platz, weiser gewesen als der Pytagorische Timäus beim Plato, der die religiöse Tradition der Griechen auf einen sehr festen Grund gesetzt zu haben vermeint, indem er behauptet: von den Angelegenheiten und Taten ihrer Ahnen und ihrer ganzen Sippschaft natürlicherweise am besten unterrichtet sein müssen; und es sei also, wie unerweislich und unglaublich auch ihre Nachrichten an sich sein möchten, für uns Menschensöhne schon genug, dass sie uns von Göttersöhnen gegeben würden, um sie mit gebührender Ehrfurcht für hinlänglich beglaubigte Tatsachen gelten zu lassen."
Lucian.
Ich mache deinem verstand wohl kein grosses Compliment, Peregrin, wenn ich ihm zutraue, dass ein Argument von dieser Stärke selbst in dem höchsten Punkt der Wärme deines Kopfes keinen grossen Vorteil über dich erhalten hätte?
Peregrin.
Bei allem dem wäre es nicht mehr als billig, das Ansehen solcher Männer wie Timäus einem jungen Menschen zu Statten kommen zu lassen, welchen, ausser der Wärme seines Kopfes und seinem angebornen Hang zum Ausserordentlichen, noch der mechanische Einfluss der Gewohnheit, von Kindesbeinen an Göttersöhne geglaubt zu haben, in diesem Stücke etwas leichtgläubig machen musste. Allein die Gründe des Glaubens , zu welchem ich mich durch die Unterredung mit meinem Wegweiser so mächtig hingezogen fühlte, hatten (um nicht ungerecht zu sein) ein ganz anderes Gewicht, als Timäus, oder Plato