Mein Herz war zu voll, als dass ich, wiewohl von der Reise sehr ermüdet, selbst hätte ruhen, oder meinem gefährten Ruhe lassen können. Wie ist es möglich, sagte ich zu ihm, dass so gute Menschen, wie ich nun sehe dass ihr seid, von der Welt so sehr verkannt werden können?
"Das wundert dich? antwortete er mit dem Lächeln, womit man auf die einfältige Frage eines Kindes antwortet: eben darum weil wir gut sind. Können wir, die wir noch so weit unter dem Vorbilde unsers Meisters und Herrn sind, können wir erwarten, dass es uns besser ergehen werde als ihm?" – Und nun fing er an, durch meine fragen veranlasst, und durch das Interesse womit ich ihm zuhörte aufgemuntert, sich mit einer immer zunehmenden Wärme über den Charakter des ausserordentlichen Menschensohnes, den er seinen Meister und Herrn nannte, auszubreiten; der (wie er sagte) in einem Alter, worin gewöhnliche Menschen kaum die ersten Elemente der Weisheit zu fassen fähig sind, die weisesten Männer aller Völker und zeiten so weit hinter sich zurück liess, dass die Hermes und Zoroaster, die Pytagoras und Sokrates, sich für glücklich geachtet haben würden seine Schüler zu sein; in dem Alter der Leidenschaften sich als ein so vollkommnes Muster der Mässigung, Entaltsamkeit, Ruhe des Gemüts, Sanftmut, und überhaupt aller Tugenden, die am schwersten auszuüben sind, darstellte, dass er seine Feinde öffentlich auffordern konnte ihn irgend einer Vergehung zu zeihen, und dass selbst der Römische Procurator von Judäa, wiewohl feige genug den Unschuldigen dem Hasse der Priester und der Wut des Pöbels Preis zu geben, laut gestehen musste, er finde keine Schuld an ihm. – "Wo ist jemals, fuhr er fort, ein Menschensohn gesehen worden, der so gesprochen, so gelebt, und ein so reines Leben mit einem so bewundernswürdigen tod gekrönt hätte? Ohne die geringste Anforderung an diese Welt, ohne sorge für sich selbst, gewiss dass der Auftrag, womit er auf die Erde gesendet worden war, alle Mächtigen und Reichen, alle Priester und Schriftgelehrten, und überhaupt alle Regenten und Untertanen des Reichs der Finsterniss zu seinen tödtlichsten Feinden machen würde, – ging er mitten unter ihnen seinen Weg so heiter und ruhig fort, als ob er nicht voraus gewusst hätte, dass dieser Weg ihn gerade ans Kreuz führe. Jeder seiner Schritte zu diesem grausenvollen Ziele war mit einer Wohltat bezeichnet, jedes seiner Worte ein goldner Spruch der Weisheit, o wie weit erhaben über alles, was vor ihm, selbst bei unsern auf ihre höhere kultur so stolzen Griechen, diesen Namen geführt hatte! Wer sprach jemals zugleich mit solcher Hoheit und Einfalt, so tief und doch so fasslich, so Gott geziemend und doch zugleich so menschlich, von himmlischen und göttlichen Dingen? Es war unmöglich ihn mit unbefangenem Sinne zu hören, ohne die Wahrheit seiner Worte zu fühlen, oder vielmehr zu fühlen, dass es die Wahrheit selber war, die in Gestalt eines Menschensohnes zu Menschen sprach. Es war unmöglich nur ein bloss natürlich guter Mensch zu sein, und ihn zu sehen, zu hören, mit ihm zu leben, ohne von seiner unwiderstehlichen Holdseligkeit und Güte überwältiget zu werden, und ihm mit einer Liebe, die kein anderer Sterblicher einflössen konnte, zugetan zu sein. Alle seine Jünger und Jüngerinnen, sogar diejenigen, die er zu beständigen gefährten und Zeugen seines Lebens auserwählt hatte, hingen bloss durch diese Liebe an ihm. Seine person blieb ihnen immer ein unauflösliches geheimnis; mehrmals wurden sie sogar irre an ihm: aber auch, nachdem sie nun gewiss waren, dass sie nichts in dieser Welt von ihm zu hoffen hätten, gewiss waren, dass im Gegenteil ihre anhänglichkeit an ihn ihnen nichts als Hass und Verfolgung, ein mühseliges Leben und einen peinvollen Tod zuziehen würde: auch da wirkte diese unbegreifliche Liebe noch immer so wunderbar in ihnen fort, dass sie, nach seinem Beispiel, keine Gefahren, keine Leiden, keine Martern scheuten, um den von ihm empfangnen Auftrag zu vollziehen, indem sie der ganzen Welt das Reich Gottes ankündigten, zu dessen Gründung er auf die Erde gekommen war. So lebte er, auch nach seinem Hingang, noch immer (wie er ihnen versprochen hatte) mitten unter den Seinigen; oder vielmehr nur seine Gestalt war ihren Augen entschwunden, Er selbst lebte in ihnen fort, redete aus ihnen, wirkte aus ihnen, und vollendete durch sie das grosse Werk, welches die Geister der Finsterniss durch seinen Tod im Werden zu zerstören gehofft hatten. – Und dieser göttliche Mensch (rief mein begeisterter Evangelist mit verstärkter stimme aus), dieser weiseste, beste, reinste, liebevolleste, liebenswürdigste und geliebteste aller Menschen, starb im dreiunddreissigsten Jahr eines solchen Lebens – am Kreuze! – – Und nun, setzte er nach einer ziemlich langen Pause hinzu, wirst du dich noch länger wundern, die Jünger eines Meisters, der so verkannt wurde, nicht besser behandelt zu sehen? In der Tat geht es uns noch viel zu gut: und ich fürchte sehr, es ist ein schlechtes Zeichen unsrer Lauterkeit und Gleichförmigkeit mit ihm, dass uns die Kinder dieser Welt seit geraumer Zeit so viele Ruhe lassen."
Ich hatte, wie du leicht erachten kannst, gegen eine Antwort, die den Knoten so rasch entzwei hieb, nichts zu erwiedern, und konnte es um so weniger, da mir in diesem Augenblick eine Stelle meines Plato einfiel, wo er behauptet: "