1791_Wieland_110_45.txt

Annehmlichkeiten ihrer Lage in diesem haus aufzuopfern, meine Flucht zu befördern, und mir, an welchen Orte der Welt es mir gefiele, zu folgen.

Lucian.

Das uneigennützige Nymphchen hätte also doch

sen, grossmütig fürlieb genommen?

Peregrin.

Sie war noch uneigennütziger als du denkst; denn es zeigte sich in der Folge, dass sie, wie ihr der Anschlag alles zu haben nicht gelingen wollte, bescheiden genug gewesen wäre, mich mit den Empusen zu teilen. Ich machte mich mit so guter Art als ich konnte von ihr los, indem ich ihr ein unverbrüchliches Stillschweigen über die Geheimnisse, die sie mir vertraut hatte, angeloben musste. Die Flucht, womit ich schon mehrere Tage umging, war mit so wenig Schwierigkeiten verbunden, dass ich der hülfe dieser Sklavin dazu nicht vonnöten hatte. Aber, anstatt dass ihre geheimen Nachrichten von Diokleens bisherigem Lebenslauf, und die Furcht, die sie mir vor ihrer angeblichen Zauberei einzujagen hoffte, meine Lust zum Fliehen hätte vermehren sollen, fand ich mich nach dieser Unterredung weniger dazu geneigt als jemals. Ich konnte mich nicht entschliessen, die Villa Mamilia zu verlassen, bevor mich Dioklea eine probe ihrer so hoch gerühmten Geschicklichkeit in der pantomimischen Tanzkunst hätte sehen lassen. Ich ergriff die erste gelegenheit, die sich anbot, um zu versuchen ob ich ihr Lust dazu machen könnte, ohne ihr merken zu lassen, dass ich mehr von ihrer geschichte wisse, als traf sich, dass einer von den Knaben und eines von den kleinen Mädchen, womit dieses Haus so reichlich bevölkert war, während wir bei Tische sassen, die Fabel von Amor und Psyche ganz artig für Kinder ihres Alters tanzten. Ich möchte wohl, sagte ich, nachdem wir ihnen eine Weile zugesehen hatten, ein so schönes Sujet von der berühmten Anagallis tanzen gesehen haben! Mein Wille war, indem ich diess sagte, so unbefangen dazu auszusehen, dass Dioklea glauben müsste, ich dächte nicht mehr noch weniger dabei, als wenn ich gewünscht hätte die Glycera des Menanders oder die Corinna des Ovidius gesehen zu haben: aber ich errötete, zu meinem grossen Verdruss, so plötzlich und stark bei dem Namen Anagallis, dass sie leicht merken konnte, ich müsse mehr von ihr wissen als ich das Ansehen haben wollte. Ohne die geringste Betroffenheit in ihrem gesicht zu zeigen, versetzte sie: du hast also auch von dieser Anagallis gehört? Und da ich mich wunderte, wie sie daran zweifeln könne, flüsterte sie mir lächelnd zu: ich bin eine mächtigere Zaubrerin als du denkst; du sollst sie tanzen sehen, wiewohl sie schon eine geraume Zeit aus der Welt verschwunden ist.

Ein paar Tage darauf lud sie mich zu einem kleinen Schauspiel ein, das sie mir zu Ehren veranstaltet habe. Die Scene war mit zwei Chören von Liebesgöttern, Zephyrn und jungen Nymphen besetzt, die unter einem mit Musik begleiteten Tanz einen Lobgesang auf Amor und Psyche zu singen anfingen. Bald darauf teilten sie sich wieder zu beiden Seiten, und es erschien eine Tänzerin, die mir beim ersten Anblick die nämliche Psyche darstellte, die ich öfters in Mamiliens Galerie betrachtet hatte, wo sie, von der Hand Aëtions gemalt, unter die vorzüglichsten Zierden derselben gerechnet wurde. Ihre Kleidung, von einem sehr zarten Indischen Gewebe, zeichnete mit Anstand und Grazie die zierlichste Jugendgestalt, und eine Fülle der feinsten goldgelben Haare floss in grossen ringelnden Locken um ihre schönen Schultern den rücken hinab. Ohne diese gelben Haare hätte sie beim ersten Anblick Dioklea scheinen können; wiewohl die Tänzerin auch noch schlanker und feiner gebildet schien. Ich betrachtete sie mit einem halb schauderlichen Erstaunen, ungewiss wofür ich sie halten sollte, und beinahe zweifelhaft, ob das was ich sehe nicht wirklich ein Wunder der Zauberkünste sei, deren die Sklavin Myrto ihre Gebieterin beschuldigt hatte. Aber das sogleich angehende Spiel ihrer arme und hände, oder vielmehr die bewundernswürdige Musik aller Glieder und Muskeln ihres ganzen Körpers, die mit unbeschreiblicher Fertigkeit, Wahrheit und Anmut zu einem immer malerischen und vorbildenden Ausdruck der Fabel, deren verschiedene Scenen sie darstellte, zusammenstimmtenbemächtigte sich meiner ganzen Aufmerksamkeit zu stark, um einem andern Gedanken Raum zu lassen. Dieser pantomimische Tanzder, ohne hülfe der Wortsprache, bloss von einer melodiösen und ausdrucksvollen Musik unterstützt, in einer allgemein verständlichen, unmittelbar zur Empfindung und Einbildungskraft redenden Sprache, die feinsten Schattierungen nicht nur der stärkern Leidenschaften, sondern sogar der zartesten Gemütsregungen, den Augen mit der grössten Deutlichkeit verzeichnetegewährte mir ein Vergnügen, das nach und nach zu einem nie gefühlten und beinahe unaushaltbaren Entzücken stieg. Aber was wurde erst aus mir, als auf einmal alle Amoretten und Nymphen verschwanden, und die reizende Psyche in meine arme flog, mich vollends zu überzeugen, dass sie mir Wort gehalten, undum mich einen der stärksten Züge aus dem Nektarbecher der Wollust tun zu lassenwieder Anagallis geworden sei! – O gewiss warst du eine Zaubrerin, Dioklea! wiewohl in einem andern Sinn als es die uneigennützige Myrto nahm; in dem einzigen, worin es vermutlich jemals Zaubrerinnen gegeben hat: denn alles was natur und Kunst Reizendes, Verführerisches und Seelenschmelzendes haben, war in dir aufgehäuft! Wer hätte, mit einer Empfindlichkeit wie die meinige, deinen Zaubereien widerstehen können! – Diese einzige Stunde, Lucian, warf mich auf einmal mitten in den Taumel der ersten Tage meiner Verirrungen zurück: und da die gefälligkeit der wieder auferstandnen Anagallis eben so unerschöpflich war, als die Quelle dieser neuen Art von Unterhaltung, wozu ich ihr