wohin ich wollte, stand noch immer unverrückt, als der einzige Zweck meines Daseins, in dunkler Ferne vor meinen Augen; und bis ich den rechten Weg dahin gefunden hatte, war keine Ruhe noch Glückseligkeit für mich. Mein Zustand in dieser Gemütslage ist der dunkelste Schatten im Gemälde meines Erdelebens, woraus ich dir jetzt die lichtesten Stellen aushebe. Alles, was ich mich davon erinnern kann, ist, dass es mir unmöglich schien, aus dieser Leerheit, diesem Hin- und Herschwanken, dieser immer getäuschten Bestrebung in einem bodenlosen Moore Grund unter mir zu finden, mich jemals heraus zu arbeiten, und dass mir diese Unmöglichkeit endlich unausstehlich wurde. Ich irrte von einem Orte zum andern, und konnte nirgends bleiben. Da ich mich aber, nachdem auf diese Weise mehrere Monate verstrichen waren, jetzt vor allen Nachstellungen der Römerin sicher hielt, kehrte ich nach der Ionischen Küste zurück, und langte zu Anfang der schönen Jahreszeit in Smyrna an, ohne dass die körperliche Stärkung, die mir diess mühsame Herumwandern verschaffte, eine merkliche Erheiterung meines Gemütes hätte bewirken können.
Zu Smyrna war meine erste sorge, den alten Menippus zu besuchen, der ohne seine Schuld die Veranlassung zu allen Abenteuern gegeben hatte, welche mir seit unserer ersten Zusammenkunft zugestossen waren: aber ich fand ihn nicht mehr unter den Lebenden. Der Anblick einer unzähligen Menge von Fremden, wovon dieser grosse Handelsplatz wimmelte, und worunter ich viele Aegyptier, Syrer und Armenier sah, weckte jetzt auf einmal den Gedanken wieder in mir auf, der mich vor andertalb Jahren nach Smyrna geführt hatte; und ich beschloss, zu Ausführung desselben mich an Bord des ersten Schiffes zu begeben, dass nach Laodicea abgehen würde.
Während ich die Anstalten zu einer so langen Reise machte, traf es sich eines Tages, dass mir auf einem einsamen Spaziergange, den ich in einer Gegend des Ufers, wo der Fusstritt eines Menschen etwas Seltenes war, beinahe alle Abende zu machen pflegte, ein Mann in den Wurf kam, der hier eben so fremd zu sein schien als ich, und durch seine Gestalt und Miene sowohl als durch seine Kleidung, die einen Syrer oder Phönicier vermuten liess, meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nie sah ich so viel Tiefsinn mit so viel Feuer, einen so finstern blick mit einer so offnen Stirn, und etwas so Anziehendes mit einem solchen Ehrfurcht-gebietenden Ernst in Einem gesicht vereinigt. Ich fand ihn, indem ich um die Ecke eines vorragenden Felsen herumkam, in einer natürlichen Nische, welche die Zeit in den Felsen gegraben hatte, auf einem Steine sitzen, mit einem aufgerollten buch auf seinem Schoosse, in dessen Lesung er begriffen war, als ihn meine unvermutete Erscheinung aufzuschauen bewog. Er warf, unter seinen schwarzen überhängenden Augenbrauen hervor, einen scharfen blick auf mich, und fuhr wieder fort in seinem buch zu lesen. Ich weiss nicht welcher geheime Zug sich bei seinem Anblick in mir regte. Meine erste Bewegung war, mich ihm zu nähern: aber ich sah so wenig Einladendes in seinem Auge, dass ich es nicht wagte. Ich ging tiefer in den Wald hinein, der sich auf dieser Landspitze bis nah ans Ufer erstreckte, und als ich zurückkam, fand ich den Unbekannten nicht mehr.
Des folgenden Abends trieb mich ein mehr als gewöhnlicher Grad von Trübsinn abermals in diese Gegend. Ich sah mich lange vergebens nach dem Fremdling um, den ich, ohne zu wissen warum, hier wieder anzutreffen hoffte. Alles weit umher war einsam, still und schauervoll. Meine Gedanken wurden immer trüber. Ich stand mit gesenkter Stirn, an den Rumpf einer alten Eiche gelehnt, als ich auf einmal den Fremden gewahr ward, der langsam bei mir vorüber ging. Er hielt einen Augenblick still, heftete einen blick auf mich, der mir bedeutungsvoll schien, wiewohl ich ihn nicht entziffern konnte; und als ich, nach einigem Zaudern, zum Entschluss kam ihm zu folgen, war er wieder verschwunden.
Der Mann fing an mich zu beunruhigen. Ich entfernte mich; aber sein Bild folgte mir; ich konnte mich nicht davon los machen, und es kam mir sogar im Schlafe wieder vor. Etwas, das ich mir selbst nicht erklären konnte, hielt mich am dritten Abend zurück, den einsamen Ort, wo ich diese sonderbare Erscheinung schon zweimal gehabt hatte, zum drittenmale zu besuchen: aber ein eben so unerklärbares Etwas zog mich beinahe wider meinen Willen dahin. Ermüdet setzte ich mich auf den Stein, wo der Unbekannte neulich gesessen hatte, und hing, den Kopf auf den rechten Arm gestützt, meinen gewöhnlichen Gedanken nach, als er plötzlich wieder vor mir stand.
Lucian.
Man muss gestehen, Peregrin, deine Abenteuer haben alle einen ganz eigenen Anfang – immer so feierlich! so geheimnissvoll!
Peregrin.
Das ist das letzte, Lucian, das sich so anfängt; und wiewohl meine Neugier gereizt war, so gewann doch der Unbekannte durch diese ungewöhnliche Art meine Bekanntschaft zu suchen nichts, als dass ich alle meine Klugheit (welches freilich nicht viel gesagt ist) aufbot, um auf meiner Hut gegen ihn zu sein. Dioklea hatte mich misstrauisch gemacht.
Lucian.
Und doch wollte ich wetten, mit allem deinem Misstrauen wurdest du so gut wieder betrogen, als du dich mit der reizenden Kallippe, dem schönen Gabrias, und der göttlichen Dioklea betrogst, da du lauter Vertrauen warst.
Peregrin.
Alles zu seiner Zeit, lieber Lucian. – Sobald der Unbekannte nahe genug war, dass ich