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das meine letzte Entzauberung in meiner Seele zurückgelassen hatte, wieder auszufüllen; und dass die Harmonie in meinem inneren durch nichts andres hergestellt werden konnte, als indem die ganze Tätigkeit meines Geistes wieder auf den grossen Zweck gerichtet wurde, der, wiewohl ich ihn auf einem Irrwege verfehlt hatte, nicht aufhörte, noch ohne eine gänzliche Verwandlung meines Ich's aufhören konnte, das Ziel meiner ewigen sehnsucht zu sein. Mir war, als ob mich die Reden des Unbekannten mit einer neuen Lebenskraft angeweht hätten. Ihre Beglaubigung war in meinen eigenen Gefühlen und Wünschen. Sie blieben mir, wie sein Bild, immer gegenwärtig; mit jeder Erinnerung senkten sie sich tiefer in meine Seele ein, und sein Abschiedskuss brannte noch lange auf meiner Stirne.

Lucian.

Ganz gewiss wusste dein Unbekannter auch diess

voraus! Der verstand sich auf die prophetische Kunst! Und mit welcher Sicherheit er vorhersagte, ihr würdet euch am siebenten Tage nach dem ersten Neumond wiedersehen! Das ist doch keine Begebenheit, die sich so voraus berechnen lässt wie eine Mondsfinsterniss! Und er, er bestimmt nicht nur den Tag; er nennt dir, damit du ihn ja nicht verfehlen könnest, sogar den Ort, wo ihr euch wiederfinden würdet. Der grosse Prophet! Wie gut er seinen Mann kannte!

Peregrin.

Spotte nicht, Lucian! So simpel die Sache scheint, so gehörte doch vielleicht ein Mann von ungewöhnlichem geist dazu, ein so simples Mittel, seiner Sache gewiss sein zu können, zu finden. Du wirst über meine Einfalt lachen; ich gestehe dir aber aufrichtig, dass ich mir damals eben so wenig zu erklären wusste, wie der Unbekannte wissen könnte dass wir uns zu Pergamus wiedersehen würden, als woher er meinen Namen und meine begebenheiten zu Halikarnass erfahren habe.

Lucian.

Und doch hattest du nichts Eilfertigeres zu tun, als den Ort und den Tag in dein Denkbuch einzuzeichnen?

Peregrin.

Ich tat es wirklich, wiewohl ich meinem Gedächtniss auch ohne diese Beihülfe hätte trauen dürfen; aber als ich es tat, war ich weit von dem Vorsatz entfernt, die Vorhersagung durch eine freiwillige Reise nach Pergamus wahr zu machen. Indessen wurde doch nach einem vierzehntägigen Aufentalt zu Smyrna, wo die einsame Felsengegend alle Abende einen Besuch bekam, unvermerkt Anstalt gemacht, von Smyrna nach Kyme, von Kyme nach Myrina, von Myrina nach Grynion vorzurücken, ohne dass sich ein wesentlicherer Beweggrund hätte angeben lassen, als dass ich dem gebenedeiten Pergamus dadurch immer näher kam.

Lucian.

Darf ich dich, weil wir doch (wie es scheint) jetzt zu deiner Verbindung mit den Christianern gekommen sind, ohne Unterbrechung fragen, ob du vor dem Tage, der dich mit dem Unbekannten zusammenbrachte, niemals Neugier oder gelegenheit hattest, diese Leute näher kennen zu lernen? Eine aus Palästina entsprungene Secte, die einen gekreuzigten Gott zum Stifter hatte, und sich eines Geistes rühmte, welcher Galiläischen Fischern die Gabe mitteilte alle Sprachen des Erdbodens zu reden, eine Secte, welche die reinsten und erhabensten Grundsätze der Philosophie mit allem, was der Magismus Schwärmerisches hat, in Verbindung zu bringen wusste, und sich einer Menge von Mitgliedern rühmte, die durch die blosse Kraft ihres Glaubens, oft an Einem Tage, mehr und grössere Wunder gewirkt haben sollten, als dein Apollonius von Tyana in seinem ganzen Leben, – eine solche Secte, sollte man denken, hätte eine Imagination wie die deinige um so mehr reizen sollen, da sie einen so dichten Schleier um ihre Mysterien zog, und überdiess durch Beispiele der grössten Standhaftigkeit und einen mehr als Pytagorischen Gemeingeist die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Peregrin.

Beinahe möchte ich deine Frage auf dich selbst zurückdrehen; denn für einen so eifrigen Menschenforscher, wie du warst, scheinst auch du ehemals um eine genauere Kenntniss der Christianer wenig bekümmert gewesen zu sein.70

Lucian.

Die rechte Antwort auf diese Gegenfrage würde uns zu weit aus dem Wege führen, Freund Peregrin. Und dann wirst du mir erlauben zu sagen, dass der Fall bei dir und mir nichts weniger als eben derselbe war. Ich hatte einen natürlichen Abscheu vor dieser Art von Leuten; dich zog eine natürliche Sympatie zu ihnen.

Peregrin.

Also kurz, lieber Lucian, die Ursache, warum ich in der Tat nie neugierig gewesen war die Christianer näher kennen zu lernen, war die einfachste von der Welt; denn es war ungefähr eben dieselbe, warum ich nie daran dachte, mit den seltsamen Geschöpfen, womit du in deiner wahren geschichte den Mond und die Sonne bevölkert hast, Bekanntschaft zu machen. Du wirst dich erinnern, dass zu unsern zeiten in guter Gesellschaft entweder gar nicht, oder nur mit Verachtung von den Christianern gesprochen wurde. Zu Parium hatte ich kaum ihren Namen nennen gehört, und zu Aten auch diesen nicht. Mein Grossvater hegte aus mancherlei Ursachen einen gränzenlosen Abscheu vor Juden und Judentum; seine Vorurteile gegen sie waren vielleicht zum teil ungerecht, aber sie waren unheilbar: und weil die Christianer für eine Jüdische Secte galten, und, was noch schlimmer war, für eine, die sogar von den Juden selbst aus ihrem Mittel ausgestossen worden; so glaubte man ihnen kein Unrecht zu tun, wenn man das Schlechteste von ihnen dachte und sagte, zumal da ein so weiser und gerechter Fürst wie Trajan, und Männer wie Plinius und Tacitus71 diesen Vorurteilen gegen Juden und Christianer aufgewachsen, hatte ich es, wie gesagt, nie der Mühe wert gehalten, mich genauer nach ihnen zu erkundigen; und wiewohl mein Unbekannter,