der Wegweiser mit einem kleinen Kopfschütteln. – Seit mehr als vierzig Jahren, fuhr unser Wirt fort, ist dieser Boden durch keine abgöttische Libation entweiht, und der Name keines bösen Dämons in diesem haus ausgesprochen worden. Wir scheuen uns nicht zu bekennen, dass wir nur den Einzigen anbeten, durch welchen und in welchem alles ist, und dass wir ihm dienen, wie es uns der Liebling seines Sohnes, nach dessen Namen man uns nennt, gelehrt hat. Unser Bruder, der dich hierher gebracht hat, sagte uns, du wärest auf dem Wege einer der Unsrigen zu werden.
Er hielt ein, und ich gestehe, dass mir diese Rede von einem mann, den ich bisher eben so verständig als biederherzig gefunden hatte, mächtig auffiel. Du hättest mich also, ohne diese vielleicht irrige Meinung nicht aufgenommen? fragte ich mit einiger Empfindlichkeit. – "Dennoch, antwortete er mit seiner gewohnten Ruhe, nur auf eine andere Art. Alle Menschen, wer sie auch sein mögen, können gewiss sein, dass wir uns keiner Pflicht der Menschlichkeit gegen sie weigern; aber Liebe können nur unsre Brüder von uns erwarten; und wenn wir nicht so strenge darüber hielten, so viel möglich alle Gemeinschaft mit denen, die es nicht sind, zu vermeiden, würden wir bald aufhören das zu sein, was dir (wie du sagst) so viel Wohlwollen für uns eingeflösst hat. Nur die Absonderung von den Kindern der Welt sichert uns, nicht von ihnen angesteckt zu werden." – Wenn der Wunsch, einer der Eurigen zu sein, hinreichend wäre! versetzte ich – Aber ich bin noch so unwissend, dass ich nicht einmal die Elemente der Weisheit, die euch zu so guten Menschen macht, begriffen habe. – "Was wir Gutes haben, erwiderte unser Wirt, ist Gnade von oben: der Wille allein ist unser; und auch das ist Gnade, dass er gut ist. Uebrigens sind wir als blosse Säuglinge der himmlischen Weisheit nur mit Milch genährt worden; wir sind ungelehrte Landleute, und die hohe Gnosis unsrer Propheten ist eine Gabe des Geistes, die uns nicht gegeben ist. In Einfalt des Herzens begnügen wir uns, an unserm Meister zu hangen, ihn, der aus Liebe zu uns sein Leben liess, von ganzem Herzen zu lieben, seines Sinnes zu sein, seinem Exempel zu folgen, und mit Freudigkeit seiner Wiederkunft zu harren."
Diess ist zum Heil hinreichend, mein Bruder, sagte unser Wegweiser: aber Kinder sind doch nicht geboren, um Kinder zu bleiben; sie sollen Jünglinge und Männer werden, und bedürfen alsdann, ja schon um es zu werden, stärkere Speise.
Der Hauswirt erwiderte nichts hierauf. Nach einer kleinen Weile fuhr jener fort: ich weiss dass man dir Vorurteile gegen unsre Gemeine beigebracht hat; aber ich bin gewiss, wenn du unsern Propheten gesehen, wenn du ihn gehört hättest, du würdest andres Sinnes werden.
Mein Bruder, versetzte unser Wirt mit Wärme, ich werde nie einen solchen Mann wieder sehen wie Johannes, der Liebling unsers Herrn, war! Wohl mir, dass ich ihn gesehen habe, den liebenswürdigen Greis, den wir alle wie unsern Vater liebten und als den Stellvertreter seines geliebten Meisters verehrten, und dass sein Bild, oder vielmehr sein Geist in himmlischer Lichtgestalt, noch immer vor mir schwebt, so oft ich mich seiner erinnere! Unvergesslich wird mir, so lang' ich lebe, der Augenblick sein, da er in diesem haus, in diesem nämlichen Gemache wo wir jetzt sind, als ich ein Knabe von sieben Jahren war, seine heiligen hände auf mich legte und mich segnete! Und so lang' ich lebe, werde' ich den herzlichen Ton der letzten Worte in meiner Seele hören, mit denen er von seiner Gemeine zu Ephesus schied. Durch eine besondere Schickung hatte mich damals mein Vater in meinem vierzehnten Jahre nach Ephesus gebracht, um meine Erziehung daselbst vollenden zu lassen. Bald darauf fühlte der Heilige, der beinahe das ganze erste Jahrhundert des Heils durchlebt hatte, dass die Stunde des Scheidens gekommen sei. Er wurde in einem Lehnstuhl in die Gemeine getragen, die sich in dem haus, wo er wohnte, versammelt hatte. Nie, nie wird mir dieser Anblick, diese Gefühle, die mein Innerstes durchdrangen, aus dem Sinne kommen! Wenn uns ein Engel in Gestalt eines Greises erscheinen wollte, so würde er die Gestalt des von seinen Kindern scheidenden Johannes annehmen. Seine Augen waren dunkel geworden: aber das letzte Auflodern der erlöschenden Flamme schien sie auf einmal zu erheitern, und in einem blick voll Liebe auf uns alle auszustrahlen. Die ganze Gemeine lag in heiliger Stille und mit tränenden Augen auf den Knien um ihn her, seinen letzten Segen zu empfangen. Er erhob sich, breitete seine arme gegen uns aus, segnete uns, sank zurück, und war verschieden.
Die stimme unsers guten Wirts erstickte bei den letzten Worten, und Tränen rollten über seine glühenden Wangen herab; er sah eine lange Weile unverwandt empor; mein Wegweiser schwieg, wie in Gefühl verloren; und ich – ich gelobte mir selbst, dass von nun an alle meine Gedanken dahin gerichtet sein sollten, so bald immer möglich in die Gemeinschaft dieser liebenswürdigen Menschen aufgenommen zu werden, die in meinen Augen einen Timon selbst mit dem ganzen Menschengeschlecht ausgesöhnet hätten.
Bald darauf stand unser Wirt schweigend auf, führte uns in ein für uns aufgerüstetes Schlafgemach, und wünschte uns eine gute Nacht.