1791_Wieland_110_56.txt

, eben so sittsam und ohne Geräusch, wie sie gekommen waren. Noch etwas das mir auffiel, war, dass diese sechs Mädchen einander so ähnlich sahen, als ob es eben so viele Copien eben desselben Modells gewesen wären; bloss das Alter und die Grösse machte den Unterschied aus. Eben diess, wiewohl in minderem Grade, bemerkte ich auch an den Söhnen, von welchen die drei jüngsten, nachdem sie sich mit Schürzen von Leinen umgürtet hatten, ohne auf meine und meines alten Dieners Weigerungen zu achten, den Dienst des Fusswaschens in grosser Stille und mit einem sonderbaren Anschein von Demut und Andacht verrichteten.

Als sie damit fertig waren, und wir eine Weile ausgeruht hatten, erschien der Hausvater wieder, und führte uns in einen andern kleinen Saal, zu einem gedeckten Tische, der mit Eiern und Milch, sehr schönem Brote und vortrefflichen Früchten besetzt war. Hier fanden wir eine Matrone von etwa vierzig Jahren, die Frau des Hauses und die Mutter aller dieser Kinder, die uns bat, da wir doch einiger Erquickung bedürften, mit dem fürlieb zu nehmen, was das Haus noch so spät zu geben vermöchte. Diese Frau flösste mir beim ersten Anblick eine Empfindung ein, die ich noch nie gefühlt hatteetwas das aus dem, was man für eine Königin und für eine Mutter fühlen kann, zusammengesetzt war, und mich zwischen zwei unfreiwilligen Anwandlungen, vor ihr nieder zu knien und ihr um den Hals zu fallen, im Gleichgewicht hielt: in einem so hohen Grade leuchtete jede Tugend, die wir mit dem schönen Worte Sophrosyne73 zusammenfassen, aus ihrem ganzen Gesicht und Wesen hervor. Ohne dass sie vermutlich jemals eine Schönheit gewesen war, gab ihr die Mischung von Würde und Demut, von Ernst und Güte, Weisheit und Einfalt, Betriebsamkeit und Ruhe, die den Charakter ihrer Gesichtsbildung und Züge ausmachte, eine so eigene Art von Würde und Anmut, und zu aller der Mütterlichkeit, wenn ich so sagen kann, die eine Mutter von sechs Söhnen und eben so viel Töchtern in ihr darstellte, etwas so Jungfräuliches und Vestalenartiges, dass ihr Anschauen auf einmal alle Bilder von Schönheit und Grazie auslöschte, die aus der Villa Mamilia in meiner Seele zurückgeblieben waren. Damals kannte ich nichts, womit ich diese Frau, und das was ich bei ihrem Anblick empfand, hätte vergleichen können; aber lange nachher, als ich in allen Mysterien der Christianer eingeweiht war, dachte ich, so oft ich mich ihrer erinnerte, ein Maler oder Bildner hätte, um die Mutter des Gottgesandten darzustellen, kein vollkommneres Modell finden können als diese Frau.

Es war ein schöner und für mich ganz neuer Anblick, diese Eltern zu sehen, die von so vielen ihnen ähnlichen, gesunden und gutartigen Kindern umgeben, einem schönen Baume glichen, der sich durch zwei Hauptäste in eine Menge saftvoller, dicht belaubter Zweige ausgebreitet hat. Die ganze Familie schien Ein Herz und Eine Seele. Die Befehle der Eltern wurden nur durch Winke gegeben, und doch eben so schnell und mit eben der Stille vollzogen, wie die Glieder des Leibes dem Willen gehorchen. Guterzigkeit und Wohlwollen, eine gefälligkeit, die aus reinem herzlichen Gefallen an einander zu entspringen schien, kurz eine Uebereinstimmung der Gemüter, wovon ich noch keine Vorstellung gehabt hatte, leuchtete aus allen Augen, sprach aus allen Bewegungen und Handlungen dieser glücklichen Geschöpfe, und wirkte desto sonderbarer auf mich, da ich noch nie unter Menschen gewesen war, die so wenig Worte gemacht hätten wie diese. Es war als ob ihnen die Seelensprache, worin sie einander so gut verstanden, zu allem hinreichte, was sie sich zu sagen hatten. Sind diess, sagte ich zu mir selbst, die Menschen, von denen unsre Priester und unser Pöbel mit solchem Abscheu, und unsre grossen Männer mit solcher Verachtung sprechen? Ist der Geist, der diese gutartige Familie beseelt, der allgemeine Geist ihres Ordens? O so hatte mein Unbekannter wohl Recht, sie neue Menschen und Erstlinge einer neuen Schöpfung zu nennen! Selbst das goldene Alter unserer Dichter ist nur ein kindisches Mährchen gegen eine Welt, die von lauter Menschen, wie diese Familie, bewohnt würde.

Ich konnte mich nicht entalten, ihnen die Bewunderung und Zuneigung, die ich für sie fühlte, in sehr lebhaften Ausdrücken zu bezeigen. Aber meine Sprache schien ihnen fremd; die jungen Leute schlugen die Augen nieder oder traten auf die Seite, und der Hausvater sah mich an, als suchte er in meinem gesicht, ob er sich an mir geirret habe. Indem ich nachdachte, was diess zu bedeuten haben könnte, reichte mir die Frau des Hauses einen Becher mit Wein, welchen eine ihrer Töchter, nach Gewohnheit des Landes, vorher mit wasser vermischt hatte. Ich nahm ihn an, und aus einer bloss mechanischen Gewohnheit goss ich, indem ich meine Wirtin mit Ehrerbietung und Wohlgefallen betrachtete, ohne zu denken was ich tat, etwas Wein auf den Boden, bevor ich trank. Sie erblasste, trat zurück, und in wenig Augenblicken waren die Mutter und die Töchter aus dem saal verschwunden.

Warum tatest du das? fragte mich der Hauswirt mit freundlichem Ernste: siehe, wie du diese guten Seelen erschreckt hast! – Ich wurde feuerrot, und entschuldigte mich, mit einer eben so mechanischen Beteuerung beim Jupiter, dass meine Hand es ohne den Willen meiner Seele getan habe. Nun schlichen sich auch die Söhne unvermerkt und in grösster Stille einer nach dem andern fort. – Die Macht der Gewohnheit! sagte