1791_Wieland_110_54.txt

wie der Vater der Lichter von dem ihr abstammet! Brüder des Eingebornen, Erstlinge der neuen Schöpfung, auserwählt mit Ihm das herrliche Reich zu regieren, dessen Stifter und König Er ist, euch gebührt es, aller Gemeinschaft mit den Kindern dieser Welt zu entsagen, und jede Gleichstellung mit den Unheiligen für Schmach zu halten. Gehet aus von ihnen! Sondert euch ab von ihnen! Ihr Anhauch ist Befleckung, ihre Berührung Gräuel und Bann! Welche Gemeinschaft könnte zwischen dem Licht und der Finsterniss sein? welche Teilnehmung zwischen den Glaubigen und den Unglaubigen? Ihre Augen sind verschlossen, die eurigen aufgetan. Sie trachten nach dem was auf Erden, Ihr nach dem was droben ist. Euer Wandel ist im Himmel. Dieser verächtliche Kotklumpen unter euern Füssen hat nichts das eurer Wünsche wert sei. Die zerbrechliche Schale, meine Brüder, die uns noch umgibt, ist es allein, was uns hindert das Leben der Geister zu leben: aber auch diese dünne Scheidewand wird, durch das Feuer der göttlichen Liebe unvermerkt verzehrt, immer dünner, immer durchsichtiger. Hier hielt er auf einmal ein; sein Haupt sank zurück, er schaute mit starren Augen empor, und schien einige Augenblicke in Verzückung zu schweben, während die Stille in der Versammlung noch stiller wurde, und alle Augen mit Erstaunen auf ihn geheftet waren. – Sollten aber auch, fuhr er wieder zu sich selbst kommend fort, sollten gleich viele unter euch in diesem Leben, welches nur die Geburt ins wahre Leben ist, noch nicht bis zum Anschauen selbst gelangen, noch nicht entkörpert genug sein, dass die Herrlichkeiten der unsichtbaren Welt ihrem geist aufgeschlossen würden: hat nicht der Glaube, der euch mitgeteilt ist, ein Auge, zu sehen was ihr nicht sehet, wiewohl ihr um und um davon umgeben seid? hat er nicht eine Hand, zu ergreifen was euch ferne scheint, wiewohl es euch so nahe ist? Und wenn weder Glaube noch Liebe grenzen haben; wenn beide so unendlich sind wie ihr Gegenstand, so unerschöpflich, wie die Aeonen,72 deren Ausflüsse sie sindwer, meine Brüder, kann sagen, was dem, der Glauben und Liebe hat, zu tun oder zu erreichen unmöglich ist?

Lucian.

Um der Grazien willen, Peregrin, halt ein! Lass es an dieser probe genug sein! Ich sehe, dein Unbekannter war ein Meister in seiner Kunst. Braucht es einer grösseren probe, als dass er dich noch in diesem Augenblicke mit seiner göttlichen Raserei wieder angesteckt hat? – Du guter Peregrin! Da hattest du deinen Mann gefunden!

Peregrin.

In der Tat sog mein Ohr, oder vielmehr meine ganze Seele mit tausend unsichtbaren Ohren, alle seine Worte mit einer wunderbaren Befriedigung ein. Was ich fühlte war dem unbeschreiblichen Gefühl ähnlich, womit ein lechzender Wanderer, der lange nach einem Tropfen frischen Wassers schmachtete, die ersten Züge aus einer ihm unverhofft entgegen rauschenden Felsenquelle tut. Der Unterschied war nur, dass, wie bei jenem der Durst mit jedem Zug abnimmt, ich hingegen mit jedem zug begieriger wurde, mich, den Kopf zu unterst, in diesen Strom zu stürzen, und kaum meine äussersten Lippen gelabt zu haben glaubte, als der göttliche Mann zu reden aufhörte. In eben demselben Augenblick erschien auch der Sklave, der mich hierher gebracht hatte, wieder, nahm mich bei der Hand, und führte mich eilends davon, indem er mir ins Ohr flüsterte, dass nun die heiligen Mysterien, bei denen kein Uneingeweihter zugegen sein könnte, ihren Anfang nehmen würden. Ich entfernte mich, die Glücklichen beneidend, denen erlaubt war an diesen Mysterien teil zu nehmen, und im Weggehen hallte mir noch das herzerhebende Getön eines neuen Hymnus nach, den die Gemeine anstimmte.

Lucian.

Natürlicher Weise entferntest du dich also mit dem Entschluss, je jeher je lieber einer von diesen beneideten Glücklichen zu werden: und da diess vermutlich gerade das war, was der Unbekannte wollte, so wirst du, hoffe ich, deines Wunsches bald genug gewährt worden sein?

Peregrin.

Dein Scharfsinn hat dich diessmal nur zur Hälfte getäuscht, Lucian. Meine Gedanken hast du erraten: aber der Unbekannte war nicht so leicht zu entziffern als ich. Er überliess mich den ganzen Morgen, der auf diese merkwürdige Nacht folgte, meiner sehnsucht, ihn allein zu sehen und zum Vertrauten dessen was in meinem Gemüte vorging zu machen; aber vergebens erwartete ich ihn in meiner wohnung, vergebens suchte ich ihn überall auf, wo ich ihn zu finden vermuten konnte. Endlich, da ich um die siebente oder achte Stunde nach haus kam, fand ich einen Brief, worin er mir sagte: "Es wäre ihm nicht erlaubt mich jetzt zu sprechen; aber wir würden uns zu rechter Zeit wieder sehen; inzwischen sollte ich zu Parium, wohin mich meine Pflicht zurückrufe, denjenigen erwarten, der mir zugesandt werden würde, um mich auf dem rechten Wege weiter zu bringen."

Fünfter Abschnitt.

Peregrin (fährt in seiner geschichte fort).

Da ich zu Pergamus nichts weiter zu erwarten hatte, machte ich auf der Stelle Anstalt nach Pitane abzugehen, um von da nach Mitylene überzusetzen. Man sagte mir, dass ich einen grossen Wald zu durchwandern hätte, worin man sich ohne Wegweiser leicht verirren könne; und indem ich meinen Wirt darüber zu Rate zog, bot sich ein Landmann von freien Stükken an, dem, seiner Versicherung nach, die ganze Gegend sehr bekannt war. Er müsste, sagte er, ohnehin durch