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wie du bemerkt hast, ein Christianer war, und sogar eine wichtige person unter ihnen vorstellte, so kam doch damals, eben darum weil er mir Ehrfurcht und Vertrauen einflösste, kein Verdacht in meine Seele, dass er zu einer so verächtlichen Menschenclasse gehören könnte. Denn diess war sie in meinem Wahne so sehr, dass, wiewohl ich wusste dass sich eine zahlreiche Gemeine derselben zu Smyrna befand, mir gar nicht einfiel, die geringste Nachfrage ihrentalben zu tun.

Lucian.

Der Unbekannte scheint gute Nachrichten von dir gehabt zu haben. Denn nun sehe ich offenbar, dass er sich deiner zuvor versichern wollte, eh' er es wagte sich vor dir zu einem Namen zu bekennen, gegen welchen du so stark eingenommen warst. Würde er sonst Bedenken getragen haben, dich mit den Christianern zu Smyrna in Bekanntschaft zu bringen?

Peregrin.

In der Tat wusste er mehr von mir als ich ihm zutraute. Aber das letztere zu unterlassen, mochte er wohl noch einen andern Beweggrund haben: denn er war das Haupt einer von den vielen besonderen Secten, in welche sich die Christianer um diese Zeit zu spalten anfingen; und da die Gährung, welche seine Lehre in der Gemeine zu Smyrna verursachte, damals gerade am stärksten war, würde es auf keine Weise klug von ihm gewesen sein, mich in einem so kritischen Augenblicke zum Zeugen derselben zu machen. Aber durch alle diese Aufklärungen laufen wir der geschichte vor.

Ich hatte bald nach meiner Ankunft zu Smyrna von meinem Vater verschiedene Aufträge erhalten, die mich nötigten meinen Aufentalt an diesem Orte zu verlängern. Je weniger diese Geschäfte mit dem, was mir jetzt allein am Herzen lag, gemein hatten, desto mehr nahm meine sehnsucht, den Unbekannten wieder zu sehen und den Aufschluss seiner geheimnissvollen Eröffnungen von ihm zu erhalten, mit jedem Tage zu. Als meine Geschäfte geendiget waren, fehlten noch fünf bis sechs Tage bis zum siebenten nach dem Neumond. Ich verliess Smyrna, weil ich nichts mehr da zu tun hatte: aber zu Mitylene warteten neue Aufträge auf mich, und überdiess sollte ich sobald als möglich nach Parium zurückkehren. Was war also natürlicher, als von Smyrna gerade nach Mitylene, und von Mitylene nach haus zu reisen? Wozu diese Landreise nach Pergamus, die mich so weit von meinem Wege abführteals die Weissagung des Unbekannten wahr zu machen, welcher, wofern ich den Ausrechnungen der kalten Vernunft, und dem, was im grund meine Pflicht war, mehr Gehör gegeben hätte, als meinem Hang zum Ausserordentlichen, unstreitig diessmal zum Lügenpropheten geworden wäre. Aber wirklich wurde der Drang nach Pergamus zu gehen unvermerkt so stark, dass ich keinen Willen in mir fand, nur zu versuchen ob ich ihn überwältigen könnte. Das Sonderbarste an der Sache ist, dass die Vorhersagung des Unbekannten dadurch, dass ich sie vorsetzlich wahr machte, nichts von ihrem Wunderbaren in meinen Augen verlor: denn woher hätte er voraus wissen können, dachte ich, dass ich so viele Beweggründe, einen ganz andern Weg zu nehmen, dem blossen Verlangen ihn wieder zu sehen aufopfern würde, wenn er nicht die Gabe hatte, Gesinnungen in meiner Seele vorauszulesen, die in vielen Tagen erst entstehen sollten?

Lucian.

Mit Personen von so gutem Willen ist es in der Tat eine bequeme Sache ein Wundermann zu sein.

Peregrin.

Wie wollten die Wundermänner auch zurechte

kommen, wenn es nicht solche gutwillige, jeder Täuschung immer selbst entgegen kommende Seelen in der Welt gäbe? Diess war also auch hier der Fall. Ich reisete so eilfertig, als ob mir alles daran gelegen gewesen wäre, die Weissagung meines Unbekannten ja nicht zu wasser werden zu lassen, und langte schon am sechsten Tage nach dem Neumond zu Pergamus an, wo ich den ganzen Abend damit zubrachte, mich allentalben, wo er zu finden sein konnte, nach ihm umzusehen. Allein seine Stunde war noch nicht gekommen. Mein Glaube wurde dadurch nicht erschüttert, aber meine Ungeduld nahm überhand. Endlich ward ich des folgenden Tages einen Sklaven gewahr, der mir eine Zeit lang von ferne bald zur Seite gegangen bald nachgefolgt war, und mich sehr aufmerksam zu betrachten schien. Ich blieb bei einem alten Denkmale an einem wenig gangbaren platz stehen; der Sklave näherte sich mir endlich, fragte mich sehr demütig mit leiser stimme, ob ich Peregrinus von Parium sei? und da ich es bejahte, überreichte er mir einen versiegelten Zettel, der nichts als diese Worte entielt: "Folge diesem wohin er dich führen wird" – mit der Unterschrift, der Unbekannte von Smyrna. Der Sklave sagte hierauf: wenn ich diesen Abend um die vierte Stunde nach Sonnenuntergang mich an einem gewissen platz einfinden wollte, würde er mich dahin führen wo man mich erwartete. Ich versprach es. Die Stunde kam, ich begab mich an den bestimmten Ort, und bald erschien auch der Sklave wieder, und brachte mich durch eine Menge enger Gassen an eine kleine Tür, die uns, auf ein Zeichen das er gab, von innen aufgemacht wurde.

Ich folgte ihm an seiner Hand durch einen finstern gang in ein kleines Gemach, das er hinter mir verschloss. Auch dieser Winkel war ohne Licht, hatte aber eine viereckige Oeffnung, die mit einem so durchsichtigen Flor bedeckt war, dass sie die Stelle eines Fensters vertreten konnte. Ich wurde bald gewahr, dass diese Oeffnung durch die Mauer einer Scheune ging, welche von einigen Lampen ziemlich schwach erleuchtet war. So viel ich sehen konnte, befand sich hier eine Anzahl