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als alles was diese Damen sagen und tun konnten, um die einmal aufgelöste Bezauberung der ersten Wonnetage wieder herzustellen. Die Römerin hoffte es durch Verdopplung dessen, was sie ihre Zärtlichkeit nannte, zu bewerkstelligen, beschleunigte aber dadurch die gegenseitige wirkung. Die Tochter des Apollonius versuchte es auf einem andern Wege. Sie liess meine Sinne unangefochten, machte bloss die Freundin und Ratgeberin, schien nichts Angelegneres zu haben als mich zu beruhigen und mit mir selbst auszusöhnen; und indem sie die Unterredung bei jeder gelegenheit vom Gegenwärtigen ablenkte und ins Allgemeine spielte, suchte sie mir unvermerkt eine feine Aristippische Art zu philosophieren einleuchtend zu machen, die in ihrem mund eine so einnehmende Gestalt annahm, dass die ganze Widerspänstigkeit eines zum Entusiasten gebornen Menschen dazu erfordert wurde, nicht von ihr gewonnen zu werden. Sie erhielt indessen doch immer so viel, dass die Grazien ihres Geistes, die sich in diesen Gesprächen in so mancherlei vorteilhaftem Lichte zeigen konnten, mir ihren Umgang immer unentbehrlicher und gar bald zu dem einzigen machten, was mich an diesen Ort fesselte. Wir verirrten uns unter diesen Gesprächen zuweilen in ihre Felsenwohnung, oder in das Rosenwäldchen, dessen Anblick so viel angenehme Erinnerungen in meiner Seele wieder anklingen machte; und nicht selten endigte sich dann unser Streit über die Verschiedenheit unsrer Grundbegriffe auf eine Art, die das Uebergewicht der Aristippischen Philosophie über die Platonische völlig zu entscheiden schien; wiewohl im grund nichts dadurch bewiesen wurde, als die Schwäche des Platonikers, und die grosse Fertigkeit seiner Gegnerin in dem, was man die Sophisterei ihres Geschlechts nennen möchte. Genug, sie verhalf der schlimmern Seele zu manchem schmählichen Sieg über die bessere: aber eben diess stürzte mich unversehens in jenen gewaltsamen und qualvollen Zustand zurück, der von dem ewigen Widerspruch zwischen einer Art zu denken, deren Wahrheit man im Innersten fühlt, und einem Betragen, das man immer hintennach missbilligen muss, die natürliche Folge ist.

Während dieses seltsame verhältnis zwischen Diokleen und mir bestand, hatte Mamilia, deren Leidenschaften eben so schnell verbraus'ten als aufloderten, einen neuen Gegenstand für ihre launenvolle Phantasie gefunden. Sie war fast immer abwesend, und schien sich eine geraume Zeit gar nicht mehr um mich zu bekümmern. Ohne Zweifel trug die Ruhe, die sie uns liess, viel dazu bei, dass auch jenes Verständniss mit Diokleen, das im grund weder Liebe noch Freundschaft war, den Reiz ziemlich bald verlor, den es anfangs für mich gehabt hatte. Der leeren Stunden wurden immer mehrere, in welchen der Zweikampf der beiden Seelen sich erneuerte, und der Sieg sich endlich auf die Seite der bessern neigte, ohne dass Dioklea, die es auf der andern Seite an mancherlei Kriegslisten nicht fehlen liess, mehr als einige Verzögerung ihrer gänzlichen Niederlage bewirken konnte. Ich sah mich mit Unwillen und Selbstverachtung wie in den Stall einer neuen Circe eingesperrt. Jeden Morgen stand ich von meinem weichen aber meist schlaflosen Lager mit dem Vorsatz zu entfliehen auf, und legte mich jede Nacht mit Grimm über mich selbst nieder, dass ich den Mut nicht gehabt hatte ihn auszuführen.

Einsmals, da ich mit der ersten Morgenröte aufgestanden war, und in dem abgelegensten Teile des Waldes, der an Mamiliens Gärten stiess, verdriesslich und unentschlossen herum irrte, kam eine reizende weibliche Gestalt zwischen den Bäumen hervor geschlichen, die mich aufzusuchen schien, und in welcher ich bald eine der vermeinten Nymphen erkannte, die uns in Diokleens Felsenwohnung bedient hatten. Diese Sklavin, Myrto genannt, war eines von den Geschöpfen, die eine allgemeine Empfehlung an die ganze Welt in ihrem gesicht tragen; und sie redete mich mit so vieler Anmut und anscheinender Schüchternheit an, dass ich nicht stark genug war, die Unhöflichkeit zu begehen und ihr den rücken zuzukehren, wie mein erster Gedanke gewesen war, da ich sie erkannte. Sie sagte mir, sie habe schon lange diese gelegenheit gesucht mich allein zu finden, um mir verschiedene Dinge, die mir nicht gleichgültig sein könnten, zu entdecken; und nachdem wir uns in einem Gebüsche, wo wir nicht überrascht zu werden besorgen durften, gesetzt hatten, fing sie damit an, mir im engesten Vertrauen eine Menge geheimer Nachrichten von Mamilien mitzuteilen, die nicht sehr geschickt waren den Widerwillen zu mildern, den ich bereits gegen diese Venus Pandemos66 gefasst hatte. Aber was der guten Nymphe ganz besonders am Herzen lag, war die allzu günstige Meinung herunter zu stimmen, die ich von ihrer Gebieterin Dioklea zu hegen schien. Die umständliche geschichte, die sie mir von ihr erzählte, würde uns zu weit von der meinigen entfernen; ich will also nur das Wesentlichste davon berühren.

Die sogenannte Dioklea war, unter den Namen Chelidonion, Dorkas, Philinna, Anagallis, und einer Menge anderer dieser Art, schon zwanzig Jahre in Griechenland, Italien und Gallien eine der bekanntesten Personen ihrer klasse gewesen, ehe sie zu Halikarnass als Prophetin auftrat und sich Dioklea nennen liess. Ein junger Tessalier hatte sie beinahe noch als Kind zu Korint einem mann abgekauft, der mit hübschen Mädchen handelte, und ein feines Sortiment von dieser schlüpfrigen Waare beisammen hatte. Ein paar Jahre hernach bekam ein alter Epikuräer zu Aten Lust zu ihr, als sie mit einer kleinen truppe von herumziehenden Tänzern und Luftspringern in Gestalt einer Flötenspielerin vor seine tür kam: er nahm sie zu sich, und fand grosses Belieben daran, die mannichfaltigen Talente, die er in dem Mädchen aufkeimen sah, auszubilden, und ihr die Maximen von Klugheit und Wohlanständigkeit einzuprägen, durch deren Beobachtung sie sich in der Folge so