1791_Wieland_110_55.txt

diesen Wald, um in seine jenseits desselben liegende Heimat zurückzukehren, und der Weg würde ihm desto kürzer scheinen, wenn er ihn in meiner Gesellschaft zurücklegen könnte. Es war etwas in der Physiognomie dieses Mannes, das mir Vertrauen einflösste. Ich trug also, zumal da mein alter Diener bei mir war, kein Bedenken sein Erbieten anzunehmen, und wir gingen früh genug ab, um noch vor Sonnenuntergang die Gefahr des Verirrens überstanden zu haben.

Aber es fiel anders aus als mein Mann geglaubt hatte. Die Sonne ging unter, und wir sahen noch keinen Ausgang aus dem Labyrinte; vielmehr schienen mein Führer versicherte, dass wir auf dem rechten Wege wären. Da ich kein Misstrauen in einen Menschen setzen konnte, der seiner Sache so gewiss war und ein so sprechendes zeugnis seiner Redlichkeit in seinem gesicht trug, so beruhigte ich mich dabei, und folgte meinem fast immer stillschweigenden Führer so lange, bis er endlich selbst zu gestehen anfing, dass er den Weg nach Pitane verfehlt habe. Er schien nicht zu begreifen wie es zugegangen sei. Da muss, sprach er, eine höhere Hand im Spiele sein. – Glaubst du etwa, dass uns ein Waldgeist irre geführt habe? sagte ich lachend. – Das wäre nicht unmöglich, antwortete er ganz gelassen: es gibt überall böse Geister. – Und du fürchtest sie nicht? fragte ich. – Gewiss nicht, versetzte er: sie müssen doch immer, wie leid es ihnen auch tut, durch das Böse, das sie wollen, das Gute befördern, das sie nicht wollen.

Ich hätte dem mann bei diesen Worten gern ins Gesicht sehen mögen, wenn es nicht zu dunkel gewesen wäre. – Es wäre mit Dank anzunehmen, sagte ich, wenn uns dein Waldgeist, indem er uns in irgend einen Sumpf oder an einen jähen Abgrund zu verführen gedachte, unversehens zu einem guten Nachtlager gebracht hätte. – Das soll er auch, hoffe ich, erwiderte er; ich sehe schon Licht zwischen jenen Bäumen. – Es ist vielleicht ein Irrwisch, wenn es nicht der Mond ist, versetzte ich. – Er schwieg; aber bald darauf wurde der Wald offner, der Mond gab uns etwas Licht, und es zeigte sich wieder ein Weg, den mein Führer zu erkennen versicherte. Wir waren kaum eine Viertelstunde fortgegangen, so fanden wir ein langes angebautes Tal vor uns liegen, und entdeckten zwischen Gruppen von Bäumen einige Wohnungen. Sagte ich's nicht? sprach der Wegweiser, mit der Hand nach den Wohnungen deutend. – "Aber die Frage ist, ob man uns aufnehmen wird." – Was wir hier sehen, ist ein kleines Landgut, erwiderte er, dessen Besitzer mir bekannt ist. Er ist ein guter Mann; er wird uns das Nachtlager nicht versagen.

Wir eilten, so ermüdet wir waren, den Hügel hinab, und sahen uns bald zwischen einigen Reihen hoher Castanienbäume, die uns gerade zu einem sehr einfachen aber geräumigen Gebäude führten, welches die wohnung des Landwirts schien, dem dieses Gut zugehörte. Wie wir näher kamen, tönte uns aus der Stille der Nacht ein äusserst anmutiger Gesang verschiedener männlicher und weiblicher Stimmen entgegen, deren gut zusammenpassende Verschiedenheit, bei einer überaus reinen Intonation, die angenehmste Harmonie hervorbrachte. Ich glaubte einen Chorgesang jener himmlischen Wesen zu hören, deren wieder hergestellte Gemeinschaft mit uns, nach der Versicherung meines Unbekannten, eine der Glückseligkeiten des bevorstehenden Reichs Gottes sein sollte. Meinem Führer schien das eine gewohnte Sache zu sein, und ich fing an zu vermuten, dass seine Verirrung im wald weder ein Werk des Zufalls noch der WaldDämonen, sondern vorsetzlich abgezielt gewesen sei, mich hierher zu bringen.

Lucian.

Diess ist, dünkte mich, klar genug, und ich vermutete es lange vor dir, lieber Peregrin.

Peregrin.

Wir hörten dem Gesang eine gute Weile stillschweigend zu; und als er aufhörte, klopfte mein Führer dreimal an der Pforte des Vorhofs an. Nicht lange, so hörten wir jemand aus dem haus an die Pforte kommen, der uns fragte, was unser Begehren sei? Mein Führer antwortete ihm etwas auf Syrisch, das ich damals nicht verstand, und setzte auf Griechisch hinzu: er hätte ein paar Fremde, die nach Pitane wollten, durch den Wald geleitet; wir wären verirrt, und hofften keine Fehlbitte zu tun, wenn wir an dieser Pforte um ein Nachtlager bäten.

Er hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, so ging die Tür auf, und wir sahen einen rüstigen Mann von funfzig Jahren, der uns, einen nach dem andern, bei der Hand nahm und in seinem haus willkommen hiess. Einer seiner Söhne leuchtete uns, und wir wurden in einen kleinen Saal geführt, wo sich in kurzem noch fünf oder sechs andere wackere Jünglinge einfanden, die als Söhne vom haus sich geschäftig erwiesen, uns zu zeigen dass wir freundlich aufgenommen wären. Bald darauf brachten sechs Mädchen von dreizehn bis zwanzig Jahren, die Schwestern dieser Jünglinge, alles was vonnöten war, uns die Füsse zu waschen. Sie waren alle eben so reinlich als einfach gekleidet, und zeichneten sich von allen weiblichen Wesen, die mir jemals vorgekommen waren, durch ein Ansehen von Unschuld, Zucht und in sich selbst verhüllter Jungfräulichkeit aus, das sich besser fühlen als beschreiben lässt. Sie setzten das wasser, ohne die Augen aufzuschlagen, vor uns nieder, breiteten reine Tücher und das übrige Zubehör auf einen Tisch aus, und entfernten sich wieder, eine nach der andern