Personen von allerlei Alter, Geschlecht und stand versammelt, die in grosser Stille auf verschiedenen Reihen von Bänken um einen Tisch herum sassen, der einige Stufen über den Boden der Scheune erhöht und mit einem Teppich zugedeckt war.
Ich hatte kaum Zeit diess alles zu bemerken, als ein Mann in einem langen leinenen Gewande, ein grosses purpurnes Kreuz auf der Brust, mit einem Rauchfass hereintrat, und die Scheune mit Wolken von Weihrauch erfüllte; eine Ceremonie, die meiner Nase um so willkommner war, da ihr der dumpfige Geruch des Ortes und die Atmosphäre der anwesenden Personen beschwerlich zu werden anfing, und leicht den Verdacht hätte erregen können, dass ich mich nicht in der besten Gesellschaft befinde, wiewohl ich zu merken anfing, dass ich unter Christianern sei. Bald darauf erschien ein anderer, ungefähr eben so gekleidet, stellte sich vor den Tisch, und begann eine Art von Wechselgesang anzustimmen, wobei die Gemeine von Zeit zu Zeit, mit halber stimme und mit ziemlich genauer Beobachtung der Modulation und des Rhytmus, einfiel und dem Sänger zu antworten schien. Ich konnte zwar mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit nur einzelne Worte dieser Litanei (wie es die Christianer nennen) verstehen; allein das Feierliche dieses sehr einfachen und um so herzrührendern Gesangs, weil er blosse Sprache des innigsten Gefühls der Singenden zu sein schien, wirkte mit seiner vollen Kraft auf meinen inneren Sinn, und erregte (zumal da der Sabäische Wohlgeruch den ersten widrigen Eindruck verschlungen hatte) unvermerkt ein leises Verlangen in mir, mit den guten Wesen, die sich mir durch diesen einzigen Sinn auf eine so angenehme Art mitteilten, in nähere Gemeinschaft zu kommen.
Als der Wechselgesang zu Ende war, erfolgte eine allgemeine tiefe Stille, die nur zuweilen durch halb laute abgebrochne Worte und Seufzer, welche ich mir damals nicht zu erklären wusste, unterbrochen wurde. Der Mann mit dem Rauchfass erschien abermal, und erfüllte den ganzen Versammlungsort mit einer dicken Wolke von Weihrauch: und als sie sich zerteilt hatte, sah ich auf dem erhöhten platz vor dem bedeckten Tische – wen anders als meinen Unbekannten, im Begriff eine Anrede an die Gemeine zu halten. Seine Stellung und sein ganzes Aeusserliches gebot Ehrfurcht; er hatte das Ansehen eines Weisen, dessen Gemüt von allen Leidenschaften und Gebrechen der sterblichen natur gereinigt ist, und der gewohnter ist mit höhern Wesen als mit Erdenkindern umzugehen. Niemals hörte ich einen Menschen mit einem so wahren Tone der überzeugung von Dingen sprechen, die ausser der Einbildung und Vorstellungsart dessen, der sie glaubt, keine Realität haben, oder von deren Realität es wenigstens nicht möglich ist sich durch Anschauung oder Vernunftschlüsse zu überzeugen. Seine Rede bezog sich zwar unmittelbar auf das Lob eines gewissen Märtyrers (mit den Christianern zu reden), dessen Gedächtniss an diesem Tage von ihnen begangen wurde: aber ihr ganzer Inhalt schien mir darauf abgezielt zu sein, mir – den er doch wohl nicht ohne eine besondere Absicht hierher gebracht hatte – über die geheimnissvollen Dinge, in die er mich zu Smyrna hatte blicken lassen, einigen nähern Aufschluss zu geben. Er sprach von dem Jüngling, der an diesem Tage die Wahrheit durch die standhafteste Erduldung eines grausamen Todes verherrlichet habe, als von einem edlen Kämpfer, der in dem grossen Streite, worin die Kinder des Lichts mit den Geistern der Finsterniss und ihrem Anhang begriffen wären, rühmlich gefallen sei, um nach der bevorstehenden glorreichen Endigung dieses heiligen Krieges als Sieger wieder aufzustehen, und einer von denen zu sein, welche die neue Erde regieren würden. Er breitete sich mit hinreissender Beredsamkeit über diesen Zeitpunkt aus, dessen Glorien zu beschreiben ihm (wie er sagte) Bilder und Worte fehlten; wiewohl er den ganzen Reichtum der Sprache erschöpfte, nur einen matten Schattenriss davon zu entwerfen. Er kündigte ihn mit der Gewissheit eines Propheten, der das Künftige schon gegenwärtig sieht, als etwas sehr nahe Bevorstehendes an, und ermahnte die anwesenden Brüder und Schwestern (die er in der eigenen Sprache seiner Secte mit den prächtigsten Titeln belegte), um so tapferer und unermüdeter in dem Streite zu sein, wozu sie berufen wären, da jeder Sieg, den sie über den Feind erhielten, den grossen Tag beschleunigte, an welchem alles neu werden, oder vielmehr, durch die Wiedervereinigung mit dem Urquell des Guten, in den ursprünglichen Stand der reinsten und göttlichsten Vollkommenheit zurückkehren würde. Dieser Feind hätte, wie sie wohl wüssten, ehemals seinen Sitz in ihnen selbst gehabt, und seine herrschaft über sie durch die Gewalt ausgeübt, womit er sie zu den Werken der Finsterniss hingerissen hätte: aber, wiewohl er, seitdem der neue Mensch in ihnen zu leben angefangen, aus ihrem Herzen vertrieben sei, so suche und finde er doch, so lange das Göttliche in ihnen in diesem sterblichen leib gefangen gehalten werde, tausend Wege, sich durch die Sinne in den innerlichen Menschen wieder einzuschleichen, das Licht ihrer Seele zu umnebeln, und Aufruhr, Stürme und Verheerungen in ihrem Inwendigen anzurichten. Da nun zu Ertödtung des tierischen Menschen kein anderes Mittel sei, als das Leben des geistigen zu befördern, so ermahnte er sie mit grossem Ernste, dem erstern, so viel nur immer mit der schuldigen Erhaltung des natürlichen Lebens bestehen könne, alle Nahrung zu entziehen, jede sinnliche Lust und Begierde in der Geburt zu ersticken, und durch öfteres Fasten, Wachen und Anhalten im Gebet den Einfluss der himmlischen Kräfte in ihr Innerstes zu unterhalten. Söhne des Lichts, rief er, euch gebührt es, rein und ohne Makel zu sein,