1791_Wieland_110_49.txt

nicht zweifeln konnte seine Absicht sei mich anzureden, stand ich auf, als ob ich ihm meinen Sitz überlassen wollte, und machte eine Bewegung mich zu entfernen, aber wie einer der erst ein Band zerreissen muss, wodurch er zurückgehalten wird. – Wie, Peregrinus? sprach der Unbekannte mit einem Tone, der sogleich den Weg zu meinem Herzen fand, und einem Blicke, der wie ein Lichtstrahl in das Dunkle meiner Seele drang, – du fliehest vor deinem guten Genius? – Bei dieser Anrede blieb ich stehen, und raffte alle Kälte, die ich in meine Gewalt bekommen konnte, zusammen, um ihm statt der Antwort mit einer so ungläubigen als befremdeten Miene ins Gesicht zu sehen. Aber ich zweifle sehr, dass der Erfolg meinem Willen gehorsam war. Denn, indem ich es sprach, lief mir ein Schauder durch alle Adern, und das unfreiwillige Erstaunen, mich von einem so sonderbaren Unbekannten mit einer so seltsamen Anrede bei meinem Namen nennen zu hören, verschlang in einem Augenblicke mein Bestreben, dieses ausserordentliche Wesen durch eine angenommene Kälte von mir zurück zu schrecken.

Lucian.

Da haben wir's!

Peregrin.

"Kannst du, fuhr er in eben dem herzgewinnenden Tone fort, kannst du glauben, dass uns ein blosser Zufall hier zusammengebracht habe? Es gibt keinen Zufall, Peregrin! Wir sollten uns finden, und wir fanden uns."

Ich fühlte mich überwältigt. Ich setzte mich wieder auf meinen Stein, und der Unbekannte liess sich mir gegenüber auf einem bemoosten Felsenstücke nieder.

"Du fliehest die Menschen (fuhr er fort, da meine Zunge noch immer gebunden schien), du suchst die Einsamkeit, suchest Ruhe, und lebst im Kriege mit dir selbst, sehnest dich nach dem Licht, und taumelst in der Finsterniss. Noch so jung an Jahren, an Erfahrung schon so reich, was hast du an Weisheit gewonnen? Vor wenig Monaten noch eine so schöne Blume, wo ist der Glanz deiner Blüte? Empusen in Lichtgestalten haben ihn mit ihrem Hauche befleckt! Der stolze Ixion glaubte die Königin der Götter zu umarmen; noch glücklich, wenn die vermeinte Göttin an seinem Busen in eine Wolke zerflossen wäre! Aber er selbst schmolz in den Armen einer Sirene hin."

Und diess alles liesest du in meinem gesicht? rief ich mit Erstaunen und Bestürzung aus: wunderbares Wesen, wer bist du?

"Nicht wofür du mich vielleicht hältst, wiewohl worden, Peregrin! es ist Zeit, dass dir der Weg der Wahrheit aufgeschlossen werde. Ich nannte mich deinen guten Genius, denn ich vertrete seine Stelle bei dir; und, wiewohl ich im grund nicht mehr bin als du selbst, so kann ich doch, in der Hand dessen dem ich diene, ein Werkzeug deiner Rettung werden." –

Du begreifst, lieber Lucian, dass mein Erstaunen mit jedem Augenblicke wachsen musste. Wie konnte der Unbekannte mit den geheimsten Umständen meiner geschichte so vertraut sein, als ob er wirklich mein Genius wäre?

Lucian.

Dein alter Bedienter wird wieder geschwatzt haben.

Peregrin.

Da hätte er mehr sagen müssen als er selbst wusste.

Lucian.

Er wusste doch etwas, wenn schon nicht alles; und ein so schlauer Mann, als mir dein Unbekannter scheint, brauchte zu dem, was ihm deine eigene Gegenwart sagte, nur einige Bruchstücke von Nachrichten, um das Rätsel deiner person ziemlich leicht aufzulösen.

Peregrin.

In der Tat vermutete ich selbst so etwas, und dieser Gedanke gab dem letzten Funken von Misstrauen, den die Offenheit des Unbekannten in mir übrig gelassen hatte, noch so viel Nahrung, dass seine Reden nicht die ganze wirkung auf mich taten, die er erwarten konnte. Aber auch diess las er in meinem gesicht. "Mich wundert nicht, fuhr er fort, dass du unschlüssig bist, was du von mir denken sollst. Nichts ist was es scheint, wiewohl dem Erleuchteten alles scheint was es ist. Die natur ist eine Hieroglyphe, wozu wenige den Schlüssel haben, und der Mensch kennet alles andre besser als sich selbst. Er gleicht einem ausgesetzten Königsohne, der, von Hirten erzogen, in schlechter Gesellschaft, unter tausend verworrenen Zufällen und Abenteuern grau ward, ohne von seinem Ursprung und von dem, wozu er geboren war, einige Ahdung gehabt zu haben. Was für Trost hat der Blinde davon, dass rings um ihn her Sonnenschein ist? Was hilft dem Bettler das Gold in den Eingeweiden der Erde? Das Leben des Menschen, das sein Alles scheint, ist nichts; immer von einem augenblicke verschlungen, der schon dahin ist ehe man gewahr wurde dass er da war, ist es nichts! Aber, – o möchten's die Menschen wissen! möchte' es ihnen der Donner, der die toten wecken wird, in die Seele donist." Mein Unbekannter gab dieses sonderbare Orakel mit einer Begeisterung, einem Feuer in den Augen, einem, ich weiss nicht welchem mehr als menschlichen Klang der stimme, von sich, dass ich davon ergriffen wurde, und den Mut verlor, ihn zu fragen was er damit wollte. Nachdem wir beide eine ziemliche Weile geschwiegen hatten, nahm er das Wort wieder, und sagte in einem sanftern, aber nach und nach immer feierlicher werdenden Tone: "Du bist zu einer grossen Bestimmung berufen, Peregrin! – Eine mächtige stimme vom Himmel ist durch alle land erschollen. Der Eingeladenen sind viele, aber die Zahl der Erwählten ist klein. Wir stehen am rand