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Ende machte, verfehlte die wirkung nicht, welche die Tochter des Apollonius von ihren Reizungen und meiner starken Anlage, immer auf eine oder andere Art zu schwärmen und getäuscht zu werden, erwartete. Meine Verführerinnen glaubten die ausserordentlichen Mittel, die nun nicht länger zu gebrauchen waren, auch nicht länger nötig zu haben. Sie hatten den Zauber, der vorher auf meiner Einbildungskraft lag, nun auf meine Sinne geworfen, und zweifelten nicht, in der fortwährenden Trunkenheit, worin sie mich durch immer abwechselnden Genuss der ausgesuchtesten Vergnügungen zu erhalten wussten, mich unvermerkt dahin zu bringen, dass meine vorige denkart mir selbst endlich eben so lächerlich werden müsste als sie ihnen war. Kurz, sie hofften mich aus dem eifrigsten Verehrer und Nachahmer des Pytagoras und Apollonius in den ausgemachtesten Epikuräer zu verwandeln. Auch in den Künsten, die zu einer solchen Operation erfordert wurden, war Dioklea eine ausgelernte Meisterin; und hätte nur Mamilia mehr Gelehrigkeit für ihre Unterweisungen gehabt, so möchte es ihr, wo nicht auf eine sehr lange, doch gewiss auf eine weit längere Zeit gelungen sein, mich in dem Taumel zu erhalten, der in den ersten Tagen nach ihrer Zurückkunft mein ganzes Dasein in einem fortdauernden Moment von Genuss und Wonne verschlang. Aber diese kluge Mässigung, die allen Befriedigungen der Sinne so nötig ist, diese Kunst dem Ueberdruss von ferne schon zuvorzukommen, die Begierde immer lebendig zu erhalten, sie auf tausendfache Art zu ihrem desto grösseren Vergnügen zu hintergehen, sie in jedem Genuss einen noch vollkommnern ahnden zu lassen, und diess alles auf eine so ungezwungene Art und mit so viel Grazie zu bewerkstelligen, dass es natur scheint, – alle diese feinen Künste, worin Dioklea unübertrefflich war, vertrugen sich nicht mit der raschen Sinnesart der feurigen Römerin. Der Zwang, den sie sich hätte auflegen müssen, um ihren Adonis wie einen Liebhaber, den man verlieren könnte, zu behandeln, war der Tod des Vergnügens in ihren Augen: kurz, sie betrug sich als ob sie wirklich die Göttin wäre, deren Rolle sie so gern spielte; und ihr Günstling hätte nichts Geringer's als der ewig junge Apollo oder der unerschöpfliche Sohn der Alkmena sein müssen um nicht viel eher, als sie es vielleicht erwarten mochte, gesättigt, ermüdet, und wieder zu sich selbst gebracht zu werden.

Wie unangenehm die Gefühle und Betrachtungen sein mussten, die auf dieses zweite Erwachen folgten, wird dir die Kenntniss, die du bereits von der eigenen Form meiner Seele, und der sonderbaren Vorstellungsart die ihr natürlich war, erlangt hast, anschaulicher machen, als ich es durch irgend eine Schilderung bewirken könnte. Diese Form, diese Vorstellungsart war mir zu wesentlich, um durch irgend eine zufällige Veränderung ausgelöscht zu werden. Die ungewohnte Trunkenheit, worein Mamiliens Zauberbecher meine Sinne gesetzt hatte, konnte unter keinen Umständen von langer Dauer sein; und ihre verschwenderische Art zu lieben beschleunigte nur den Augenblick des Erwachens.

Mein erstes Gefühl in diesem schmerzlichen Augenblicke war die Höhe, von welcher ich gefallen war, und die Tiefe, worin ich lag. Aber glücklicherweise war es nicht der Sturz eines Ikarus, dessen mit Wachs zusammengeleimte Flügel an der Sonne schmolzen, sondern der Fall eines Platonischen Dämons aus den überhimmlischen Räumen in den Schlamm der gröbern Elemente. Wie gross auch meine Beschämung darüber war, so fühlte ich doch, dass mich dieser Fall nur erniedriget und besudelt, nicht zerschmettert hatte. Die Schwingen meiner Seele waren nicht zerbrochen; ich konnte sie wieder loswinden, mich wieder in die reinen Lüfte, die ich gewohnt war, emporschwingen, und die Erfahrungen selbst, die mich jetzt demütigten, konnten mir dazu dienen, mich künftig vor ähnlichen Verirrungen zu hüten, und das Ziel meiner innersten Wünsche desto sicherer zu erreichen.

Dieses Gefühl allein, oder vielmehr die Ahndung dieser Gedanken, und das dunkle Bewusstsein der in mir liegenden Kräfte und Hülfsquellen war es, was mich in den ersten Augenblicken vor Verzweiflung bewahrte. Aber es fehlte viel, dass Gedanken wie diese gleich anfangs die Oberhand gehabt, und mit ihrer ganzen Stärke auf mich gewirkt hätten. Im Gegenteil, ich wurde finster, missmutig und übellaunisch; alles umher verlor seinen Reiz und Glanz, und nahm die Farbe meiner düstern Seele an; ich verachtete mich selbst, und zürnte bitterlich auf diejenigen, die mich dazu gebracht hatten. Und dennoch hatte dieses Seelenfieber seine Abwechslungen; und ich lernte nun verstehen, was Xenophons Araspes64 mit dem Streit seiner beiden Seelen sagen wollte, denn ich erfuhr es in mir selbst. Ich schämte mich, wie ein anderer nektartrunkner Ixion65, eine Teatergöttin für Venus Urania genommen zu haben, und erinnerte mich doch mit Entzücken der Augenblicke wo mich diese Täuschung zum glücklichsten aller Sterblichen machte. Ich betrachtete in den Stunden der bösen Laune die üppige Mamilia als eine zauberische Lamie, die mich bloss desswegen nährte und liebkosete, um mir alles Blut aus den Adern zu saugen; und bald darauf, wenn ein Becher voll unvermischten Weins von Tasos in der schönen Hand dieser Lamie dargeboten, und zuvor von ihren wollustatmenden Lippen beschlürft, meine Lebensgeister wieder in Schwingung setzte, war ich wieder schwach genug, eine irdische Venus in ihr zu sehen, und in ihren immer willigen Armen neuen Stoff zu der bittern Reue zu holen, die meine einsamen Stunden vergiftete.

Wie sehr ich mich auch eine Zeit lang bemühte, diesen peinvollen Zustand meines Gemütes vor Mamilien und ihrer scharfsichtigen Freundin zu verbergen, so war es doch (wie du leicht denken kannst) eben so verlorne Mühe,