so unverhofft gelegenheit gemacht hatte, so dauerte dieser neue und letzte Rückfall länger, als ich dir ohne Beschämung gestehen dürfte.
Lucian.
Ich glaube gar, du willst dir noch leid sein lassen, dass die Götter des Vergnügens mit ihren Wohltaten so verschwenderisch gegen dich gewesen sind? Täuschung oder nicht! welcher König (möchte ich mit Anagallis-Dioklea sagen), ja welcher Weise in der Welt hätte sich nicht um diesen Preis täuschen lassen wollen!
Peregrin.
Um die Sache in ihrem wahren Lichte zu sehen, lieber Lucian, musst du dich in meine eigenste person hineindenken, und den Zustand, worin du mich so neidenswürdig findest, mit demjenigen vergleichen, worin ich von Kindheit an aufgewachsen war, und der im grund als eine blosse Entwicklung meines Ichs anzusehen ist. Wäre meine vorige Gemütsverfassung, und die ganze Sinnesart, woraus sie entsprang, bloss das Werk einer unfreiwilligen Beraubung angenehmer Gegenstände, und also eines notgedrungnen Bedürfnisses, den Mangel eines reellen Genusses durch Chimären zu ersetzen – kurz, wäre das hohe Selbstgefühl, die innere Ruhe, die Zufriedenheit mit mir selbst, das Ahnden einer erhabenen Bestimmung, und das Aufstreben zu idealischer Vollkommenheit, die mein vormaliges Glück ausmachten, blosse Täuschung gewesen: dann wäre wohl nichts begreiflicher, als warum sie gegen eine Kette der lebhaftesten und ausgesuchtesten Vergnügungen der Sinne und des Geschmacks, welche keine Täuschungen sind, nicht hätten aushalten können. Aber jene Ideen und Gesinnungen, wie viel oder wenig sie auch mit Wahnbegriffen in meinem kopf verschlungen sein mochten, waren meinem Gemüte natürlich und wesentlich; die moralische Venus, die meinem geist vorschwebte, war kein Phantom, sondern ewige unwandelbare Wahrheit; nicht dieses Ideal, sondern meine durch erwachende Naturtriebe überraschte Phantasie, hatte mich in das künstliche Netz gelockt, das meiner erfahrungslosen Jugend von sinnlicher Liebe und Wollust gestellt wurde. Diess, däucht mich, macht einen grossen Unterschied; und bei dieser Bewandtniss der Sache ist wohl nichts natürlicher, als dass ich keine dauernde Zufriedenheit in einem Zustande finden konnte, worin tausend andere sich viele Jahre lang den Göttern gleich geachtet hätten.
Indessen dauerte doch dieser letzte Rückfall in das goldne Netz der Zaubrerin Dioklea lange genug, dass ich das Vergnügen hatte mein beliebtes Rosenwäldchen zum zweitenmale in voller Blüte zu sehen. Während dieser Zeit hatte Mamilia mehr als Einmal den Einfall gehabt, und Mittel gefunden, ihre vernachlässigten Ansprüche wieder geltend zu machen: da sie aber, nach ihrer leichten Sinnesart, bloss die Vergnügung einer augenblicklichen Laune suchte, und weder zu lieben wusste noch geliebt zu werden verlangte, so schien sie mich ihrer Freundin immer wieder mit eben so wenig Eifersucht zurückzugeben, wie sie ihr alles übrige, was sie hatte, zum Gebrauch überliess. Denn diess tat sie mit so wenigem Vorbehalt, dass ein Fremder lange ungewiss bleiben konnte, welche von beiden die Dame des Hauses sei. Ueberdiess brachte sie einen grossen teil der Zeit, die ich noch hier verweilte, bald zu Milet, bald auf ihren Gütern zu Rhodus zu, und schien sich ohne uns gut genug zu belustigen, um von unserm Tun und Lassen keine Kenntniss zu nehmen.
Dioklea bediente sich dieser Freiheit mit so vieler Behutsamkeit, hatte eine so grosse Mannichfaltigkeit reizender Formen und Umgestaltungen in ihrer Gewalt, wusste auf so vielerlei Art zu gefallen, und dem Ueberdruss durch eine so grosse Abwechslung und eine so feine Mischung der Vergnügungen der Sinne, der Einbildungskraft und des Geschmacks zuvorzukommen, dass sie sich mit einigem Rechte schmeicheln konnte, einen bei eben so vieler Empfindsamkeit weniger sonderbaren Menschen als ich war, noch ziemlich lange in ihren Fesseln zu erhalten. Gleichwohl konnte sie mit allen ihren Künsten nicht verhindern, dass die Täuschung, die dazu gehörte, wenn sie sich sogar in den Augen eines sehr von ihr eingenommenen Zuschauers in eine Psyche, Danae, oder Leda verwandeln sollte, immer schwerer wurde, je öfter man sie in dergleichen Rollen gesehen hatte; und wie nichts unterm mond vollkommen sein kann, so war es ganz natürlich, dass sie mir, nachdem die Stärke des ersten Eindrucks durch öftere Wiederholung geschwächt worden war, zuletzt immer weiter unter dem Ideale zu bleiben schien, dem sie so nahe als möglich zu kommen sich beeiferte.
Die Zeit, da auch dieser Talisman alle seine Zauberkraft an mir verlor, rückte immer näher heran, als die schöne Mamilia auf den Einfall geriet, die bevorstehenden Dionysien durch ein grosses Bacchanal zu feiern, wobei Dioklea die Ariadne und ich den Bacchus vorstellen sollte.
Du wirst mich, denke ich, gern mit einer Beschreibung dieses Festes verschonen, dessen ich mich ungern erinnere, wiewohl es würdig gewesen wäre, einem Sardanapal68 oder Elagabalus gegeben zu werden. Die üppige Römerin, die sich viel darauf zu gut tat, die ganze Einrichtung dieser Lustbarkeit mit allen ihren Scenen selbst erfunden und angeordnet zu haben, hatte sich vorgesetzt, die Darstellung eines ächten Bacchanals, wie es von Malern und Dichtern geschildert wird, so weit zu treiben als sie nur immer gehen könnte; und sie hatte zu diesem Ende eine ziemliche Anzahl frischer wohl gebildeter Jünglinge aus ihren weitläufigen Landgütern zusammengebracht, welche die Faunen und Satyrn vorstellen mussten, während sie selbst sich an der bescheidenen Rolle einer gemeinen Bacchantin genügen liess. Aber, ihrer Meinung nach, der feinste Zug von Imagination an dem ganzen Feste, und etwas, wodurch sie mich auf eine sehr angenehme Art zu überraschen hoffte, war: dass sie mit ihrer immer gefälligen Freundin die Abrede genommen hatte, wenn diese, als Ariadne, ihre person bis